I. Die italienische Oper
Das Rad jeder geschichtlicher Entwicklung bleibt in steter
Drehung begriffen; wenn ein für das ganze notwendiges Prinzip bis
zum letzten erfüllt ist, macht es mit Sicherheit und neuen
entgegengesetzten Auffassung Platz, welche allerdings häufig im
Grunde nicht ganz originell, sondern lange vor dem erfüllten Prinzip
liegenden Zeiten entnommen ist.
Die Polyphonie war im 15. und 16.Jahrhundert bis zur letzten
künstlerischen Vollendung ausgebildet worden; es konnte also nicht
ausbleiben, daß nun nach der letzten Ausarbeitung der
Vielstimmigkeit der Wunsch nach Einstimmigkeit im musikalischen
Leben laut wurde. Die leidenschaftliche Hingabe an die antike
Kultur, welche die Jahrhunderte der Renaissance kennzeichnet, hatte
naturgemäß zu Studien über die alte Musik geführt; und wenn auch
mangelhafte Kenntnis der Materie und Überlieferungen manche irrige
Ansicht über das Wesen der griechischen Tonkunst zur Folge hatten,
so schien doch das Prinzip der Einstimmigkeit ein erstrebenswertes
inmitten des komplizierten Schwalles vielstimmiger Chöre zu sein. Es
kam also der Wunsch nach Neubelebung hellenisch-römischer Kunst mit
dem Verlangen nach dem individuellen Ausdruck er von Einer
menschlichen oder instrumentalen Stimme getragenen Melodie zusammen;
und wenn man auch nicht mehr auf die völlige, unbegleitete
Einstimmigkeit der Griechen zurückgriff, sondern die vortragende
oder führende Stimme von harmonischen Begleitung getragen sein ließ,
so ist es doch berechtigt, wenn wir dem 17. Jahrhundert den Beinamen
des monodischen im Gegensatz zum polyphonen Renaissancealter geben.
Die Umstellung von der gleichmäßig fortschreitenden
Vielstimmigkeit, deren klarster Ausdruck die kanonischen Kunststücke
Okeghems und seiner Schulgenossen waren, auf die harmonisch
begleitete Monodie bedeutet den wichtigsten Wechsel zwischen
horizontalen zum vertikalen musikalischen Denken. Wenn wir die
vielreihigen Partituren eines Chores der niederländischen Art lesen,
so müssen wir die parallellaufenden Stimmen in wagerechter Richtung
von links nach rechts verfolgen; die Harmonien bleiben, soweit sie
überhaupt in Betracht gezogen sind, sehr einfacher Natur. Eine
begleitete Monodie dagegen setzt bei jedem Fortschritt eine neue
überraschende oder erregende Akkordzusammensetzung voraus, die für
sich als Ganzes bestehen kann, und wenn wir mit der Führungsstimme
beginnen, von oben nach unten gelesen werden muß. In letzter Zeit
glaubte man am Ende der Monodie angekommen zu sein und verfocht mit
vielem Eifer die Notwendigkeit horizontaler Kompositionsweise, die
also weit davon entfernt ist, etwas Neues darzustellen, ebensowenig
wie die im 17. Jahrhundert neu entdeckte Einstimmigkeit.
Hatte im 15. und 16. Jahrhundert die Lehre vom Kontrapunkt, d.h.
