II. Schubert
Denn schon der nächste, der bewundernd zu dem 27 Jahre älteren hinaufgeschaut hatte, ohne das dieser trotz einem Besuche in seinen letzten Tagen jemals etwas Genaueres von seinen jüngeren Genossen erfahren hätte, war ein reiner Romantiker und ist schon deshalb nicht in enger Gemeinschaft mit Beethoven zu nennen: Franz Schubert. Man kann ihn sogar in gewisser Hinsicht als Beethovens musikalisches Gegenteil bezeichnen: denn was bei diesem kurz, gedrängt, rhythmisiert erscheint, ist bei Schubert unbekümmert klangselig, manchmal sogar zerfließend - aber immer allerdings von unerhöretem Erfindungsreichtum. (Den besten Gegensatz zeigt etwa das erste Thema des ersten Satzes der fünften und das Hauptthema des letzten Satzes der Schubertischen C-Dur Symphonie.) Er war im Gegensatz zu Beethoven ein Verschwender, vielleicht der produktivtste Melodienerfinder aller Zeiten, dem die Einfälle ununterbrochen in reichster Fülle zuströmten; hatte er ein Werk beendet, begann er sofort ein anderes. Die etwa anderhalb Jahrzehnte, welche ihm zum Schaffen gegönnt waren, haben ein Qeuvre von sinnverwitrrender Mannigfaltugkeit hervorgebracht.; wie nicht anders zu erwarten, ist es nicht gleichwertig, kann es auch nicht bei der, durch das Bewußstsein seiner Erfindungskraft hervorgerufeenen sorglosen Art seines Komponierens nicht sein. Schubert hat sich wie kein anderer Musiker, oder vielleicht besser gesagt, wie kein anderer Musikant in das Herz der Welt im wörtlichen Sinne hineingesungen; keiner vor ihm und nach ihm hatte jene unheimlich divinatorische Gabe, den geheimsten Sinn eines Gedichtes in den Tönen des Liedes auszudrücken, die es besaß - kein anderer hat für das Lied im historischen Sinne so viel bedeutet wie er, auch nicht Brahms und Hugo Wolf, die beide seine Nachfolger sind. Es ist eine der liebenswertesten, seltsamsten und meist ganz verkanntesten Gestalten unter den deutschen Tonmeistern, leider auch noch in neuester Zeit von einem verächtlichen Machwerk wie dem auf reinen Pöpelgeschamk zugeschnittenen "Dreimäderlhaus" verballhornt, verlächerlicht und - das schlimmste - versentimentalisiert. Er war allerdings ein Romantiker, aber ein echter, keiner der eienem Pseudoideal, das niemals existiert hat, nachseufzenden kleinen Geister, welche den Namen der Romantik diskrediert haben. Er gab sich rückhaltlos dem Augenblicke hin, gannz Stimmungsmensch, der die Impression sogleich, ohne viel zu überlegen, zue Eypression umgestaltete, nicht metaphysischen Problemen ergeben wie Beethoven, oder in wehmütig ironisch erkenndender Klarheit über den Dingen stehendwie Mozart; kein gigantischer Musikant wie Händel und kein Riese des Kontrapunkts wie Bach: sondern ein Mensch, der alles Menschliche, leben und Tod, Liebe und Veraschmähtsein, Freude und Traurigkeit mit derselben Liebe umfasste und seine Wiedergabe als sublimierten Ausdruck der Menschheit selber zu gestalten wußte. Daher ist er im besten Sinne volkstümlich - wobei eben das Wort, in wahrhaft romantischen Sinne, als menschheitsgemäß, nicht etwa als "massengerecht", wie sich ein moderener deutscher Schriftsteller in anderem Zusammenhange so schön ausdrückte, zu verstehen ist. Denn romantisch sein heißt, sich aus der Umgebung oder den Umständen erwachsenden Stimmung rückhaltlos hingeben und sie gestalten können, daher wir denn auch bei den "Klassikern", welche die durch das eigene und das Genie der Zeit - es gab einmal so etwas; heute können wir höchstens sagen "Intelligenz der Zeit" - bedingte Form nur in einzelnen Fällen zugunsten des Augenblicks aufgeben (wie z.B. Mozart in einigen Mittelsätzen der Klavierkonzerte). Der Unterschied der romantischen Hingabe an den Augenblick und des klasischen "Über dem Augenblick stehen" wird uns besonders