VI. Die deutsche Musik vom Dreißigjährigen Krieg bis Bach

Der Dreißigjährige Krieg brachte Verarmung, Elend und Inflation über Deutschland; er veränderte das kulturelle Leben bis zur Unkenntlichkeit, so daß der große Aufschwung des 16. Jahrhunderts völlig zum Schwinden gebracht wurde. Die bildende Kunst, welche im Zeitalter der Reformation und den folgenden Jahren besonders im Kunstgewerbe, der Silber- und Goldschmiederei, den Möbeltischlereien und den Steinmetzarbeiten eine ansehnliche Höhe ereicht hatte, war so gut wie ausgerottet; die Literatur lag völlig danieder. Nur die Musik konnte, und nicht nur in beschränktem Maßstabe, ihr Dasein weiter fristen; der Krieg selbst lieferte alle möglichen praktischen und seelischen Anregungen. Eine Menge fremder Truppen, Spanier, Kroaten, Franzosen, Schweden und andere Hilfsvölker brachten ihre Lieder und Kapellen mit, Abenteurergesänge kavaliermäßiger Gesang wie Selles „Beso las manos, mein lieber Don Juan“ mit seinem kriegsverherrlichenden spanischen Schluß, machten die Runde; sogar die Stadtpfeiferzünfte wurden von den allgemeinen wilden Wesen angesteckt und verkamen so ziemlich, wenigstens was Leistungen und Sitten anbetraf.

Es waren aber noch zwei andere Quellen, welche den Musikstrom Deutschlands nicht versiegen ließen: die durch Rivalität mit dem italienischen Meistern geforderte Erinnerung an die alte Polyphonie und des evangelischen Kirchenlied. Den bescheiden und handwerkermäßig auftretenden deutschen Musikern gegenüber zeigten die an allen Höfen vorhandenen italienischen Meister ein sehr anmaßendes Wesen; sie waren stolz auf ihre überlegene und fortschrittliche Art, die es, entsprechend den bildenden Künsten der Mittelmeerländer, verstand, Klarheit der Gliederung mit formvollendeter Sinnlichkeit in übersichtlicherweise zu verbinden, während in Deutschland die Sehnsucht nach der alten gotisch-polyphonen-mystischen Kompositionsweise wieder rege wurde. Es zeigte sich der uralte Zwiespalt, der heute noch besteht und oft zu Kontroversen und Mißverständnissen Anlaß gibt, zwischen Antike (mit den von ihr abgeleiteten Kunstformen) und Gotik, Klarheit und Mystik, Natur und Dogma, südlicher Leichtigkeit und nordischer Grübelei, Sonne und Nebel, Mittelmeer und Nordsee. Die Besinnung der deutschen Musiker auf die Methoden ihrer Vorgänger führte, da sie bei aller Opposition doch die Errungenschaften der italienischer Monodie und Harmonie nicht mehr beiseite lassen konnten, während der zweiten Hälfte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer Synthese de beiden Geistesrichtungen, die dadurch erleichtert wurde, daß die Orgel das Lieblinginstrument der Zeit wurde, da ihre Möglichkeiten in kontrapunktischer und harmonischer Beziehung fast unerschöpflich sind. So bot sich die beste Möglichkeit, italienischen und deutschen Geist in ihren Klängen zu vereinen; es kam dazu, daß überall an den Kirchen Orgeln zu finden waren und diese nun wiederum eine erhöhte Wichtigkeit durch die wachsende Bedeutung des Kirchenliedes bekamen. Jene schwere Zeit bringt eine strake Welle religiösen Empfindens mit sich; so ist es nicht zu verwundern, daß eine Epoche des Elends, wie sie die Zeit von 1618 bis 1648 (und noch längere Zeit nach Friedensschluß, der, wie wir ja selbst wissen, nicht gleich alle Wunden heilt) darstellt, der Gläubigkeit viele Anhänger zugeführt hat.

