Vorwort und Einleitung.

Im Kampfesgedröhn des Krieges und beim Geschrei der Revolution ist dieses Buch fernab vom Lärmen des Tages entstanden wie eine Art innere Sammlung, ein Sichbesinnen auf höhere Güter des Lebens. Lernen wir wieder Kunst genießen, uns in künstlerischen Schönheiten ausleben, sei es durch eigenes Schaffen und Gestalten, sei es durch Sichhineinleben in die unergründliche Seele des schöpferischen Genius! Die Menschheit soll sich wieder zur Erkenntnis aufrichten, daß es über allen irdischen Weltimperien höhere Reiche des Geistes gibt, daß der der wahrhaft Reiche ist, der innere Schätze auszuteilen hat, wie etwa der Künstler. Wie viel herrlicher stehen über unserem Jahrhundert der Entdeckungen jene früheren Jahrhunderte, in denen ein allen gemeinsames, höheres Streben in der Welt war, damals als Religion, Dichtung, Philosophie und Kunst die ganze Menschheit beseelten. Jeder gab seinen Teil dazu, höhere Kunst wie Handwerk, geistige Arbeit wie körperliche Tätigkeit. Jeder trug seinen Stein zum Bau der herrlichen Kathedralen des Mittelalters, der vielfältigen Denkmäler der Renaissance, der Prunkschlösser des Rokokos. Nur ein Ehrgeiz war in der Welt, höchste Kunst, Schätze aus dem Nichts erstehen zu lassen. Welch ein anderes, reicheres, vielfältigeres, daseinsfreudigeres Sichausleben war das!

Wir wissen, daß sich die deutsche Geisteswelt schon vor 100 Jahren gegen den französischen Rationalismus und die nüchterne Utilitätslehre wehrte. Trotz des harten, napoleonischen Joches erstand als deutsches Seelenbekenntnis die Romantik und hat über ein halbes Jahrhundert standgehalten, bis auch dieser Idealismus im Materialismus und zersetzenden, wissenschaftlichen Objektivismus untertauchte. Dieser ernüchterten Welt wollte ich entgegenrufen: Zurück zur künstlerischen Kultur! Zu jener herrlich jubelnden Lebensbejahung, die in jedem künstlerischen Gestalten liegt, zu der gewaltigen Verknüpfung des Geistes mit der sinnlichen Wirklichkeit, zu einem freudig bewußten Daseinsgefühl, wie sie grade die bildende Kunst in sich trägt, möchte ich die Menschheit zurückführen. Was ein großer, architektonischer Raum an Lebensempfinden in sich trägt, wie sich in der plastischen Form unser eigenes Wesen spiegelt, wie die Seele in malerischen Tiefen und Helldunkeltönen träumend sich emporschwingt, kurz das lebensfreudige Aufgehen in künstlerischer Daseinsgestalt soll wieder erstehen. Dazu werden wir den dröhnenden Marschschritt der Jahrhunderte, das Rauschen im Wechsel der Zeiten, aber auch den Atemhauch des Lebens in Persönlichkeit und Zeitgeist deutlich vernehmen.

Solches und mehr schrieb ich im Vorwort der ersten Auflage. Die ganze Unfruchtbarkeit des Spezialistentums für das Geistesleben der Zeit stand mir vor und ich sagte mir, es muß gewagt werden, all' die vielfältige, mit Geist und Fleiß angehäufte Materie zu sichten und lebendig zu gestalten. Vielleicht war es ein Irrtum, daß ich mich von solchen Stimmungen hinreißen ließ, und war es eine kühne Überschätzung meiner Kraft. Die Wissenschaft ist eine strenge Herrin und kalte Richterin. Und die Kunstgeschichte ist zur Kunstwissenschaft geworden. Wer doch dies grausige, aber charakteristische Wort erfand, in dem die Kunst von der Wissenschaft verschlungen wird. Wir leben ja nicht mehr im herrlichen Zeitalter der Romantik; aber ich bekenne mich trotzdem zu dieser gefühlsreichen Menschheitsepoche, mag ich auch als Nachgeborener gelten. Dabei vermeine ich nicht etwa Ewigkeitswerte in diesem Werk aufzurichten, aber hoffentlich werden es Gegenwartswerte sein. In manchen Mitmenschen wird das gleiche Sehnen lebendig sein. Und so möge der warme Hauch des Lebens und der Begeisterung heilsam wirken.

Dementsprechend galt es, möglichst frisch und beseelt von eigener Anschauung und eigenem künstlerischem Erleben die Werke der Kunst, das Werden der Künstler vorzuführen. Manches mußte dabei Stückwerk bleiben. Ich bin mir der Mängel im einzelnen voll bewußt. Aber es ist auch eine höhere Aufgabe, das in mühseliger Arbeit Erforschte zum Allgemeinbesitz der Menschheit zu machen. Kein Nachschlagewerk; keine Enzyklopädie und Allweisheitsbuch soll es sein. Meine eigenen Erlebnisse, die ich vor den Werken der Kunst hatte, sollen mitgeteilt werden. So muß ich zufrieden sein, wenn die großen Umrisse richtig sind; Fehler in der Durchzeichnung werden genug vorhanden sein. Man nehme das Werk gewissermaßen als ein Tagebuch meiner Wanderung durch das Weltreich der abendländischen Kunst. Denen, die über die Unzulänglichkeiten im einzelnen großmütig hinwegsehend, das Werk als Ganzes zu schätzen wußten, sage ich an dieser Stelle meinen besten Dank.

Die Bändefolge betreffend werden wir im ersten Bande von der Epoche der architektonischen Raumgestaltung zur plastischen Form fortschreiten und im zweiten Bande zur Gewinnung der malerischen Bildform kommen. Der dritte Band führt uns in die Problematik unseres Zeitalters ein; wir werden da mehr als sonst unser Urteil umbilden müssen, weil man in den modernen Kunstgeschichten, ausgehend von einer maßlosen Überschätzung technischer Mache und französischen Geistes, verächtlich auf romantische Kunst und individuelle, deutsche Art herabsieht.

Die Zeitumstände waren der Veröffentlichung wenig günstig. Ich kann dem Verleger nur höchste Anerkennung und vielfachen Dank für sein aufopferndes Bemühen aussprechen. Die Zahl der Abbildungen mußte beschränkt werden. Aber es soll ja kein Bilderbuch sein und sicher stehen dem Leser auch andere Abbildungswerke zur Verfügung. Manches hat sich geändert. So sind neue Typen gewählt. Weiterhin habe ich den Test, soweit mir neben der Fertigstellung der beiden letzten Bände Zeit zur Verfügung stand, einer gründlichen Durchsicht unterzogen und besonders im ersten Kapitell Streichungen vorgenommen, da mir die Befugnis, über kirchenhistorische Dinge zu reden, nicht zusteht.