Eduard Hanslick - Vom musikalisch Schönen - Kapitel I.
a) Unwissenschaftlicher Standpunkt der bisher musikalischen Aesthetik
Die Zeit jener ästhetischer Systeme ist vorrüber, welche das Schöne nur in Bezug auf die dadurch wachgerufenen „Empfindungen” betrachtet haben. Der Drang nach objektiver Erkenntnis der Dinge, soweit sie menschliche Forschung vergönnt ist, mußte eine Methode stürzen, welche von der subjectiven Empfindung ausging, um nach einem Spaziergang über die Peripherie des untersuchten Phänomens wieder zur Empfindung zurückzugelangen. Kein Pfad führt ins Zentrum der Dinge, allein jeder muß dahin gerichtet sein. Der Muth und die Fähigkeit, den Dingen selbst an den Leib zu rücken, zu untersuchen, was losgelöst von den tausendfältig wechselnden Eindrücken, die sie auf den Menschen üben, ihr Bleibendes, Objectives, wandellos Giltiges sei, — sie charakterisieren die moderne Wissenschaft in ihren verschiedenen Zweigen.
Diese objective Richtung konnte nicht ermangeln, sich auch der Erforschung des Schönen alsbald mitzutheilen. Die philosphische Behandlung der Aesthetik, welche auf metaphysischen Wege sich dem Wesen des Schönen zu nähern versucht und dessen letzte Elemente aufzeigt, ist ein Erwerb neuerer Zeit.
Sollte sich nun immerhin auch in Behandlung ästhetischer Fragen ein Umschwung in der Wissenschaft vorbereiten, welcher an der Stelle des metaphysischen Prinzips eine der inductiven naturwissenschaftlichen Methode verwandte Anschauung zu mächtigen Einfluß und wenigstens zeitlicher Oberhand verhälfe, vor der Hand stehen die jüngsten Spitzen unserer Wissenschaft noch unverdunkelt da und behaupten für alle Zeit das unvergängliche verdienst, die Herrschaft der unwissenschaftlichen Empfindungs-Aesthetik vernichtet, und das Schöne in seinen ureigenen, reinen Elementen durchforscht zu haben.
Lagen einmal die Elemente des Schönen in ihrer Allgemeinheit vor, so war es an den Fachkundigen, die specifische Art zu erforschen, in welcher sich dieselben an den einzelnen Künsten verwirklichen und bestimmen.
Die ästhetischen Principe der Malerei, Architektur, Musik mußten gewonnen und Special-Aesthetiken entwickelt werden.