die Lehre von den zusammenhängenden Veränderungen und
Durchführungen, denen ein Thema zu unterwerfen ist, die wichtigste
Rolle unter den Gesetzen der Musik in Theorie und Praxis gespielt,
so ist es in den folgenden Zeiten die Harmonielehre, welche dem
Wissen um das Wesen der Tonkunst neue Wege erschließen sollte. Das
zeigt sich bereits in der Schreibweise der Werke des neuen Stiles,
welche auf Systemen die Melodie und die Begleitung zusammenfassen,
und zwar letztere in der Gestalt einer Baßstimme mit über- oder
untergeschriebenen Zahlen und Zeichen (# und b). Eine solche
Notierung gibt summarisch die vom Rhythmus der Gesangsstimme
losgelöste harmonische Begleitung in völliger Vereinfachung an, geht
also über dem Wert einer Einzelstimme hinaus, und erhielt
infolgedessen den Namen
basso generale, General- oder, wie wir auch sagen, bezifferter
Baß, Die Zahlen geben die Intervalle der vom Komponisten gewünschten
Akkorde über oder unter dem Grundton an, Terzen (3), Quinten (5),
Sexten (6) usw., während die Zeichen die notwendigen chromatischen
Veränderungen deutlich machen. Es ist also schon im äußeren Bilde
der Gegensatz zum Geist der Polyphonie ausgedrückt und das Interesse
völlig auf die einzige mit allen Feinheiten ausgearbeitete Stimme
konzentriert. Die Methode der Bezifferung ist vermutlich aus der
Praxis der italienischen Organisten entstanden, die sich das
Übersehen einer größeren Anzahl von Stimmen bereits im 16.
Jahrhundert auf diese Weise erleichterten, so daß die Monade bereits
ein ihren Bedürfnissen angepaßtes Mittel der Notierung vorfand.
Wenn nun auch, wie wir es in unseren Tagen ähnlich erleben, der
Übergang von einem Stil zum anderen stets so vor sich zu gehen
pflegt, daß Werke der alten Richtung in großer Anzahl neben den
Stücken neuer Observanz fortbestehen und also auch im 17.
Jahrhundert zunächst noch polyphon neben der monodischen Richtung
komponiert wurde, so ist doch die Einstimmigkeit in jener Zeit von
besonderer Bedeutung, da mit ihr und aus ihr eine neue Gattung
musikalischen Ausdrucks erwuchs, die, wie sie selber, dem Studium
der Antike ihre Entstehung verdankte: die
Oper,
welche sich allerdings schon in ihren ersten Elementen des
Pastorales, des an den italienischen Höfen beliebten Schäferspieles
beifügten. Wie das Erwachen der Oper aus Renaissancemotiven ihre
südalpine Herkunft bezeugt, so gehört die gesamte Entwicklung der
Musik im 17. Jahrhundert den Italienern als Führern, welche die
Weltherrschaft in der Musik antreten, begünstigt durch die
politische Lage in der vom Dreißigjährigen Kriege zerrissenen
nördlichen Europa; und wenn auch in England mit
Henry Purcell eine Zeit origineller Musikblüte anzufangen
schien, wurde diese durch den frühen Tod des genialen Komponisten
(der jetzt wieder, ebenso wie
Händel, eine begeisterte Wiederaufnahme erfährt) schnell zu Ende
gebracht. Deutschland konnte sich, trotz einiger Versuche, wie die
Singspiele
Keisers in Hamburg, der italienischen Musiktyrannis nicht
entziehen, und auch Frankreich fand erst im 17. Jahrhundert seine
Originalität im musikalischen Ausdrucke des Royalismus in
Lullys Opern wieder.
Im Hause des Conte Giovanni Bardi zu Florenz wurden die ersten
Versuche mit dem neuen monodisch-szenischen Wesen gemacht, und zwar
von den Komponisten
Jacopo Peri und
Giulio Caccini; als der Graf im Jhare 1592 an den päpstlichen
Hof nach Rom berufen wurde, siedelten die die Künstler zu dem Bardi
befreundeten Jacopo Corsi über, um dort mit einigen kleineren Werken
das Ganze so weit zu fördern, daß zur Vermählungsfeier der Maria von
Medici mit Heinrich dem IV. von Frankreich die erste Aufführung
einer Oper vor der Öffentlichkeit in Szene gehen konnte; und zwar
war es „Eurydice“
von
Peri, mit Text von Ottavio Rinuccini. (Caccini
schmuggelte einige von ihm komponierte Arien in die Vorstellung und
komponierte später die ganze Oper noch einmal; große Unterschiede
zwischen den beiden Werken bestehen nicht.)
