3. Erste, schwache Ansätze zu malerischer Bildung.
Nach den Betrachtungen über den Verfall des antiken Formideals in der Plastik und das Eindringen koloristisch-optischer Effekte in den byzantinischen Reliefstil könnte man einen gewaltigen Aufschwung neuschöpferischen Geistes in der Malerei vermuten. Wir werden bald erkennen, daß die Menschheit zu einer endgültigen Erweiterung des Sehvermögens im Sinne malerischer Vorstellungskraft noch nicht reif war. Vielleicht mangelte dem Orient, der eben die Führung hatte, allzu sehr der starke Wille zu scharf konzentrischer Anschauung und zu sinnlicher Realität, indem ihm nur der schillernde Effekt, der dekorative Reiz und nicht die lebendige Bildgestaltung das Ziel war. Aber zur Lösung des malerischen Problems mußten neue Begriffe geschaffen und die Sehgewohnheiten der Menschen von Grund aus umgebildet werden. Und dazu bedurfte es noch eines jahrtausendelangen, unermüdlichen Ringens, energischer Anspannung des Darstellungswillens und der Vorstellungskraft.
Freilich setzt die altchristliche Kunst hoffnungsfreudig mit der Malerei ein.
Ihre ersten Äußerungen, zunächst an den Totenkult gebunden, finden sich an den
Gräbern der ersten Christen, in den Katakomben Roms, Neapels u. a. Diese
schmalen unterirdischen Gänge ohne Licht sind düstere Orte, wo nur enge
Luftschächte die Verbindung mit der Oberwelt bringen. Auf die großen Anlagen im
Orient, in Ägypten, Syrien, Palästina u. a., woher der Kult kam, verzichtend,
beschränken wir uns auf die römischen Katakomben. Handelt es sich doch hier nur
darum, einige Beispiele für die Befangenheit einer noch von antikem Geiste
erfüllten Kunst, die noch keine eignen Ziele hatte, zu bringen.
Die Malereien sind durchaus in antikem Wanddekorationsstil gehalten. Harmonische Gliederung, zierliche Linienführung und heitere Buntfarbigkeit herrschen (Abb. 10). Zwischen Grotesken und Rankenwerk sind genrehafte Figuren, spielende Kinder, landschaftliche Szenen, Vögel, Blumen u. a. verstreut. Gestalten und Zeichen symbolischer Bedeutung ebenso wie Erzählungen, fast nur Wundertaten des Alten und Neuen Testamentes, die auf die Erlösung hinweisen, kommen hinzu. Ein starkes Seitenlicht modelliert die in kräftigem Ton gehaltenen Formen mit tiefen Schatten und in sprechender Silhouette. Leichtbewegte Eleganz herrscht zunächst vor, später werden die Formen schwerfälliger.
Eine der besten Leistungen dieses zweiten, noch plastischen, aber schon
plumpen Stiles ist die berühmte „Prophezeiung des Jesaias auf Maria" im
Coemeterium der hl. Priscilla. Die Deutung ist fraglich. Jedenfalls erscheinen
die Formen körperlich noch mit der Liebe des Realisten gebildet. Aus dem Ende
des 2. Jahrhunderts mag eine andere berühmte Darstellung in der gleichen
Katakombe sein, welche als „Einkleidung einer gottgeweihten Jungfrau" gedeutet
wird (Abb. 13).
In
dem Schwinden modellierender Schatten oder fester Linien wie in dem Verblassen
der Farben und dem gröberen Strich des Pinsels beobachten wir ein Nachlassen der
bildnerischen Energien. Dafür wachsen sich die Farben zu breiten, leuchtenden,
in sich geschlossenen Flächen aus, so daß die koloristischen Wirkungen die
Oberhand gewinnen.
Hier macht sich orientalischer Einfluß geltend, der nicht nur negativ in der Abstraktion von der sinnlich.-plastischen Form als Abwandelung vom antiken Formideal auftritt, sondern auch in einer Entwicklung der Empfindsamkeit für feinere, koloristische Reize, wie dekorative Farbeneffekte, neuschöpferisch wird. Das bunt schillernde Kolorit der prunkhaften, orientalischen Gewänder drängt sich vor, umhüllt die Gestalt und verwischt bald die plastische Einzelform. Der Sinn für Körperlichkeit und lebendige, ausdrucksvolle Bewegung geht verloren. Starre Gesten oder exzentrische Bewegungen tauchen als schwache Ausdrucksmittel geistigen Lebens auf. Dasselbe ist für das Kolorit zu sagen. Die kräftigen Lokaltöne, die jedem Gegenstand seine Naturfarbe geben, schwinden. Zuerst lockert ein noch kräftiges Licht die dunkle Farbtönung. Schließlich geht man zu einem rein dekorativen Spiel heller, schillernder Farben über. Figuren, die anfänglich dunkel vor hell gestanden hatten. werden farbig hell vor farbigen Grund gestellt.
