I. Die antike Welt

Stellung, Wertung, Entwickelung

Die bildende Kunst der Griechen ist die große und geistige Urmutter der gesamten europäischen Kunst des christlichen Zeitalters; ihre Werke sind zum großen Teil, wenigstens in Kopien, erhalten, ihre Schönheit leuchtet noch heute vom Gebälk ihrer Tempel, von den Gliedern ihrer Statuen, aus dem Antlitz ihrer Gottheit.

Die griechische Musik dagegen ist uns in ihren Denkmälern verlorengegangen, bis auf einige wenige und kümmerliche Reste, die uns kaum ein Bild ihres Wesens geben zu geben vermögen, so das wir ganz auf Vermutungen angewiesen wären, hätten sich nicht in den Schriften der antiken Philosophen und Kunstschriftsteller eine große Anzahl von Äußerungen über die „musische Kunst“ erhalten, und besäßen wir nicht bedeutende Bruchstücke von Büchern über die Theorie der griechischen Musik. Der begabteste unter den uns bekannten Musiktheoretikern, der Tarentiner Aristorenos um 300 v. Chr. und mit ihm manche Nachfolger aus römischer Zeit, wie der um Wende des fünften nachchristlichen Jahrhunderts lebende Boethius, sind unsere Hauptgewährsmänner für unser Wissen um die Art der griechischen Musik, deren Wichtigkeit für uns darin liegt, daß der europäische Westen die praktische Musikausübung und die Theorie von ihr übernommen und weiter ausgebildet hat.

Wenn wir uns als moderne Menschen mit der antiken und der mittelalterlichen Musik beschäftigen, müssen wir immer bedenken, daß die Tonsysteme, deren Aufbau und Ausbildung uns geläufig und selbstverständlich ist, noch nicht existierten, sondern erst in jahrhundertlanger mühevoller Arbeit gefunden, konstruiert und begründet werden mußten. Die vagen verklingenden Gebilde, die wir Töne nennen, deren Schwingungszahlen freilich heute feststehen, deren Namen jedem, auch dem Nichtmusiker bekannt sind, deren Verhältnisse zueinander bis ins kleinste festgelegt sind, waren nicht nur ihrer Natur nach, sondern sehr häufig auch ihrer Existenz noch vollkommen unbekannte Größen; wir können den Aufbau der theoretischen und praktischen Musikkenntnis sehr wohl mit den Enddeckungsreisen kühner Forscher vergleichen, die sich auf unbekannten Meere, in unerforschte Gebiete wagen und neue Kontinente der Allgemeinheit erschlossen. Die Musik ist die  abstrakteste, mathematischste aller Künste; ihre Theoire ist dementsprechend die komplizierteste und spielt bis zur Vollendung des ganzen Systems eine fast ebenso große Rolle wie ihre Praxis, ihre Umsetzung in die gewünschten Klänge.