Als
Haupterrungenschaft der neuen Oper galt der „stilo recizativo“,
ein Tonsatz, der zwischen Rede und Gesang etwa die Mitte hält,
während nach
Peris eigenen Worten die hauptsächlichste Sorgfalt der Harmonie
zuzuwenden ist. Die in den ersten Opern vorkommenden
Rezitative haben natürlich noch nicht die gleitende Schnelligkeit und
Selbstverständlichkeit der späteren musikalischen Werke und trennen
Rezitativ und Arie noch nicht mit der Schärfe ihrer Nachfolger;
indessen sind sind sie doch als Fundament anzusehen, auf dem der Bau
der Oper ruht, und ihr Prinzip ist bereits, wieder in
Peris Worten, das für alle spätere Zeit maßgebende: Die Stimme
des Sängers bleibt so lange auf dem selben Akkord, bislogische oder
gramatische Gründe von Belang zwingen, die Harmonie zu ändern. Die
Instrumentation der Eurydice
war dem harmonischen Charakter des
Rezitativstils angemessen: sie umfaßte Clavicembalo, ein Chitarrone, das tiefste Baßinstrument der
Lautenfamilie und typische Generalbaßinstrument, eine große Lyra und
eine große Laute, alles strake Akkordinstrumente, deren
Zusammenklang von großer Kraft gewesen sein muß. Die Verzierungen
der Begleitung wurden den Musikern überlassen, da bei bezifferten
Baß die Mittelstimmen ja nur als Harmoniewerte bemerkt wurden. Es
ist dies ein Punkt, der modernen Aufführungen der alten Werke häufig
Schwierigkeiten bereitet; Komponisten bezifferter Schreibweise
erhalten unter den Händen moderner Bearbeiter, welche dem Stil der
vergangenen Zeiten fernstehen, oft ein völlig falsches Gesicht,
wofür genügend Beispiele aus den letzten Jahren anzuführen wären.
Die Handlung der ersten, später oft wiederholten, Eurydice
endet ohne Schlußtragik, das „happy end“ triumphierte
auch damals. Indessen finden sich im Verlaufe der Oper Szenen von
starkem musikalischen Ausdruck, wie das
Lamento
(Klage) des Orpheus bei der Nachricht von Eurydices Tod, sowie der
Trauerszene des Chores und der Freunde, die von antiken Geist
beseelt ist (Beispiel 9).

Große Bedeutung für die Folgezeit hatten die Chöre des Werkes, die
in der ersten Periode der Oper gegenüber der Anlage der
italienischen Musikdramen in der Zeit der Venezianer und
Neapolitaner eine so wichtige Stellung einnahmen, daß man diese
früheste Klasse von Opern unter dem Sammelnamen Choroper
zusammengefaßt hat. An Stelle des Vorspiels stand ein Prolog,
der in die Stimmung der Handlung einführen sollte.
In den folgenden Jahren, etwa bis 1640 steigt die Qualität der „Dramme
per musica“ beständig an; am deutlichsten zeigt der Sologesang
den Fortschritt. Er wird reicher und klarer, seine Formen entfalten
größeren Reichtum und bestimmte Selbstständigkeit. Das
Rezitativ bleibt noch eine Zeitlang in seiner Schwerfälligkeit
befangen, ehe die sprühende Lebendigkeit der späteren Werke erreicht
wird, deren leichte Grazie einen Stilwechsel der gesamten Kunst,
eine Befreiung von den feierlich-großartigen Formen und den
leidenschaftlichen Gebilden des Barocks der frühen und mittleren
Periode voraussetzte.
Von Florenz aus verbreitet sich die junge dramatische Kunst über
ganz Italien. Die Schwierigkeiten der Aufführungen waren groß und
konnten in der Regel nur bei festlichen Anlässen überwunden werden;
die Namen der Sänger und Sängerinnen kehrten stets wieder, da nur
wenige Künstler mit den Bedingungen des neuen Wesens vertraut waren.
Bis zum Jahre 1637 sind 41 Musikdramen geschrieben worden, an deren
Hervorbringung die bedeutendsten italienischen Städte beteiligt
sind.