Eine ganze Anzahl von Komponisten, deren Lieder sich die dreihundert Jahre gehalten haben, legen noch heute Zeugnis von der Qualität ihrer Einfälle ab. Während des Krieges, 1621, starb einer der anziehendsten Musikergestalten des Frühbarocks, Michael Prätorius (geb. 1571), der auch als Theoretiker von Bedeutung ist. Er war als Organist und Kapellmeister an verschiedenen Orten,  in Frankfurt a.O., Halberstadt und anderen tätig, bis er als Hofkapellmeister nach Wolfenbüttel übersiedelte. Er hat eine Anzahl von Chören herausgegeben; allgemein ist er jetzt noch durch seine Bearbeitung von „Es ist ein Ros' entsprungen“ und des sogenannten „Quempas“ bekannt, eines lateinischen Weihnachtsliedes, dessen erste Worte lauten . Im übrigen hat er mehrere hundert Kirchenlieder und eine große Reihe von Gesangsstücken zum Gebrauch beim evangelischen Gottesdienst hinterlassen. Seine Choralbearbeitungen zeigen große Phantasie und seine spielfreudige Vorliebe für Klangmischungen: er schreibt bei einzelnen Chorälen die Zusammensetzung und Tätigkeit der Knaben- und Mädchenchöre wie auch der Begleitungen genau vor, wobei er sich in komplizierten und abwechslungsreichen Tonfärbungen nicht genug tun kann.

Nach dem ersten gewaltigen Anstieg des protestantischen Chorales, wie er sich in Luthers „Eine feste Burg“ und den Gesängen der Speratus, Eber, Herrmann verkörpert, folgt eine etwas ruhigere Periode in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert und um die Jahrhundertwende, aus der Stücke  von der Schönheit des „Valet will will ich dir geben“ (Teschner) oder „Wie schön leucht' uns der Morgenstern“, „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ erhalten sind. In der folge brach die Reihe der berühmten Choräle nicht ab; „Ach bleib' mir deiner Gnade“ (1630, Stegmann), „Nun danket alle Gott“, das mehrmals politische und kriegerische Bedeutung gewonnen hat, wie beim  Abschluß des Westfälischen Friedens und auf dem Schlachtfeld bei Leuthen, trotzdem es eigentlich ein Tischgebet von Martin Rinckart ist, bilden mit anderen Kirchenliedern den Übergang zum neuen, von der italienischen  Monodie beeinflußten Stile, der das alte Chorlied zur Generalbaßarie wandelte. Der Pastor Johann Rist zu Wedel bemühte sich um die Komposition seiner geistlichen Lieder im neuen Stil, der komplizierte Tonarten an Stelle der alten Einfachheit setzte; diese Werke wurden von den Chorälen des Berliners Paul Gerhard in den Vertonungen des Schlesiers Johann Krüger bei weitem übertroffen, welche den Höhepunkt des frühbarocken Kirchenliedes bezeichnen (z.B. „Jesu meine Zuversicht“, „Zeuch ein zu deinen Toren“ usw.). Das 17. Jahrhundert hat bis zu seinem Ende das meiste für den Bedarf der evangelischen Kirche an Liedern geliefert; häufig steht die literarische und musikalische Urheberschaft allerdings nicht ganz fest. Im ganzen entstanden in jener Zeit etwa zehntausend Kirchenmelodien, von denen ein verhältnismäßig großer Teil die Jahrhunderte überdauert hat.