Trotz aller Schwierigkeiten hatte die Musik im klassischen Griechenland, also etwa vom 8. Jahrhundert v. Chr. an, eine ganz ungeheure Bedeutung, sowohl im praktischen Leben als auch in der Weltanschauung und Staatsauffassung. Die mannigfachen Kampfspiele der Hellenen, deren bekannteste die alle 4 Jahre wiederkehrenden Olympischen waren, sind stetes mit Musik verbunden gewesen, da für den Griechen ein Begriff selbstverständlich war, der uns völlig verlorengegangen ist: die Einheit von Körper und Seele, von Bewegung und Rhythmus, von Dasein und Harmonie. Die Wettkämpfe waren rhythmischer Ausdruck der Körperbeherrschung, fanden teilweise mit Musikbegleitung statt und boten durch Opferhandlungen, Siegesfeiern und Aufzüge genügend Gelegenheit  zur Entfaltung musikalischen Gepränges. Da aber für den Hellenen das eigne Sein , die Verbindung von Körper und Seele und das Weltdasein als untrennbare Einheit empfunden wurde, so konnte nicht ausbleiben, daß nach ihrer Vorstellung das Weltall sich mit Musik erfüllen mußte; und zwar brachen nach ihrer mystisch-poetischen Ansicht die in scheinbar regelmäßigen Bahnen über den Himmel ziehenden Sterne (also unsere Fixsterne) durch ihre Bewegung eine Musik hervor, nach welcher die anderen Himmelskörper (also unsere Planeten) einen Tanz oder Reigen ausführten: die Sphärenmusik. Es läßt sich denken, daß ein Volk, welches das eigentliche Wesen des Weltalls in künstlerisch-musikalischer Weise zu deuten suchte und also die Musik als notwendigen Bestandteil des Göttlichen betrachtete, einer so wichtigen Materie auch im eigenen Leben die aller größte Bedeutung zumaß. So wurde denn jedes Gastmahl mit Musik und Tanz begangen, und zwar dürfen wir in unserer jazzdurchtobten Zeit nicht etwa glauben, daß die griechische der Freude und Festlichkeit dienende Musik die Gesetze außer acht gelassen, die eine Kunstübung stets erfordert; ihre Vernachlässigung aber zeitigt Gebilde, die aus dem Gebiete der Kunst in die Alltäglichkeit des Amüsierwesens führten. Für die Griechen gab es eben nur den einen einheitlichen Begriff der Kunst und ihrer Ausübung, bei dem irgendein Unterschied in der Beschäftigung mit dieser oder einer anderen Kunst nicht gefunden wurde; ja, wie ich glaube annehmen zu dürfen, waren die einzelnen Kunstarten in ihren Theorien und Absichten mit einander verwandt, und zwar es meiner Überzeugung nach die Theorie der Musik als der am frühesten ausgebildeten Kunst, aus deren Geist heraus die anderen Künste, vornehmlich die Architektur und Plastik, geschaffen wurden, während die Dichtkunst großenteils sogar mit der Musik zu identifizieren ist.

Ebenso wie die Griechen bei der Beherrschung des Körpers in der Gymnastik Bewegung und Rhythmus gleichsetzten, so taten sie es bei der Beherrschung des Wortes, in der Poesie. Die antike Dichtung kennt keinen Reim, keinen Zusammenklang der Sprache, sondern ist rein rhythmischer Natur, ebenso wie die antike Musik keinen Zusammenklang der Töne der Töne, keine Akkorde kennt und sich auf den Rhythmus beschränkt. Die vielen verschiedenartigen Rhythmen der griechischen Eptiker (die allerdings stets den Hexameter wählten), Lyriker und Dramatiker bedeuten ebensoviel verschiedene musikalische Rhythmen, welche die große Kompliziertheit der griechischen metrischen Taktarten ohne weiteres klarmachen. Die lyrischen und epischen Dichtungen wurden stets gesungen (wobei nicht feststeht, wie die vorgetragenen Rhapsoden bei den Epen die Monotonie des Hexameters vermieden haben), ebenso wie die Chöre der Dramen; da nun die Musik zu diesen Liedern stets feststand, ebenso wie die Begleitung, welche die Gesangsstimme nur im gleichen Ton verstärkte oder höchstens in der Oktave verdoppelte, so gibt es bei wenigen Monumenten griechischer Musik keine rhythmischen Notierungen, da der Rhythmus von vornherein, wie bei einem Verse oder Strophe gegeben war; es ist dies ein Umstand, der unser Wissen um den Klang der griechischen Musik noch mehr behindert, wenn man auch gelernt hat, die griechische Notenschrift zu lesen, welche im Gegensatz zur späteren Systemschreibweise aus Buchstaben bestand.