Von einigen in Rom entstandenen Werken sind
Emilio del Cavaliers „Rappresentatione
di anima e di corpo“, ein in der Musik gesetztes
Mysterienspiel, aufgeführt im Oratorio San Filippo Neri in Rom und
das drama pastorale „Eummelio“ von
Agostino Agazzari zu nennen. Agazzaris Werk ist in der Erfindung
und in der Verwendung des „Melismas“, d. h. des Gebrauches
mehrerer Töne für eine Silbe bemerkenswert. Auch bemüht er sich, die
poetische Form der Dichtung in die entsprechende musikalische
umzusetzen, was ihn zu einer wirklichen Arienbildung brachte, welche
die Gesänge
Perisund Caccinis
an Prägung übertrifft.
Bald schon, im Jahre 1607 tritt Matua, der Sitz der Herzöge von Gonzaga,
in den Vordergrund der Operngeschichte. Dort war
Claudio Monteverdi Kapellmeister; seine erste Oper
„Orfeo“
(Orpheus) stellt zunächst den klassischen Sinn der Sage mit dem tragischen
Schluß wieder her. Orpheus kann der Versuchung sich umzublicken nicht
widerstehen, Eurydice muß in die Unterwelt zurück; Apollo versetzt das Paar
unter die Sterne. Das bedeutsamste im „Orfeo“ aber ist die Behandlung
des Orchesters, da
Monteverdi, der erste der großen Musikdramatiker, die „Sprache der
Instrumente“ entdeckte und diese den gesungenen Worten hinzufügen konnte.
Eine Anzahl selbstständiger stimmungsmalender Sätze beleben und illustrieren
die Handlung an ihren Hauptpunkten. Am eindruckvollsten zeigt sich dies im
Vorspiel des dritten Aktes, das uns auf die Unterwelt vorbereiten soll und
mit seinem, zum erstenmal in der Oper verwendeten Posaunen und Kornetten,
durch ernste und schauerliche Klänge die Zuhörer zu bewegen vermochte.
Später nachdem der Fährmann Charon von Orpheus eingeschläfert worden ist,
wird das Vorspiel in den weichen Tönen der Streichinstrumente wiederholt,
also bereits eine musikalische Charakteristik durch die Instrumentation
gegeben. Auch im Gebrauch des bezifferten Basses, der nicht mehr pausenlos
durchgeführt wird, zeigt sich
Monteverdi seinen Vorgängern überlegen, dramatisches Leben füllt die
bewegten Rhythmen, welche durch kontrapunk´tische Mittelstimmen
leidenschaftlichen Charakters zu ergänzen sind.
„Orfeo“
ist die erste mit einer
Overütre
versehene Oper, deren langsamer, Ritornell
genannter Satz in der Oper wiederholt verwendet wird, auch dies das erste
Anzeichen der später allgemeinüblichen Technik.
„Orfeo“
ist somit für die Entwicklung des Musikdramas von größter Wichtigkeit: es
ist das erste Werk, in dem sich die Prinzipien der Folgezeit in Gesang,
Orchester und dramatischer Hinsicht vorfinden, zugleich eine Oper von hoher
Schönheit der melodischen Erfindung, heftiger innerlicher Erregtheit und
leidenschaftlichen Ausdruck. Rhythmik und Harmonik sind frei und beweglich,
auch Dissonanzenfolgen werden zum Ausdruck heftigen Schmerzes herangezogen.
Im ganzen bildet die Oper ein reifes und ergreifendes Kunstwerk, dessen
Wiederbelebung ohne Zweifel viel Anklang finden würde (Beispiel 10).