klar, wenn wir die Worte des faustischen Teufelpaktes bedenken. "Zum Augenblicke möcht ich sagen: verweile doch, du bist so schön" - welch ein neuer, ein unausgesprochener oder geahnter Wunsch für den klassischen Menschen! Durch ihn wird Faust recht eigentlich zum Romantiker, und es ist sehr bezeichnend, daß er in seinen letzten Worten eben diesen Romantiker in sich selbst überwindet, wie es der alte Goethe in sich selbst vermochte, wenn er vom Augenblicke fort sogleich wieer in die Ewigkeit blickt: "Es kann die Spur von meinem Erdentagen nicht in Äonen untergehen!" Der Klassiker rührt an den Mythos: schreibt Beethoven einem Trauermarsch, so widmet er ihn "dem Tod eines Helden" (As-Dur-Sonate, 2. Satz); schreibt Schubert von der Vergänglichkeit alles Irdischen, so wird daraus "Der Tod und das Mädchen" (d-moll-Quartett, 2. Satz). Beethoven wandelt in Wolken, Schubet ergeht sich auf der Erde, aber allerdings auf einer Erde, die mit allen Zaubern der Natur überreich geschückt ist.
Zauber aber sind manchmal unheimlich; und so befällt denn den Wanderer Schubert auch zuzeiten, und gar nicht einmal selten, jene fahle Zwielichtstimmung, in der alles Lächeln verzerrt ist, ein leises Weinen durch graue Dämmerung tönt und gespentisches Flüstern tonlose Worte verrieseln läßt -, wie er sie im "Erlkönig" und als reifer Mann in der "Winterreise" zu bannen w ußte, oder in den leisen Streicherfiguren am Beginn der "Unvollendetetn", denen sich der klagende Ruf der Holzbläßer zugesellt, aus geisterhaften Herabsinken des Cello- und Baßthemas aufsteigeng. Aber solche Stimmungen dauern nicht allzulange, die Augenblicke wechseln; und so werden wir kaum ein Werk Schuberts finden, das einen Gedanken, einer Entwicklung folgend von Anfang bis zu Ende einheitlich ist. Seine Kompositionen entwickeln sich "mementan", möchte sagen, fast von Takt zu Takt; sie setzen sich aus einer undendlichen Menge der schönsten Eingebungen des Augenblicks zusammen. Darin liegt ihre Stärke, darin birgt sich aber auch ihre Schwäche; denn durch dies aneinanderreihende Fortspinnen ergebn sich jene "himmlischen" Längen, die das Hören seiern Werke manchmal erschweren und bei einer das Ganze zusammenfassenden Idee zu vermeiden oder musikalisch-logisch zu gestalten gewesen wären. Unbegreiflich bleibt eines: wie der in einfachsten Verhältnissen geborene, aufgewachsene und lebende Lehrersohn die Einfühlung in Regionen der Gedankenwelt zu ermöglichen wußte, die ihm an sich ganz ferne liegen mußten: es muß unbegreiflich bleiben, weil es das Kennzeichen des Genies Franz Schubert war.</p>
Wir haben versucht, eine kurze Charakteristik des Schubertschen Wesens zu geben, da die Überfülle seiner Werke, vor allem seienr Lieder im Rahmen des hier gesteckten Zieles ein genaueres Eingehen verbieten. Sein kurzes Leben ist einfach genug verlaufen.
Er wurde am 31. Januar 1797 als Sohn eines Elementarlehrers in der Wiener Vorstadt Lichtental geboren, erhielt früh Musikunterricht, Geige und Klavier, und wird als stimmbegabter Sopranist mit elf Jahren in das Stephanskonvikt aufgenommen, in dem auch Haydn gewesen war. Früh schon komponiert er Lieder und Streichquartette, zum Leidwesens des Vaters, der ihn lieber als Musterschüler der Klasse gesehen und sich fast mit ihm wegen des vielen Musizierens überworfen hätte. Nach dem im Jahre 1812 erfolgten Tod der Mutter erkannte er indessen die Beagbung des Sohnes und ließ ihm Unterricht mein alten Salerie geben. Trotz alledem mußte Franz Lehrer werden, was ihn aber nicht hinderte, eine Symphonie in D-Dur, eine Messe in F-Dur und wiederum Lieder zu schreiben, und zwar als erstes Goethelied mit siebzehn Jahren"Gretchen am Spinnrad" mit der sowohl das Spinnen wie die verlorene Ruhe malenden herrlichen Begleitung.