Die Choralmusik wurde naturgemäß auf die Orgel übertragen und dort mit der gebräuchlichen Figuralmusik verbunden, so daß die Kirchen- und Hausgesänge „Konzerte“ über verschiedene Choralthemen enthalten, in denen ein Generaldiskant der Kinder als Cantus firmus mit den Figurationen der Orgel und eines mehrstimmigen Orchesters verbunden wurde. Die Instrumentalmusik erhielt durch die geistlichen Lieder viel Themen und gleichzeitig die Anregung zur mannigfaltigen Verarbeitung des neuen Materials in Trios, Sonaten und Fugen. Auch Bach hat noch Choralthemen zur Variierung verwandt; den Hauptgewinn hatte die Orgel als liturgisches Instrument. Ausländische, englische und italienische Einflüße kamen dazu, um die  „Kolorierung“ der Stücke, ihre Verzierung mit allen möglichen Schmuckstücken, Trillern, Läufen und Mordenten zu verstärken, welche nun ihrerseits die Technik der Orgel vergrößerte und der Fingerfertigkeit der Spielenden bedeutend nützte. Aber wie jede Strömung sogleich eine Gegenströmung auslöst, machte sich auch gegen diese sozusagen flüssigere Richtung im Orgelspiel ein neuer Widerstand geltend; und zwar sind es die deutschen Nachfolger des holländischen Organisten Jan Pieterszen Sweelinck (1562 — 1621), welche nun einen Zweig der deutschen Tonkunst bis Johann Sebastian Bach führen sollten, nachdem sie den italienischen Stil des großen Orgelmeisters Girolamo Frecobaldi mit der Art des Niederländers zu vereinigen gewußt hatten. Sweelincks Kunst kommt zum Teil von den englischen Klavierspielern um die Wende des 16. Jahrhunderts her, deren bedeutendste Bird, Morley, Dowland, Gibbons und andere Komponisten waren, die sich auch als Vokalmeister auszeichneten, wie vor allem Dowland, dessen Gesänge neu herausgegeben sind und sich allgemeiner Schätzung erfreuen sollten. Aber auch das Orgelricercar (Vorläufer der Fuge) war ein Lieblingsgebiet Sweelincks und sein Typus der mehrthemigen Orgelfuge hat während des ganzen 17. Jahrhunderts seine Bedeutung nicht verloren. Er entfaltete eine sehr bedeutende Lehrtätigkeit; seine Hauptschüler in Deutschland waren Samuel Scheid (1587 — 1654), der die weltliche und kirchliche Variation von Äußerlichkeiten befreite und kontrapunktisch von innen heraus entwickelte, Melchior Schild (1592 — 1667), der besonders als Stegreifkünstler hervorragte; und Heinrich Scheidemann (1596 — 1663), der bereits die Synthese mit dem Stile Frecobaldis in Angriff nimmt.

Frecobaldi (1585 — 1643) lebte zwar in Rom, das er bis auf eine kurze Zeit nach Florenz auch vermutlich niemals verlassen hat; sein Einfluß auf die deutsche Tonkunst erklärt sich indessen durch die Tätigkeit seines Schülers Joh. Jak. Froberger (1605 — 1667), der ein abenteuerliches, durch Anekdoten und Räubergeschichten vielfach ausgeschmücktes Leben geführt hat. 1637 wurde er, dessen Geburtsort und Jugend in ziemliches Dunkel gehüllt sind, Hoforganist in Wien, reiste im gleichen Jahr nach Rom zu Frecobaldi, wo er katholisch wurde, und kehrte dann auf seinen Wiener Posten zurück, den er allerdings nur mit großen Unterbrechungen ausfüllte. Große Konzertreisen führten ihn durch Deutschland, nach den Niederlanden und Frankreich. 1652 wurde ihm zu Ehren in Paris ein großes Musikfest gegeben, über das sich in einer merkwürdigen, in Knittelversen geschriebenen zeitgenössischen Musikzeitung ein in mehreren Beziehungen interessanter Bericht erhalten hat; Karl Krebs hat im 10. Bande der Vierteljahreszeitschrift für Musik die Stelle im französischen Text mitgeteilt, welchen man etwa folgendermaßen übersetzen könnte:

29. September 1652:

Es sangen bei den Jakobiten
Wohl achtzig Sänger mit Meriten,
Sie bildeten drei Musikchöre,
Es klang, als ob man Engel höre,
Und alle Leute, an sechshundert;
Hab'n alles nach Gebühr bewundert.
Violen, Geigen, Leiern:
Die Bässe täten nicht feiern,
Gitarren, Harfen und Flöten
Theorben waren vonnöten,
Klaviere, Oboen,Trompeten.
Man sang und spielt' um die Wetten.
Und herrliche Tonharmonien
Mit feinsten Nüancen ziehen:
Selbst Orpheus är' hier verloren,
So schmeicheln sie die Ohren.
Der ganze Haufen Arione;
Amphione; Psalterione;
Entzückte die Hörer baß:
Sie riefen: „Wie schön ist das!“
Aber mein Kopf will nicht wie die anderen;
Und denkt seine Weg alleine zu wandern
Wie ein Maultier, das störrisch widersetzt.
So find' ich es lächerlich zu guter Letzt
Daß all das Getön und Melodei
Nicht zu Ehren Gottes sei,
Auch nicht Souveränen zu Ehren
Oder um König und Königin zu verehren.
Sondern alles geschah nur allein
Für ein gewöhnliches deutsches Schnurrpfeiferlein.
Eine ganz ordinäre Person,
Denn was ist er den weiter schon?
Bei meinem Zorn — damit ihr es wißt —
Er ist bloß des Kaisers Hoforganist.
Und dazu steht er dann noch im Sold
Des Erzherzogs Leopold.
Na ja — da ist er auch gerade was Rechts!

 

Die Beschreibung führt den Pomp eines Musikfestes ebenso deutlich vor Augen, wie die Geringschätzung, welche sich nach dem Dreißigjährigen Kriege einem Deutschen im Ausland gegenüber zeigte, und die wohl, genährt durch viele spätere Vorkommnisse, heute noch nicht geschwunden ist.

In London ist Froberger ebenfalls gewesen, wo er unerkannt als Bälgetreter der Orgel in der Hofkirche gearbeitet haben soll, bis er nach einem Fußtritt eines berühmten Organisten in einer gerührten und romantischen Szene erkannt wurde. 1657 ist er wie der gesamte Hofstaat vom Kaiser abgebaut worden, fand aber ein Domizil bei der im Elsaß lebenden Herzogin Sibylle von Württemberg, ber der er bis zu seinem Tode blieb — auf jedem Fall ein eigenartiges Verhältnis, das gut zu dem fraglos fasziniertensten und großzügigen Musiker paßte. Seine Orgeltechnik galt den Zeitgenossen als neu und erstaunlich, so daß ihnen die Wiedergabe seiner Kompositionen Schwierigkeiten machte. J. S. Bach hat ihn als seinen Vorläufer gerade in Bezug auf die großen Präludien stets hoch geschätzt. (Beispiel 17).

 

Johann Jacob Froberger (1616-1667)

 

Die Wiener Organistenschule verzeichnete als späteres und wichtiges Mitglied Georg Muffat (um 1645 — 1690, Domkapellmeister in Passau), der die freie Spielweise Frecobaldis mit Frobergers gefügteren Sätzen verband.

In der Stadt der Meistersinger wurde im Jahre 1653 Johann Pachelbel geboren, der nach einem bewegten Wanderleben, das ihn J. S. Bachs Vater Ambrosius zum Freunde finden ließ und ihm einen für seine europäische Berühmtheit zeugenden Ruf nach Oxford einbrachte (den er ausschlug) als Organist der Sebalduskirche seine Tage beschloß. Er ist außer als Komponist bedeutender Tokkaten und Fugen durch die Schöpfung des Choralvorspiels bemerkenswert, das später nach seinem Muster von Bach auf die Höhe geführt und, bis in unsere Zeit hinein, als beliebtes Bearbeitungsgebiet galt;  so haben noch Brahms und Reger Choralvorspiele geschrieben. Pachelbels fugiert häufig die erste Zeile des Chorals, um die musikalische Durchführung des gesamten Liedes anzuschließen; die klare und übersichtliche Stimmführung und der starke Empfindungsgehalt verleihen Pachelbels Vorspielen hohen Rang; wenn sie uns auch heute vielleicht allzu einfach vorkommen wollen, dürfen wir niemals vergessen, da? sie einstmals bahnbrechend gewirkt haben.