Monteverdi schrieb im ganzen acht Opern; sehr bekannt wurde das Lamento
aus „Arianna“,
der ersten Bearbeitung des Ariadnestoffes, der mit
Richard Strauss, „Richard
Strauss - Ariadne auf Naxos (1912)“ bis in unsere Tage seine Geltung
bewahrt hat; ferner wurde „L'incoronazione
di Poppea (1642)“ (bedeutungsvoll (Arietta: Sento un certo non só che,
eine Vorwegnahme de späteren
Buffoarie,
auf einer Volksweise aufgebaut), da der Text des Werkes nicht mehr der
Mythologie, sondern der römischen Geschichte entnommen ist und die ziemlich
greuliche Geschichte einer römischen Kaiserin erzählt. „Poppea“
führt uns bereits in die venezianische Zeit des Komponisten; von der
Lagunenstadt sollte, wie vor 200 Jahren
Willaerts Schule, nun auch eine bedeutsame Epoche der Oper ausgehen. In
Mantua wurde gleichzeitig mit der „Arianna“
die „Dafne“ des
Marcantonio Gagliano aufgeführt, die den Werken Monteverdis nahesteht
und in ihren melodisch reichen Solosätzen der Madrigalkomposition verwandt
ist. Auch eine Frau, die Tochter Francesca des Komponisten
Caccini, betätigte sich als dramatische Komponistin mit der Oper „La
liberazione di Ruggiero“; bedeutender ist
Domenico Mazzochis „La
Cantena d'Adone“, die einen charakteristischen Zyklopenchor von gutem
rhythmischen Humor enthält. „Alessio“
von Steffano Laudi bringt zum ersten Male zwei
komische Partien in Gestalt des später allgemeinüblichen Buffo-Dienerpaares,
das mir seinen lustigen Liedern die allegorisch-steife Handlung belebt. Auch
ist die Titelpartie des „Alessio“
mit einem Soprankastraten besetzt, ebenfalls eine Neuerung, die in der Folge
größte Bedeutung bis in die Zeit
Mozarts hinein haben sollte. Die Reihe der
Verkleidungsopern, in denen Held oder Heldin lange unerkannt bleibt, wie es
noch in der deutschen komischen Oper des 19. Jahrhunderts vorkommt
(Lortzings „Wildschütz“ ), beginnt mit Michelangelos Rossis „Erminia“
; die Heldin erscheint erst als Soldat, dann als Hirt.
Nach dem Jahre 1640 wurde die Opernproduktion in Italien so gewaltig, daß
die Partituren der Werke nicht mehr gedruckt wurden, da die Komponisten nur
flüchtiges Interesse erregten und sogleich durch neuere „Schlager“
abgelöst wurden. So sind nur wenige der Choropern aus dieser Zeit erhalten,
wie z. B. die „Vita humana“ Marco Marazzolis; es ist die typische
Allegorieoper Roms, der Königin Christine von Schweden gewidmet. Es treten,
wie schon der Untertitel „Il Trifono della pieta“ vermuten läßt, die
Unschuld, die Schuld und derartige Begriffe auf, die mit den anderen
Tugenden und Lastern äußerst erbauliche und langatmige Gespräche führen,
ähnlich bombastisch, wie die Sermone der würdevollen perückengeschmückten
Gelehrten jener Tage.
Das Jahr 1637 ist in der Geschichte bemerkenswert: in ihm wurde das erste
öffentliche Opernhaus eröffnet, und zwar in Venedig von dem
Universalgenie-Unternehmer Benedetto Ferrari. Er war Sänger, Komponist,
Instrumentalist und Dichter; nun trat er als Unternehmer mit der Gründung
des Theaters San Cassinao auf den Plan, dem bald andere nachgebildet wurden;
in der Regel wurden sie nach den Kirchspielen ihrer Lage benannt. In den
Jahren 1637 - 1700 wurden in Venedig 300 verschiedene Opern herausgebracht,
eine stattliche Zahl, auch wenn man die Menge der Opernhäuser, von denen
manchmal acht gleichzeitig spielten, in Betracht zieht; sie beweist die
ungeheure Beliebtheit der Oper in Italien, die sich bis zum heutigen Tage
erhalten hat.
