Hermann Sommer - Die Laute
Einleitung
Das vorliegende Werk stellt sich in erster Linie die Aufgabe, das Wichtigste und Wissenswerteste aus der sehr umfangreichen, fast durchweg schwer verständlichen und zum Teil auch sehr schwer erreichbaren älteren Literatur über die Laute neu gegliedert und in leicht verständlicher Fassung vorzutragen. Anknüpfend an die zum Teil heute noch gültigen grundlegenden Lehrsätze der Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts sollen dann die Ergebnisse der neuzeitlichen Musikforschung besprochen werden. Während die alten Autoren in wesentlichen Fragen selbst zu Worte kommen, werden die neuzeitlichen Forschungsergebnisse durch eingehende Angaben der Quellen belegt; ein kritisches Verzeichnis der besten Stücke aus der musikalischen Literatur wird den ernsten Lautenspielern und denen, die es werden wollen, willkommen sein.
Nicht minder wichtig ist die zweite Aufgabenreihe des vorliegenden Werkes, das in diesen Teilen nur als Versuch gedacht ist, Neues zu bringen: Die eingehende Darstellung aller jener Beziehungen, die durch Jahrhunderte auf zahlreichen Gebieten abendländischer Kultur zwischen der Laute und den Bestrebungen jener Zeiten lebendig gewesen sind. Sprachgeschichte, Dichtung, Volkslied und ganz besonders die bildenden Künste waren in dieser Hinsicht besonders zu berücksichtigen. Abgesehen vom allgemeinen kulturhistorischen Interesse sollen diese Abschnitte des Buches der durchaus falschen Beurteilung in Laienkreisen entgegenwirken, wo man das Lautenspiel als eine Art Ersatz für die Klavierbegleitung und fast ausschließlich nach den dürftigen Eindrücken „zupfend" begleiteter Lieder zur Laute bewertet.
Künstlerisches Lautenspiel in der Auffassung ernster Spieler ist intime Kleinkunst, die nur dem Hause gehören soll und deren Pflege vom Spieler wie vom Hörer in erster Linie wahres Musikverständnis verlangt, ein „Musikverstehen", im Sinne von wirklichem Musikwissen, das in unseren Tagen meist durch das Nachstammeln gedruckter Kritiken ersetzt wird.
Bei der Pflege ernster Lautenmusik müssen alle die modernen Mittel ausgeschaltet werden, die sonst dazu dienen, das „allgemeine künstlerische Interesse" zu wecken: Reklame, gesellschaftliche Zwangserziehung (Der „gute Ton") und die Massenhypnose („Das muß man gehört haben"). Es gilt vielmehr, Farbe zu bekennen und ehrlich mitzuarbeiten, denn in dieser Kunst wird dem nicht gegeben, der nicht selber gibt ...
Die Bezeichnung des Lautenspiels ernster Art als „intime Kleinkunst" schließt die selbstverständliche Forderung ein, bei der Pflege dieser Hausmusik die große Öffentlichkeit auszuschalten, alle Einflüsse fernzuhalten, die persönlichen Interessen dienen, und so eine unbedingte Unabhängigkeit den Kreisen gegenüber zu wahren, die sich häufig mehr für die äußere „Aufmachung" als für den künstlerischen Gehalt mancher Darbietungen begeistern. Mit den sogenannten „künstlerischen Interessen des breiteren Musikpublikums" und dem dazugehörigen betriebsamen Musikgeschäfts-Unternehmerwesen unserer Tage hat das Lautenspiel in unserem Sinne ganz und gar nichts zu tun, und auch im Fortfall der musikalischen Fachkritik liegt meines Erachtens keinerlei Gefahr für die günstige Weiterentwicklung der Lautenmusik. Dagegen ist eine scharfe Stellungnahme der Fachkritik sehr wünschenswert in den Fällen, wo das Volkslied zur Laute in Frage kommt, wo es gilt, künstlerisch in Gesang und Spiel zu wirken und wo der Gefahr begegnet werden muß, daß das Lied zur Laute den billigen Wirkungen beifallssicherer Kabarettvorträge dienstbar gemacht werde.
Unter den hier gegebenen Voraussetzungen ließe sich von der erzieherischen Arbeit ernster Lautenspieler vielleicht die Wiederkunft des „Dilettanten" früherer Zeiten erhoffen, jenes „Musikliebhabers", der die Kunst nicht nur liebt, sondern auch „hat" . . .
Verschiedentlich werden in diesem Buche auch Mißstände bekämpft, die sich im Laufe der ersten Entwicklungsabschnitte innerhalb der neueren Bewegung bei der Lautenmusik herausgebildet haben. Die vorstehenden Ausführungen sind im wesentlichen als allgemeine Grundlagen für die Abwehr jener Mißstände gedacht.
Im Hinblick auf das außerordentlich reiche und nahezu lückenlos durchgearbeitete Studienmaterial, das dem Lautenspieler heute zur Verfügung steht, glaubte der Verfasser von einer eingehenden Bearbeitung der musikalischen Fragen an der Hand von Notenbeispielen absehen zu dürfen. Um so wertvoller erschien die Möglichkeit, durch die Bildbeigaben dem Instrument in Laienkreisen gesteigerte Beachtung zu verschaffen, vielleicht sogar neue Anhänger zu gewinnen.Eines aber darf man mit Sicherheit von der neuerwachten Liebe zu dieser alten „neuen Kunst" erwarten: Viele werden der Laute dankbar sein für die Feierstunden, die sie dem schenkt, der treu um sie, wirbt.
Charlottenburg, im Mai 1917.
Hermann Sommer.