Während in Thüringen die Familie Bach, welche der Kunst einen der Größten schenken sollte, in staatlicher Anzahl sich durch die Generationen hindurch als Musiker betätigten, so daß die Erfurter Stadtmusikanten noch am Ende des 18. Jahrhunderts kurz „die Bache“ genannt wurden, lebte in Halle der Lehrer dessen, welcher in der späteren Zeit häufig mit Johann Sebastian Bachs zusammen genannt worden ist: F.W. Zachow (1665 bis 1712), welcher Händel unterrichtete und sich durch reitvolle Harmonien auszeichnete. Georg Böhm aus Lühneburg (1661 —  1733), der den Orgelstil dem Klaviersatz näherte und eine der Zierlichkeit des Rokoko verwandte Grazie in die wuchtige Ausdrucksweise der Älteren einzuflechten vermochte; Nik. Adam Strunk (1670 bis 1700), eingroßer Künstler der Fuge, vertreten das Orgelspiel im nördlichen Deutschland, während der größte Orgelmeister vor Bach, Dietrich Buxtehude, in Helsingborg geboren wurde (1657) und in Dänemark aufwuchs, bis er im Jahre 1668 nach Lübeck berufen wurde. Seine Hauptbedeutung liegt, außer in der musikalischen Qualität seiner Fugen und Suiten, in dem romantisch-dichterischen Stimmungsgehalt seiner Werke, welche alle Seelenregungen auszudrücken imstande sind und sich zur Nachfolge Bachs und Spittas Wort ähnlich verhalten wie Mozarts Schaffen zu Beethovens Symphonien. Seine kühnen Akkordfolgen und Kadenzen wie sein gesamtes großes technisches Können sind von bestimmender Bedeutung für Bach geworden, der den älteren Meister denn auch in seiner Jugend aufgesucht hat.

*

Ehe wir mit Bachs Leben in die Musikgeschichte der neuen Zeit eintreten, bleibt noch ein Blick auf die Entwicklung der Chor- und Orchestermusik im 17.Jahrhundert zu werfen übrig. Wir treffen bei diesem Beginnen sogleich auf die wohl fesselndste  aller Musikerschienungen der älteren Periode, auf Heinrich Schütz, der jahrhundertelang völlig verschollen war und erst im neunzehnten Jahrhundert durch Spittas große Gesamtausgabe und in den letzten Jahren durch die Aufführungen seiner Werke, welche Siegfried Ochs veranstaltete, der sehr unverdienten Vergessenheit entrissen worden ist. Sein langes Leben reichte aus dem Jahrhundert der Reformation, von 1585, bis in den Beginn der Hochbarockzeit; er verdankt zwar den Venezianern viel, ist aber doch nach Geistesart völlig deutscher Musiker, der sich durch die Kühnheit seiner Konzeptionen und die gewaltige geistige  Anlage seiner Werke weit über seine Zeitgenossen erhebt. Man nannte ihn einen phantastischen Menschen; und sicher ist ihm vom Wesen der Dinge mehr bekannt gewesen als seinen Kollegen von Chor und Orgel, wie aus seinen Werken ersichtlich ist.

Sein äußeres Leben verlief, ohne daß er Not kennengelernt hätte. Er erhielt eine gute Erziehung, studierte und ging dann nach Venedig, wo er Giovanni Gabriellis Schüler wurde. Nach dem Todes seines Lehrers kehrte er nach Deutschland zurück und wurde, nachdem er mehrere Organistenstellen innegehabt, Hofkapellmeister in Dresden. Verschiedene Reisen führten in ins Ausland; auch nach Venedig kam e nach fünfzehnjähriger Abwesenheit wieder und erhielt mannigfaltige Anregungen von dem inzwischen zur Blüte  gelangten Stil Monteverdis. Er starb 1672 als Nestor der deutschen Musikanten; aber schon ein Jahr darauf war das Andenken an ihn verblaßt, und im 18. Jahrhundert wurde er vollends zur mystischen Figur.