Die venezianischen Opernhäuser waren die ersten Theater, die am Abend und
bei künstlicher Beleuchtung spielten. Die Neuerung erregte überall großes
Aufsehen und veranlaßte viele Fremde, sich das Wunder anzusehen, obgleich die
Lichtfülle nur in wenigen Fakeln und zwei Öllampen bestand. Da Venedig im
17. und 18. Jahrhundert eine bedeutende Rolle als internationaler Treffpunkt
der eleganten Welt spielte, etwa wie in unseren Tagen die Rivera, war die
Oper dort gerade am richtigen Platz, und ohne Zweifel hat Ferrari nicht ohne
Bedacht die Lagunenstadt für sein Unternehmen gewählt.
In dieser mondänen Umgebung verschwand nun die Verwandtschaft der Oper
mit der Antike und den Prinzipien der Renaissance vollkommen; sie wird
Barocktheater. Die Stoffe, zum Teil noch mit antiken Namen, behandeln
Geschehnisse des Zeitalters, da in seiner bunten Bewegtheit, oft nicht frei
von Grausamkeit, genügend Stoff bot.. Die eventuell auftretenden alten Römer
hatten nicht einmal das alte Kostüm mehr für sich, geschweige denn die
Gesinnung oder Denkart der klassischen Zeit; um so häufiger aber mischten
sich Züge der Borgias und anderer berühmter oder berüchtigter Männer in die
Charaktere der auftretenden Personen: Die historische Handlung wurde den „accidenti
verissimi“, völlig wahren Begebenheiten unterbrochen, eine seltsame Vorahnung
des in den neunzigern Jahren des vorigen Jahrhunderts in Italien
auftauchenden „Verismo“, dessen erste und Hauptvertreter
Mascagni mit der „Cavalleria
rusticana“ und
Leoncavallo mit dem „Bajazzi“
waren. Die komischen Szenen nehmen einen immer größeren Raum ein; sie
bringen häufig naturwahre Bilder aus dem Leben des niederen Volkes und sind
deshalb kulturgeschichtlich nicht ohne Bedeutung. Im Ausland erreegten sie
Aufsehen und trafen auf verwandte Elemente in der holländischen Malerei des
17. Jahrhunderts; im 18. Jahrhundert entstand auch in Venedig zugleich mit
den Stegreifkomödien und Harlekinspielen iene Malerei, die sich mit Vorliebe
an szenische und theatralische Vorwürfe hielt.
Die venezianische Oper ließ
den Chor gänzlich fallen, und zeigte damit noch einmal den Haß des
harmonischen Zeitalters gegen die vergangene Epoche des polyphonen
Kontrapunktes.
Monteverdi, der aus Mantua nach Venedig übergesiedelt war, brachte hier
die bereits erwähnte „L'incoronazione
di Poppea “ zur Aufführung; ihm schloß sich
Francesco Cavalli an, dessen Hauptwerk „Didone“
wie seine anderen Opern viel barkarolenmäßige Melodien enthalten, die ihren
Zauber damals ebensowenig verfehlten wie heute im zweiten Akte von
Offenbachs „Hoffmanns
Erzählungen“. „Signor Barcarollo“ ist in der Folgezeit der
neapolitanischen Oper ein Spitzname für den Venezier geworden. Außerdem
gewann nun allmählich das
Rezitativ
in den Opern immer mehr Spielraum, Freiheit und Leichtigkeit und wir dso zum
wichtigsten Bestandteil der Oper, den, die Italiener mit unerreichbarer
Meisterschaft behandelt haben, nur
Mozart kommt ihnen in der Behandlung der schnellen Konversation seiner
italienischen Opern (hauptsächlich „Figaro“,
„Don
Giovanni“, „Cosi
fan tutte“) nahe. Man unterscheidet zwei Arten des Rezitativs, das
sogenannte unbegleitete, Recitativo secco, welches nur vom Cembalo
unterstützt, und das begleitete, Recitativo accompagnato, das vom Orchester
getragen wird und in besonders dramatischen Momenten seine größere Wucht
entfaltet.