Wir müssen und angesichts unserer spärlichen Kenntnisse von der griechischen Musik immer wieder klarmachen, daß sie im Leben des Volkes eine Wichtigkeit besessen haben muß, die wir heute kaum können. Es ist sehr bezeichnend, wie Plato sich zum Einfluß der Musik auf die Menschen stellt, wenn er in seinen Buche vom Staat — einer Darstellung des Idealstaatswesens, wie er sich es wünschte — die Anwendung verschiedener Tonarten als verweichlichend verbietet, während er den  häufigen Gebrauch anderer als stärkend und ermutigend empfiehlt. Es ist genau so, als wenn wir heute sagen würden, daß etwa E-Dur, der von Plato verpönten lydischen Tonart entsprechend, aus Charaktergründen ablehnen und A-Moll, gleich der vom Philosophen vorgeschlagenen dorischen Tonart, vorgezogen werden müsse. Ich glaube nicht, daß auch die musikalisch und seelisch empfindlichsten Menschen aller nicht antik-griechischen Zeiten allzu stark auf solche Feinheiten reagiert hätten oder heute reagieren würden! Die Musik der Griechen ist eben nur aus ihrem Einheitsgedanken heraus als Grundlage der körperlichen und geistigen Kultur zu verstehen. Jener vielumstrittene Begriff „Kalokagathia“, der vollkommenen Übereinstimmung körperlicher und geistig-seelischer Vollkommenheit ist ohne musikalisches Fundament nicht zu denken, als innere und äußere rhythmische Melodie; wie denn auch heute noch wohl zu sagen wäre, das ein ganz unmusikalischer Mensch niemals zu einer einigermaßen hinlänglichen Abrundung seines Daseins gelangen kann.

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Die Enzwicklung der griechischen Musik hat in sehr frühen Epochen begonnen. Uralte Volkslieder, deren Entstehungszeiten nicht mehr festgelegt werden können, haben ihren Anfang gebildet; Gesänge, die sich auf den Wandel der Jahreszeiten und ihre wechselnden Erscheinungen bezogen, wurden schon in vorhomerischen Zeiten gesungen, und zwar hauptsächlich „Päane“, Jubellieder auf die Wiedergeburt der Erde im Frühling und Klagelieder auf ihr Sterben im Winter. Die tiefe Naturverbundenheit der Griechen geht aus diesen ältesten, noch unbeholfenen musikalischen Äußerungen hervor. Der Beginn der musikalischen Kultur wurde von den Griechen an mythische Persönlichkeiten wie die Musen und Orpheus geknüpft, da sie das übersinnliche Moment der Musik mit göttlichem Ursprung in Verbindung setzen wollten.

Die drei ersten menschlichen Gründer der griechischen Musik als Kunstform sind Olympos, Terpander und Archilochos, die alle im 7. vorchristlichen Jahrhundert gelebt haben; und zwar ist Olympos der Repräsentant einer Zeit, die noch mit geringen Mitteln, wie der fünftonigen Tonleiter (pentatonische Skala), einfache Melodien schuf, die vermutlich den primitiven Weisen anderer Musikentwicklungen, der ostasiatischen oder keltischen, nicht unähnlich gewesen sind. Terpander gilt als Begründer der Kitharodie, d. h. er führte die Kithara, ein leierartiges Instrument in die Musik ein und erweiterte ihren Umkreis durch eine Anzahl neuer Rhythmen und Tonarten, während sich Olympos auf die Aulodie, d. h. auf das Flötenspiel als Begleitung zu den Gesängen beschränkt hatte. Nur wenige Zeilen von Terpanders musikalischer Dichtung sind erhalten, nämlich die Widmung seiner Hymnen an den Allbeherrscher Zeus. Archilochos, der Jüngste der drei Genannten, erwarb der jambischen Poesie, die bis zu seiner Zeit neben den hexametrischen Dichtungen und anderen Versmaßen noch keine Wichtigkeit erlangt hatte, den ihr gebührenden Platz in der künstlerischen Dichtung im Gegensatz zur Volksdichtung, und schreib Verse weltlichen Inhalts, die Zustände und Menschen zum Gegenstand ihres Spottes machten, in Strophenform. Seine Gesänge waren im Vergleich mit den Kompositionen der älteren von größerer rhythmischer Bewegtheit, da er die Versmaße und also auch die Rhythmen häufig wechselte; auch ließ er sie durch gesprochene Worte unterbrechen und den Vortragenden durch melodramatische Begleitung eines Instruments wieder zum Anfang zurückführen. In seine Zeit scheint auch der Anfang einer reicheren Ausgestaltung des Gesanges in melodischer Hinsicht gefallen zu sein, die sich später immer mehr bemerkbar machte und schließlich bis zum reinen Virtuosentum gesteigert haben muß, während in der älteren Zeit der größere Wert auf den Rhythmus gelegt wurde. Ein antiker Schriftsteller nennt die älteren Musiker „Rhythmusfreunde“, die jüngeren dagegen „Melodieliebhaber“.