Seine große Bedeutung liegt in seinen Werken für Chor, Soli und Orchester, die von außerordentlicher Erfindungskraft und großer Charakterisierungskunst sind. In den „Sinfoniae sacrae“  finden sich die wichtigsten seiner Kompositionen, die nach dem zweiten Aufenthalt in Venedig entstanden; aber auch die „kleinen geistlichen Konzerte“  und die am Schluß seines Lebens entstandenen Passionen nebst der Weihnachtsgeschichte sind reich an tiefempfundener dramatischer Musikalität. Eine kurze Analyse des großartigen Stückes der „Sinfoniae sacrae“ soll einen Begriff von dem weit vorausschauenden Blick des alten Meisters geben: es ist das achte Stück des elften Bandes in der Spittaschen Gesamtausgabe, welches etwa mit dem Titel „Die Gewissensqualen des Saulus“ benannt werden könnte. Es ist für sechs Solostimmen, zwei vierstimmige Chöre, zwei Violingruppen, Orchester und Orgel geschrieben: man sieht schon aus diesem großen Aufwand, daß eine starke Wirkung im modernen Sinn beabsichtigt war. Der Text heißt:

 

Saul, was verfolgst du mich?
Es wird dir schwer werden wider den
Stachel zu lösen.
'Saul, was verfolgst du mich?

 

Gemeint ist der spätere Apostel Paulus und das Ganze als düstere Vision zu denken, in der das Gewissen des noch nicht Bekehrten von Trauer und Schrecken gepeinigt wird.

Aus dunklem D-Moll wächst die Anfangsfrage in Akkorden der Solostimmen aufsteigend drohend hervor; der volle Chor setzt mit mächtiger dynamischer Steigerung, sich nach Dur wendend, das Thema fort, um es dann beim Übergang nach G-Moll den Solisten von neuem zu überlassen, die wie in leiser Wehmut den plötzlichen  Ansturm des Chores verklingen lassen. Der Solotenor führt mit den nächsten Worten „Es wird dir schwer werden“ ein in kräftigen Intervallen weit ausgesponnenes Motiv ein, das vom Alt aufgenommen, aber sogleich durch den intensiv dramatischen Aufschrei des Chores, der die Frage wiederholt, unterbrochen wird. Nun erst vereinigen sich die Solostimmen zu einer fugierenden Durchführung des Motives; aber bald mischen wieder die Chöre mit dem auf je einem Taktteil abwechselnden verteilten Ruf „Saul“ in das kontrapunktische Getriebe, so daß nun auch die Solostimmen wieder in die Worte des Anfangs zurückfallen die sie auf ein neues, in der Terz absteigendes Thema voll herben Schmerzes aussprechen. Unter fortwährenden Wechsel von forte und pianissimio, von Schütz genau vorgeschrieben, führen die Solostimmen das Werk zu Ende, während der Chor nur noch dreimal das  „Was verfolgst du mich“ dazwischenwirkt, um schließlich wie in Ermattung ganz zu verstummen. In unbestimmten Dämmern, fast spuckhaft klingt das Ganze aus; trotzdem das Werk nur siebenundvierzig Takte lang ist, hat es der Komponist verstanden, einen erstaunlichen Umfang an Klangfärbungen, schlagkräftigen Themen und wuchtiger Dramatik in die kurze Spanne Musik einzuschließen; man ist versucht an eine der gewaltigsten Fresken der italienischer Barockmalerei Domenichinos oder Guercinos, zu denken; mit so sicheren Gefühl wird hier die Erfindung zu jeder gewünschten Wirkung gebracht und von tiefer Leidenschaft getragen.