Die meisten der venizianischen Opern des 17. Jahrhunderts
wurden niemals gedruckt; sie verschwanden nach einigen Aufführungen schnell
wieder, um neuen Werken Platz zu machen. Von der großen Menge ihrer
Kompositionen sei hier
Marcantonio Cesti genannt, einer der begabtesten Tondichter seiner Zeit;
dessen Opern sich durch eine außerordentlicher Fülle süßer Melodien und
große Schönheit idyllischer Szenen auszeichnen. Er beherrschte die Formen
dramatischen Wesens und überrascht durch geschickten Wechsel der Stimmungen,
den er mit großer Grazie herbeizuführen weiß. Von der Produktivität der
damaligen Komponisten gibt die Tatsache eine Vorstellung, daß
Cesti 150 Opern komponiert hat, von denen uns elf erhalten sind. Seine
Hauptwerke sind „La Dori“, eine Oper der Gattenliebe und „Il
pomo d'oro, die Hochzeitsoper Leopold I. in Wien (1667), deren
Inzenierung mit großartiger Verwendung von Orchestermusik 100 000 Taler
kostete (Beispiel 11).

Pietro Andrea Ziani führte neben dem barkarolenmäßigen elegischen
Motiven die sog. Sicilinani ein, sehr verwandlungsfähige Melodien im
Zwölfachteltakt, die von den späteren Komponisten, so auch von
Händel (Messias:
Er weidet seine Herde) und
Bach (Pastorale des
Weihnachtsoratoriums) übernommen wurden. Auch die Arie mit
konzertierenden (obligaten) Soloinstrument ist durch
Ziani zu großer Wirksamkeit gebracht worden, und zwar benutzt er die
Trompete als Folie der Gesangsstimme. Die letzte dieser eine Zeitlang sehr
beliebten Konzertarien auf dem Opernpodium ist „Martern aller Arten“
in
Mozarts„Entführung
aus dem Serail“, die trotz aller Schönheiten den Gang der Handlung
infolge ihres virtuosen Wesens in störender Weise unterbricht. Ein anderer
Komponist,
Palo Sacrati, kam dem Geschmack des Publikums mit kleinen und melodiösen
Duetten entgegen, die sich, wie in der Oper „Delia“, in sentimentalen
Sextenparellen bewegten.
Giovanni Legrenzi, der durch seine Sonaten für mehrere Instrumente für
die Entwicklung der Instrumentalmusik wichtig geworden ist, schrieb mit
starker dramatischer Kraft für die Opernbühne.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich nun nach
venezianischen Muster in den meisten italienischen Städten ein regelmäßiger
Opernbetrieb. Schulen für den dramatischen Gesang werden gegründet, und
allerorten werden Opern komponiert. Die verschiedenartigen Einflüsse konnten
am übernommenen Stil der venezianischen Oper nicht spurlos vorbeigehen; neue
Elemente bilden sich, in Rom und Florenz bereitet sich in
volkstümlich-komischen Werken der Brüder Mazocchi und des
Jacopo Melani die spätere Buffooper der Neapolitaner vor, die
historische oder mythologische Oper feiert in großen Ausnahmen eine
Auferstehung, wie in des Römers Pietro Simone
Agostinis „L'Adalinda“ und „Il
Ratto delle Sabine“ (Raub der Sabinerinnen). In Modena tritt
Alessandro Stradella auf, bekannt als Held in Flotows Komposition, und
bringt größere geschlossene Gesangsszenen, deren Ensemblesätze auf die
späteren glänzenden Finales hinweisen; auch als Instrumentator ist er
bemerkenswert. Die Brüder Marcantonio und Giambattista Bononcini, in
derselben Stadt tätig, betonen die orchestrale Charakteristik
(Mandolinienverwendung) während im Gesange eine auf das Theatralische
zugeschnittene Leidenschaft triumphiert.
Um die Jahrhundertwende wird durch das Auftreten zweier genialer Naturen,
eines Komponisten,
Allesandro Scarlattis und des Dichters
Piedro Metastasios, der Schwerpunkt der Opernkomposition nach Neapel
verlegt. Ehe wir indessen diese glänzende Epoche der dramatischen Musik
betrachten, wollen wir kurz die Entwicklung der Bühnenkunst in Frankreich
und Deutschland behandeln.