Die Einführung des jambischen (resp. trochäischen) Versmaßes in die Kunstpoesie öffnete nun den nach ihr kommenden großen Lyrikern alle Möglichkeiten zu einer ungeahnten Bereicherung der Dichtung und Musik durch alle möglichen neuen Rhythmen und Melodien, in denen die Liebe und der Wein, die Lebensfreude und die Trauer über den Tod besungen wurden. Nach dem Vorbild des Archilochos und des Spartaner Tyrtaios, der in seinen herben Kriegs-und Marschliedern die Jugend zu entsagungsvoller Tüchtigkeit zu erziehen bestrebt war, schufen diese nach ihrer Vorliebe für die Melodie auch Meliker genannten Lyriker völlig subjektive, zum Einzelvortrag bestimmte Lieder. Unter ihnen finden wir Namen die heute noch in der ganzen Welt bekannt und geachtet sind: zu ihnen gehören Alkaios, eines der großen Vorbilder des Horaz, und Sappho, die berühmte Dichterin aus Lesbos, sowie Anakreon, der in seinen den heiteren Lebensgenuß preisenden Gesängen eine später kaum wieder erreichte Meisterschaft zeigt. Seine Lieder sind unzählige Male vom Altertum an bis in unsere Tage nachgeahmt worden; eine ganz große Gruppe von ähnlichen Gesängen unbekannter Autoren griechischer Nation wird unter dem gemeinsamen Titel „Anakreontica“ zusammengefaßt.

Die große Wichtigkeit des des Chorgesanges bei den Hellenen tritt auch in dieser Entwicklung, da nun entsprechend den kultischen Chorgesöngen der früheren Zeit, auch eine Chorlyrik geschaffen wurde, als deren Hauptvertreter wir Simonides, Pindar und Bakchylides anzusehen haben. Für uns ist diese Art der griechischen Musik deswegen besonders wichtig, weil unter ihren erhaltenen Resten sich der Anfang der phytischen Ode Pindars findet, die sich an die goldenen Leier des Apollon wendet (Beispiel 1) Diese Chorlyrik, die, wie wir nie vergessen dürfen, keine Mehrstimmigkeit besaß, war fast durchweg mit Tanz und Pantomime verbunden. Die höchste Kunst wurde im Vortrage des Dithyrambus erreicht, eines zum Preise des Baccus enstandenen Hymnus, der ursprünglich und in vollster begeisteter Hingabe nur an den Festen des Dionisus zur Vorführung kam. Seine Form wurde ausgebildet, die anfänglich in selbstvergessener Trunkenheit gerasten Tänze wurden zu vielfach verschlungenen und komplizierten Figuren; die einfache Rhythmik und Melodik der alten Zeit mußte verwickleten kompositorischen Formen weichen, so das ein vom Volksgesang im besten Sinne begleiteter, mystisch-religiöser Vorgang schließlich zu einem nur noch von Künstlern dargestellten einstudierten Gebilde wurde — ein Vorläufer vieler späterer in ähnlicher Weise aus Ursprünglichkeit zur Künstelei gewordenen musikalischer Gebräuche.