Die Entwicklung des geistlichen Gesanges bis zur Kantate des 18. Jahrhunderts erfolgte in verschiedenen Kreisen, die nach geographischer Einteilung (wie sie Moser in seiner Musikgeschichte einführt) einen sächsisch-thüringischen, einen hanseatischen, einen Nürnberger und einen Wien-Münchner Kreis umfassen, so das also fast ganz Deutschland mitgearbeitet hat, dem kommenden großen Meister den Boden zu bereiten. Unter den vielen anziehenden Komponistengestalten jener Zeit erregen der Thomaskantor Johann Kuhnau, (1660 — 1722), dieser auch als Klavierkomponist, und der geniale Johann Philipp Krüger (1649 — 1725) unsere Aufmerksamkeit; des Letztgenannten  Solokantate für Baß und Orchester „Wie bist du denn, o Gott in Zorn entbrannt“, enthält ausnehmend ergreifende Stellen. In das 17. Jahrhundert fällt der Beginn des Aufstiegs Wien als Hauptstadt durch die rege Beteiligung der Habsburger an der Tonkunst: Ferdinand III., Leopold I., Joseph I. und Karl VI. waren nicht nur sehr beachtliche Komponisten und Dirigenten, sondern pflegten auch die Musik durch Aufführungen, Festlichkeiten und andere Veranstaltungen, so daß die angestellten Virtuosen kaum ihre Amtspflichten erfüllen konnten. Sie hatten „mit Kammermusik, Tafelmusik, Oratorien und Theater wohl über achthundert Mal im Jahr Dienst, außer den Proben“. Das Oratorium wurde in Wien besonders gepflegt, besonders da Leopold I. selbst acht Werke dieser Art hinterlassen hatte; es mochte auch dem katholischen Sinne der süddeutschen Bevölkerung gut liegen da es aus dem Jesuitendrama hervorgegangen ist, das sich durch große orchestrale Mittel und scharf charakterisierte Hauptgestalten auszeichnete; J. K. Kerlls aus dem Jahre 1677 stammendes Werk „Pia et fortis mulier“ behandelt das Leben der heiligen Natalie in dieser Weise.

*

Neben der geistlichen Tonkunst war die weltliche durch Instrumental- und Liedkompositionen von Wichtigkeit. Violine, Gambe, Klavier und Laute waren als Soloinstrumente beliebt; für die Tafelmusiken der Fürstenhöfe waren Bläßerchöre und gemischte Orchester bestimmt, deren Suiten und andere Stücke allerdings oft im Geräusch des Diners untergegangen sein mögen. Eine Anzahl der bereits als Gesangskompositionen genannten Tonsetzter hat sich auch auf dem Gebiet der Instrumentalmusik betätigt; im Laufe des 17. Jahrhunderts nahm sie einen immer größeren Raum ein. Die Hofkapellmeister waren in der Mehrzahl nicht mehr Sänger sondern Instrumentalisten, hauptsächlich Geiger; französische Tanzformen fanden infolgedessen um so leichter Eingang in Deutschland, als — wie schon bei Gelegenheit der französischen Oper unter Lully erwähnt wurde — in Paris das Violinspiel als solistische und orchestrale Betätigung in hoher Blüte stand. So bürgerten sich die ausländischen Tänze bald ein und behielten bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihre Gültigkeit; die Couranten, Sarabanden, Volten, Balletts spielten in den Suiten und Konzerten für Soloinstrumente und Orchester lange eine beherrschende Rolle. Die Technik gerade der Violine machte in jener Zeit bedeutsame Fortschritte. Der Italiener Marini und Farina, die sich beide eine Zeitlang in Deutschland aufhielten, führten eine Anzahl neuer Kunstgriffe in die Spielweise der Geige ein und bemühten sich, durch „glissando“,  „col legno“, „pizzicato“ und  „sul ponticello“ alle möglichen verblüffenden Effekte zu erzielen. Der glänzende Hofhalt Ludwigs XIV. fand auch in musikalischer Beziehung Nachahmung in Deutschland; Schüler Lullys wie der württembergische Kammevirtuos Kuffer und der sehr bedeutsame Passauer Kapellmeister Georg Muffat führten die Formen der französischen Orchestermusik wie der Overtüre in Deutschland ein, die in ihrer sterotypen Anordnung das Vorbild der ersten Sätze der Symphonie abgegeben hat, ein auf scheren Akkorden aufgebautes Einleitungsadagio, dann ein glänzendes und häufig fugiertes Allegro folgt.

