Eine kurze Zusammenfassung der griechischen Musiktheorie möge eine Vorstellung von der Art einer Kunst geben, deren Stellung und Wertung im öffentlichen Leben wir kennengelernt haben. Immer ist auch bei der theoretischen Betrachtung zu bedenken, daß wir kaum Denkmäler besitzen, aus denen uns der Charakter der griechischen Musik mit all ihren Tonschattierungen und Ausdrucksmöglichkeiten völlig klar werden kann, und daß wir niemals an Mehrstimmigkeit, die fast untrennbar mit unseren musikalischen Vorstellungen ist, zu denken haben, sondern nur an Einstimmigkeit, so schwer uns dies auch fallen mag. Wir müssen daher als die Grundlage der griechischen Musik nicht den Akkord, sondern die Tonleiter betrachten und müssen uns ferner vor Augen halten, daß die Griechen sich ein feststehendes Tonsystem erst zu schaffen hatten, zunächst also Benennungen für die Töne, welche sie hervorbringen konnten, finden und später eine Notierungsmöglichkeit für sie suchen mußten. Es ist klar, da0 eine Zeit, die erst im Begriffe steht, sich eine künstlerische Kultur zu erobern, anfangs ihre Melodien nur aus wenigen Tönen zusammensetzen kann; die Übergänge von einer Tonstufe zur anderen, die komplizierten Intervalle wergebn sich erst mit der Zeit und der wachsenden Erkenntnis vom Wesen der Töne, so daß wir uns nicht wundern dürfen, zunächst nur sehr lückenhafte Tonleitern (Skalen) vorzufinden. Die älteste Tonleiter kannte noch keine halben Töne; also nach unseren Klavierbegriffen ausgedrückt, keine schwarzen Tasten und keinen Schrift von f nach e und h nach c; sie bestand unter Auslassung zweier Tonstufen aus fünf Tönen, und heißt infolgedessen die pentatonische Skala. (Fünf heißt im Griechischen Pente.) Der nächste Schritt brachte die siebenstufige Skala, welche also die weißen Tasten unser Klaviatur umfaßt; die wurde die diatonische genannt.
Für uns sind die auf einem Ton als Grundton aufgebauten Melodien oder Tonleitern unweigerlich mit einer Moll. oder Dur-Tonart verbunden, da unser System ein harmonisches ist. Bei den Griechen ist diese Unterscheidung zwischen Dur und Moll nicht so einfach, da sie eben ein rhythmisches Eintonsystem besaßen, das der Unterlage der bestimmten Harmonie entbehrte. Aus der einstimmigen siebentonigen Skala sind in später christlicher Zeit die sogenannten Kirchentonarten herausgewachsen, die aber durch die Entstehung der Mehrstimmigkeit überwunden und dann nicht mehr benutzt wurden; allerdings ist uns auch das Verständnis der antiken Skalen mit ihrem Verschwinden verlorengegangen. Wir können nur mit Bestimmtheit annhemen, das die Griechenbeim Hören der Töne einer Skala oder einer Melodie harmonische Beziehungen zwischen den einzelnen Tönen auch ohne Akkorde empfanden.
Die drei Haupttonleitern der griechischen Musik sind die dorische, die phrygische und die lydische Skala, aus denen sich andere entwickelt haben, so daß man drei Gruppen von je drei Tonarten auf der Grundlage der ältesten zusammengestellt hat, die nun wieder erweitert wurden, bis schließlich das ganze Tonsystem in einzelne Tonleitern von verschiedener Lage und verschiedenen Grundtönen eingeteilt war. Da im Laufe der Zeit bis zum 4. vorchristlichen Jahrhundert die in der älteren Zeit fehlenden Halb- und sogar Vierteltpne in die ursprünglichen Ganzton- und diatonischen Skalen eingeschoben worden, ergab sich ein ungemein kompliziertes Skalensystem, das nach Oktavgattungen eingeteilt war und für die Einstimmigkeit der Musik unsere Harmonie- oder Akkordlehre vertrat. Wie schon erwähnt, wurden den Tonleitern verschiedene ethische Werte zugeschrieben; es ist erklärlich, daß ein Volk, nur einstimmige Musik zu hören gewöhnt, in einer solchen Musikart bedeutend mehr zu finden imstande war, als wir, deren Ohren die Mächtigkeit der harmonischen Akkorde als notwendig empfinden.
Wir wollen an einem Beispiel zeigen, wie die Griechen ihr System einteilten, und die Namen anführen, die sie den Tönen gaben, da die mittelalterliche Musik zunächst ebenfalls auf dieser Theorie fußte. Nehmen wir die dorische Skala; sie erschien den Griechen nach abwärts gelegen aus zwei Quarten (griechisch Tetrachorden) zusammengesetzt:
e d c h / / a g f e
Die Quarte blieb für die Melodik das grundlegende Intervall.
Das griechische vollständige System erstreckte sich aber nun im Gegensatz zu dem unsrigen nicht nur über eine, sondern über zwei Oktaven; man fügte alsdann die dorische Skala von oben und nach unter noch je eine Quarte (ein dorisches Tetrachord an), und zwar betrachtete man den Schlußton der von oben und den Anfangston der nach unten hinzugefügten Quarte zugleich als den Anfangs- resp. Schlußton der schon vorhandenen beiden Quarten, welche die ursprüngliche Oktave bildeten. Man mußte nun noch einen Schlußton hinzunehmen (welcher der „Hinzugenommenen“, Proslambanomenos, genannt wurde), so das sich nun folgendes Bild ergibt:
Die Griechen empfanden also die dorische Skala etwa als A-moll Tonleiter. Der wichtigste Ton der Skalen war dei Mese die Mittlere, der die Bedeutung unseres Grundtones, der Tonika, zukam. Eben dieses System wurde auch auf alle tonlichen Zwischenstufen angewandt, die sich so ergebenden Tonleitern nannte man Transpositionsskalen.
Die Notenschrift der Griechen bestand aus Buchstaben oder buchstabenähnlichen Zeichen, von denen mehrere kombiniert wurden, um die verschiedenen Töne zu kennzeichnen; die Noten für den Gesang und die Instrumentalmusik waren verschieden. Die Tondauer welche wir mit Ganzen, Halben, Vierteln usw. Noten zu erkennen geben, wurde nicht ausgedrückt; sie mußte sich aus dem Gesamtrhythmus ergeben, der ja, wie wir sahen, von der gesungenen Dichtung abhängig war. Natürlich bedeutet dieser Mangel eine weitere ungeheuere Erschwerung zur Erkenntnis der antiken Musik, da die Rhythmen der häufig nur bruchstückweise überlieferten Texte nicht immer ganz sicher zu erkennen sind und so also das Bild der wenigen erhaltenen Musikstücke ein unsicheres bleibt.
Im Rahmen dieses Buches konnte nur ein ganz kurzer Abriß dessen gegebne werden, was für unsere Zeit von der griechischen Musik wichtig ist. Sehr eingehende Untersuchungen über das schwierige und zum Teil auffassungsgemäß strittige Gebiet finden sich in Riemanns „Handbuch der Musikgeschichte“ , erster Band, denSokolowsky herausgegeben hat. Eine Übersetzung der „Fünf Bücher über die Musik“ des Boethius, des spätrömischen Hauptmusikgelehrten, hat Oscar Paul mit Erkärungen versehen. Einen Versuch zur Verbindung der griechischen Musik mit der bildenden Kunst der Helenen bringt meine, bei der Grunyter erschiene Abhandlung „Die Einheit der griechischen Kunst“ .