Beipiel 1 Pindar - erste Pythische Ode

Der Einheitsgedanke der Griechen hat sich in der Gleichung Dichtung-Musik bewiesen, zu der, wenn möglich, auch noch der Tanz hinzutrat; wir haben allen Grund anzunehmen, daß diese verschiedene Ausdrucksformen in völlig einheitlicher Weise dem Charakter des Ganzen gerecht wurden. Auch das Drama der Griechen ist als einheitliches Gesamtkunstwerk aufzufassen, in dem sich gesprochene Wort mit Gesang und Tanz zu einem erschütternden Denkmal umfassender Geistigkeit vereinte. Wir dürfen, wenn wir die griechische Tragödie vom Standpunkt des Musikers aus betrachten wollen, ebenso wie bei den lyrischen Gedichten der Meliker, nicht außer Acht lassen, daß für unsere Ohren die Einstimmigkeit des Gesanges wahrscheinlich schwer erträglich wäre, da wir uns das Unisono nur als eine kurze Unterbrechung der Mehrstimmigkeit gefallen lassen; für die Ohren der Griechen muß diese Einstimmigkeit indessen von vollkommen zureichender, ja überwältigender Wirkung gewesen sein, da sie für würdig gehalten wurde, den erhabensten und furchtbarsten Geschehnissen des griechischen Mythos und der griechischen Geschichte an die Seite gesetzt zu werden. Fraglos war der Anteil der Dichtung im antiken Gesamtdrama größer als in unserem Musikdramen; man könnte sagen daß die Rollen vertauscht worden sind, daß der Anteil der heutigen Musik dem der damaligen Dichtung entspricht, während die damalige Musik die Wichtigkeit des heutigen Textes gehabt hat. So sehr wir also bedauern müssen, daß uns die Musik der griechischen Dramen ebenso wie die Melodien der Lyriker und die Gesänge der Epiker verlorengegangen ist, so können wir uns damit trösten, das sie uns kaum den Eindruck einer bis zur letzten Konsequenz durchführten Kunstleistung machen würde. Denn wenn auch Dichtung und bildende Kunst im griechischen Altertum nicht nur im vollständigen Besitz aller künstlerischen Mittel waren, sondern sehr vieles an Qualität von Inhalt und Form später nie erreicht worden ist, so kann nicht übersehen werden, daß die Musik, bei aller oben erwähnten Wichtigkeit in Theorie und Praxis, trotz aller Tatsache, daß sie früher eine Theorie erhielt als Bildhauerei und Malerei, trotz ihrem Einflusse auf die anderen Künste nach unseren Begriffen nicht in der Weise ausgebildet worden ist, wie es den Schwesterkünsten geschah. Vielleicht ist diese, aus modernem Geiste geborene Auffassung nicht richtig, vielleicht hatten die Griechen mit ihrem unendlich weisen und alles harmonisch abwägenden Sinne recht mit ihrer Beschränkung auf die Einstimmigkeit; aber muß es uns nicht sonderbar berühren, das gerade die „Harmonie“, griechisches Wort und griechischer Begriff, in jeder anderen hellenischen Kunst, auch nach unseren, der Spätgeborenen Sinn, zu finden ist — nur in der Musik nicht, eben wenigstens nach unseren Begriffen?

Im Drama, dessen größter Dichter Aischylos, Sophokles und Euripides und der etwas jüngere Kömödienschreiber Aristophanes im fünften vorchristlichen Jahrhundert lebten, bildete ein einziger Flötenbläser das gesamte Orchester, der mehrere Instrumente von verschiedener Stimmung zur Verfügung hatte. Er hatte wohl in erster Linie die Aufgabe, die Sänger in der richtigen Tonhöhe zu halten; aber auch Zwischenspiele hatte er zu blasen. Im Drama und in der Komödie, vor allem aber in dem Ursprung des Dramas, den dem bacchischen Dithyrambus am nächsten gebliebenen Satyrspielen spielten die Tanzlieder eine große Rolle.