In Deutschland wurde im 17. Jahrhundert mit Vorliebe das Clavichord an Stelle des heutigen Klavieres gebraucht, während in Frankreich und Italien das Clavicembalo (der Kielflügel) bevorzugt wurde. Froberger und Poglietti sowie der badische Hofkapellmeister Kaspar Ferdinand Fischer, der durch seine Harmoniekünste und seinen geistreichen Satz auffällt, waren hervorragende  Vertreter der Klaviermusik in Österreich und Süddeutschland; Johann Kuhnau, der Norddeutsche, ist der Schöpfer der Klaviersonate geworden, die sich im allgemeinen an das italienische Satzschema schnell — langsam — schnell hielt (Allegro — Adagio — Allegro [Presto]; später wurde für den ersten Satz manchmal die langsame Overtüreneinleitung benutzt, die noch bei Beethoven z. B.  in der Pathétique zu finden ist); sie wird durch allerlei Zusätze, Tänze und Fugen erweitert. Unter seinen Programmsonaten über Stoffe der Heiligen Schrift zeichnet sich die „Historia von David und Goliath“ durch Bildhaftigkeit aus; sie findet sich heute noch auf den Programmen der Konzerte alter Musik. Es sollte im allgemeinen der Klavierliteratur des 17. und frühen 18. Jahrhundert mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden; die Werke der genannten Komponisten, zu denen sich in Deutschland, Frankreich, England und Italien eine große Anzahl guter Meister gesellen (die in verschiedenen handlichen Ausgaben: „Alte Meister“ z. B. bei Breitkopf und Härtel vereinigt wurden), sind voll anziehender Einfälle und bieten ohne große technische Schwierigkeiten eine Fülle äußerst reizvoller Musikstücke dar. Leider ist ein Teil jener Kompositionen noch immer nicht neu herausgegeben worden, so daß er der Allgemeinheit schwer zugänglich ist; indessen bieten, außer den erwähnten zum Spielgebrauch, verschiedene Anthologien wie die Riemannsche „Musikgeschichte in Beispielen“ immerhin die Möglichkeit, sich mit dem Musikreichtum der vorklassischen Zeit einigermaßen vertraut zu machen. Auch die Lautenliteratur enthält eine Reihe von bedeutenden Suiten; die bedeutensten Meister des heute so gut wie verschollenen Instrumentes sind Esaias Reußner d.J. (1636 — 79) aus Schlesien, Graf Logi und der Franzose Jaques de St. Luc in Österreich. Auch J. S. Bach hat noch zwei Stücke für Laute geschrieben, eine E-Moll-Suite und ein Präludium.

*

Das deutsche Lied hat viel dazu beigetragen, den Ruf unserer Tonkunst in Europa zu begründen. Im Mittelalter hatte das Lied durch die Schöpfungen der Minnesänger einen außerordentlichen hohen Stand erreicht, war dann unter den Händen der Meistersinger verhandwerklicht und verbürgerlicht worden, um im 16. Jahrhundert in der Hauptsache geistlich zu werden. Die Kriegszeiten des 17. Jahrhunderts hatten das Lied zu wüsten Soldaten- und Studenten-, Kriegs- und Saufgesängen verwildern lassen, ohne daß dabei irgenteine nennenswerte Produktion zu verzeichnen gewesen wäre; nur das mehrstimmige Generalbaßlied fand in Joh. Hermann Schein (1586 — 1630) einen feinsinnigen Meister, dessen „Waldliederlein“ und „diletti pastorali“ (Hirtenluft vom ganzen Reiz barocker- und Liebespoesie erfüllt sind.

Das Sololied stützte sich zunächst auf italienische Vorbilder, wie die wenigen im Brano delle Nuove Musiche Caccinis (dem wir bereits in der Geschichte der Florentiner Oper begegnet sind) enthaltenen schlichten Gesängen, bemühte sich im übrigen mit wenig Erfolg die Koloraturen der geschmeidigeren süflichen Kehlen nachzuahmen, so daß diese Versuche nicht unverdientermaßen der Vergessenheit anheimgefallen sind. Ein Vetter Heinrich Schützs, Heinrich Albert  in Königsberg (1604 bis 1651), kann als der erste deutsche Liederkomponist angesehen werden, der sowohl im einfachen Lied — seine glücklichsten Schöpfungen — wie in  „Arien“ und oratorienähnlichen Gebilden Treffliches geleistet hat.  Das Rezitativ hat er in seinen Gesängen