Während seiner Lehrtätigkeit, die er nach knapp bestandenen Examen antrat, entstanden die beiden nächsten Symphonien in B-Dur und D-Dur, einige der größten Gesänge wie "Rastlose Libe" und vor allem der alles mit sich fortreisende "Erlkönig", immer noch eines der gewaltigsten Lieder der Weltliteratur, dessen Oktavenbegleitung das stürmende Reitenebenso wiedergibt die wiegenden Triolen das Schweben des Geisterkönigs und die quälenden Dissonazen das angstvolle Schreien des Kindes. Kirchenmusik aller Art, nicht ganz unbeeinfußt von Mozart, folgt, eine Liebesentäuschung warf Schatten der Melancholie auf die Symphonie in c-moll;dann klingt die traurige Weise des "Königs von Thule" auf, der "Wanderer" breitet in der wundervollen E-Dur-Stelle die Arme nach verlorenem Glück aus, und schließlich wölbt sich der Bogen zu "Memnons" Harfenklängen und "Ganymeds" bachantischen Lachen.
Die Klaviersoanten sind wunderbare Stücke voller teif poetischer Gedanken, obgleich einige von ihnen unte den oben erwähnten Längen leiden; immerhin gehören Sätze wie das cis-moll-Andante aus der B-Dur-Sonate mit seinem unsagbar schmerzlichen-süßen Thema, oder die träumerische a-moll-Sonate op. 164 zu den ganz erlesenen Stücken ihrer Gattung. Nachdem nun noch an Liedern "Der Tod und das Mädchen", die "Forelle" und eines der großartigsten von allen, die "Gruppe aus dem Tartarus" entstanden war - hier erreicht Schubert in der Tat zu den Worten "Ewig schwingt über ihnen Kreise" mythische Höhen! - verließ er den Schuldienst (1818), um als freier Komonist zu leben. Seine Eignung dazu konnte er allen, die ihm nicht glauben wollten, sogleich durch die prachtvolle rezitativische Vertonung des "Prometheus" beweisen, der wie ein vorweggenommener Entwurf eines ganz Moderen anmutet. Die bezaubernde Divanorientalik des schnellflüsternden "Ein Gemeines" und das heiß-melidiösses "Sei mir gegrüßt" (Rückert) sind Gipfelpunkte der Liedkomposition, die bis zum Jahre 1822 auf die Höhe der "Unvollendeten" führen, bei der man immer im Zweifel ist, ob die von Wolken und Sonnenstrahlen gleicherweise überflogene Landschaft des ersten oder das köstliche Bergwiesenidyll des zweiten Satzes mit dem Wehen lindester Luft selbst geformten Holzbläßermelodien, liebenswerter ist. Das Scherzo ist begonnen worden, aber das Ganze nie zu Ende geführt, vielleicht Schubert selbst merkte, daß die beiden Sätze in ihrer Art ein vollkommenes Ganzes bilden.
Im Gegensatz zu seinen symphonischen Werkenhaben seine Opern keinen Erfolg erringen können. "Rosamunde, nur bekannt durch Overtüre und Zwischenaktmusiken, und "Fierebras" mit ganz unmöglichen Text leiden an Schun´berts Unvermögen, dramatisch zu packen und zusammenfaasen zu können. Trotz schöner Einzelheiten sind die Werke als Ganzes mißraten.