Gesungen wurden nicht nur die Chöre, sondern auch ein Teil der Solopartien; wir können sie ohne weiteres erkennen, da die jambischen und trochöischen Teile nur  gesprochen, die in lyrischen Metren sich bewegenden Stellen stetes gesungen worden sind.

Da nur ein kleines Fragment erhalten ist, sind wir nicht im Stande, die Unterschiede in der Musik der drei großen Tragiker nachzuweisen, wie es mit ihren Dichtungen geschehen kann; so bleibt un nichts übrig, als etwa Aischylos für den Komponisten der herben Größe, Sophokles für den vollkommenen Klassiker, und Euripides für den Romantiker unter ihnen zu halten — vorausgesetzt, daß ihre Musik den Geist ihrer Dichtungen widerspiegelt —, während wir von der Musik der Aristophanischen Komödien nicht die geringste Vorstellungen besitzen. Es hätte eine satierisch-komische Musik sein müssen, wenn anders sie dem Charakter der Dichtungen angepaßt war, und es ist also doppelt zu bedauern, daß sie restlos verlorengegangen ist, da es in der gesamten Musikliteratur nur ein einziges Werk gibt, daß die Bezeichnung satirische Musik verdient: MozartsCosi fan tutte“.  Theaterstücke, die etwa en späteren Zauberdramen und Possen entsprachen, entstanden im 4. Jahrhundert v. Chr. in Syrakus und Süditalien, der Gegend, die Magna Graecia genannt wurde; es ist etwa dieselbe, wie der belgische Musikhistoriker Gevaerd bemerkt, in der im 18. Jahrhundert die Opera buffa entstand. In derselben Zeit hörte eine Entwicklung der griechischen Musik selber auf; das klassische Zeitalter war abgeschlossen, und die kommende Zeit, welche zwar in der bildenden Kunst stark bewegte Figuren im Gegensatz zu den ruhigen Gestalten des fünften Jahrhunderts schuf — das Verhältnis der Zeiten ist ähnlich wie das des Barocks zur Renaissance —, beschäftigte sich mit der Sammlung und Registrierung des Vorhandenen. Bereits damals begann eine historische und philosophische Wertung des bis dorthin Geschaffenen. Große Bibliotheken wurden angelegt, kritische Bearbeitungen und Katalogisierungen treten an die Stelle der eigenen Produktion. Die Werke der Alten wurden immer wieder ausgeführt; ein sehr ausgedehntes musikalisches Virtuosentum begünstigte die Abhaltung von Konzerten, welche teilweise historischen Charakter trugen und die Werke nach der zeitlichen Reihenfolge ihrer Entstehung auf dem Programmen zeigten.

Im alten Rom wurde die griechische Musik, ebenso wie die griechische Kunst und Dichtung, ohne weiteres aufgenommen und vermutlich wie diese beiden auch in wenig origineller Weise kopiert. Die Gedichte der lateinischen Lyriker, welche in griechischen Metren geschrieben sind, waren vermutlich, wie ihre Vorbilder, zum Singen bestimmt; indessen wissen wir nichts von ihren Melodien, die alle verlorengegangen sind.

Ein wort noch über die Instrumente der Griechen; sie hatten Saiteninstrumente — keine Streichinstrumente —, und zwar die zunächst siebensaitige Leier, die im Laufe der Zeit elf Saiten erhielt, und Blasinstrumente, nämlich die „Aulos“, ein Rohrblattinstrument mit zylindrischen Rohr und doppelter Zunge, das 10—15 Löcher hatte. Es gab Auloi in verschiedenen Höhenlagen, so das der ganze Umfang des greichischen Tonsystems von Aulos beherrscht wurde. Die Trompete ist bei den Griechen lediglich Kriegsinstrument und kommt für die Kunstausübung nicht in Frage.