Die Reihe der Lieder breitet sich unübersehbar in den folgenden Jahren; hervorragend die Klavierfanasie in C-Dur (Wandererfantasie nach dem E-Dur-Satz mit dem Thema des Liedes geannt), ein glänzendes Stück von sehr unangenehmer technischer Schwierigkeit - Schubert selbst meinte einmal zornig, als er steckenblieb "Der Teufel soll das Zeug spielen". Ein Aufenthalt in Zeletz beim Grafen Esterhazy als Leher der Komtesse brachte ihm das Unglück seines Lebens: er verliebte sich völlig aussichtslos in die junge Gräfin, suchte Trost bei weniger unerreichbaren Weiblichkeiten und mußte sich der hämischenTücke boshaften Schicksals beugen, das zum seelischen Leiden die körperliche Krankheit fügte. Die Müllerlieder" hat er im Spital, wie Wilhelm Chezy in seinen "Lebenserinnerungen" schreibt, "unter ganz anderen Schmerzen gesetzt, als jene waren, die er im Munde des armen Müllerknappen mit der verschmähten Liebe durch seine Noten unsterblich machte". Und vorher: "Er setzte einen gewissen... sill ich sagen Stolz? in die Unfälle, welche ihm auf wilden Wegen zugestoßen waren". Und gerade diese Liedfolge ist infolge ihrer Gefühlstiefe und vorhin erwähnten echten Volkstümlichkeit zum bekanntesten Denkmal seiner Kunst geworden!
Er blieb kränklich, überwand aber die trüben Stimmungen in seinem lebensfreudigen "Oktett", das seine große Kammermusik eröffnet: das schwermütige a-moll-Quartett macht den Anfang, dann folgen, nach aller möglichen Klaviermusik, darunter die Märsche und die entzückenden deutschen Tänze, das d-moll-("Der Tod und das Mädchen" als zweiter Satz) und das gespenstisch-phantastische, ganz orchestrale und auf die noch folgene Symphonik hinweisende G-Dur-Quartett op. 161. An Liedern schrieb er unter vielen anderen als bekannteste "Die Allmacht", den erhanenen Gesang eines prophetischen Kündes, die süße Melodie des "Ave-Maria", die machtvolle "Dityrame", das sehnsüchtige "Ständchen" und endlich die düstere "Winterreise", die den Höhepunkt seines Liedschaffens bildet und an unerhörter Eindringlichkeit und Stimmungsgewalt ihresgleichen kaum hat. Bedrückend, todtraurig, von Verzweiflung gepackt, in wunderbar gefaßter Resignation lächelnd und selten einmal von neuen Hoffen beschwingt, steht der Komponist in diesen Zyklus vor uns; "Die Krähe", "Auf dem Kirchhof", "Das Posthorn", der "Frühlingstraum", die schönste Perle des Kranzes und der in seiner grausigen Realistik unübertroffene "Leiermann" sind dessen königliche Zeugen.
Das Jahr 1827 brachte die "Impromtus" und die "Moments musicaux", jedem Klavierspieler teuer trotz quälenden Geldmangel und körperlichen Sorgen predigt das Es-Dur-Klaviertrio unter kraftvoller Überwindung alles Widerwärtigen glutvollen Optimismus. Das Todesjahr brachte ihm anfangs einen Erfolg pekuniärer Art durch ein Konzert und zeitigte zuerst das C-Dur Streichquartett, durch die Fülle von Klangschönheitvielleicht die vollkommenste seiner Kammermusiken, und endlich als Ende seines Orchesterschaffens, die große C-Dur-Symphonie, in der er sich noch einmal rückhaltlosseinem musikantisch-unerschöplichen Wesen hingab und ein Werk von überquellendem Reichtum, allerdings auch wiedereinigen Längen schuf. Aber die Waldromantik des ersten, das klingnde Zigeunertum des marschartigen zweiten Satzes, das lustige Scherzo mit dem Ländlertrio und das rauschende Finale entzücken uns als einer der Höhepunkte deutscher Symphonie immer aufs neue. Klaviersonaten und die Es-Dur-Messe leiten zu den letzten Liedern über, die später unter den Namen "Schwanengesang" zusammengefasst wurden, ohne ein Ganzes zu bilden: "Der Atlas"; "Am Meer"; "Die Stadt" und schließlich der "Doppelgänger", dessen Motiv im Agbus Dei der Es-Dur-Messe vorkommt, an rezitativischer Kühnheit den "Prometheus" noch übertreffend: der Abschluß eines Schaffens, der großartiger nicht gedacht werden kann.
Anfang November fesselte ihnUnwohlsein an das Bett, Thypus oder Nervenfieber setzte ein, und nach tagelangem Leiden starb Franz Schubert am 19. November 1828. Er wurde auf seinem Wunsch neben Beethoven, der er über alles verehrte, beigesetzt.