Gestalten aus dem ausgehenden 3. oder 4. Jahrhundert, etwa Orantenfiguren - die erzählenden Darstellungen werden immer seltener - sind in durchsichtiger Farbigkeit in kühlen, blassen Tönen hingestrichen. Im breiten, derben Strich verliert auch das Ornament jede antike Festigkeit. Gelegentlich wird der Pinselstrich so flüchtig und breit, daß man schon von geistreichen, impressionistischen Absichten gesprochen hat, jedoch kaum mit Recht, da von einer für einen lebendigen Impressionismus unbedingt notwendigen Realvorstellung nicht gesprochen werden kann. Die plastische Form löst sich auf, ohne daß man jedoch zu positiver, malerischer Gestaltung übergeht. Von Luftton oder Raumwirkung ist nichts zu spüren. Es ist vielmehr ein Herabsetzen der Realdarstellung zu dekorativer Spielerei; die geometrische Musterung gewinnt auch im Koloristischen die Oberhand.
Mit dem 4. Jahrhundert und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion tritt die Katakombenmalerei in den Hintergrund. Andere Techniken übernehmen die Führung. Gewiß unter stark orientalischem Einfluß verlangt man nach Pracht und kostbarer Aufmachung. Als die Kirche von jener Gebundenheit an dumpfe, unterirdische Räume erlöst wird und große Gotteshäuser gebaut werden, genügt die stumpfe, billige Wandmalerei nicht mehr. Glanzschillerndes Mosaik aus farbigen Steinen oder Glaswürfeln - eine uralte, besonders im Orient bevorzugte Technik - übernimmt die Führung. Der handwerksmäßige Betrieb legt dem freien Schaffen und der lebendigen Phantasie ungeheure Fesseln an. Zusammen mit einer großen Zahl von handwerklichen Gehilfen muh der Meister, Steinchen an Steinchen setzend, an dem einen Eck beginnen, um am andern Ende aufzuhören. Korrigieren kann er nicht, und das Bild wächst nicht wie bei einer großzügigen Malerei allmählich aus dem Ganzen heraus. Das Mosaik wird in seiner farbenschillernden Pracht und Fülle das eigentliche Ausdrucksmittel orientalisch-mittelalterlicher Mystik. Nicht plastische oder bildliche Realität, sondern nur farbiges Gewand, bunte Flächendekoration wird gefordert. Damit sinkt auch die Malerei herab zur Dekoration. Der tiefe Ernst, der in der Kunst Reflexe starken Lebensgefühles, sinnlicher Vorstellungskraft sucht, ist dahin. Die Malerei wird wie die Plastik zur oberflächlichen Wandverkleidung ohne Selbstzweck, sondern nur zum äußerlichen Schmuck des Baues. Auch in der Malerei geht es zu fortschreitender Ornamentierung der Fläche über.
Auf die Entwicklung eingehend finden wir Rom und Ravenna, wie überall, als
die entscheidenden Zentren der Kunst. Rom ist ebenso wie in der
Katakombenmalerei zunächst der Bewahrer antiken, plastischen Geistes. In S.
Costanza sehen wir schönes, antikes Rankenwerk, Grotesken, spielende Putten und
zwar in kräftigen, dunklen Farben vor hellem Grund. Dasselbe ist von dem
klassischen Apsidalmosaik in S. Pudenziana (Abb. 1)
zu
sagen, wo die Plastik der wuchtigen, kraftvoll dunkel modellierten, energisch
gezeichneten Gestalten in ihrer großen Haltung und der monumentalen
Geschlossenheit der Formen durch den Gegensatz zu dem klein gezeichneten, mit
vielfacher Architektur und hellen Lichtern belebten Grund gesteigert wird.
Bedeutsam ist auch für diesen Hintergrund die schlichte Realität, mit der die
Gebäude hingestellt sind: über die breite mit goldenen Ziegeln bedeckte Halle
führt uns der Blick in die Stadt hinein. Nirgends Unsicherheit oder flüchtige
Manier, überall klare Gegenständlichkeit. Kräftigen Reliefcharakter haben auch
die erzählenden Darstellungen in S. Maria Maggiore ; sie muten in der schlichten
Klarheit der Komposition noch antik an. Feste Linien umreißen die gedrängten
Formen.
Aber bald gewinnt das koloristische Element seine starken, dein Plastischen widersprechenden Wirkungswerte. Das war natürlich für die Entwicklung
malerisch-optischer Sensibilität von ungeheurer Bedeutung und zwar nicht nur im
äußerlichen Sinne dekorativer Wandverkleidung. Die Erkenntnis, daß die Farbe an
sich schon Gegenständlichkeit in der Stärke des Tones besitzt, daß in den
Farbkontrasten resp. Harmonien und Abstimmungen schließlich malerische
Räumlichkeitswerte verborgen liegen, war zunächst kaum der Menschheit erstiegen.
Bald werden wie auf den späteren Katakombenmalereien oder schon auf dem rein
ornamentalen Mosaik in S. Rufina seconda Ornament wie Figuren hellfarbig
schillernd vor dunkelfarbigen Grund gestellt. An Stelle des realistisch
verarbeiteten Hintergrundes tritt ein tiefblauer Gesamtton, der zugleich die
sinnliche Realität der Gestalten In eine dekorativ-koloristische Wirkung
herabstimmt. Das bedeutet auch da den Untergang antiken Formgefühles. Figur wie
Ornament mußten zu körperlosem, schillerndem Schein herabsinken, als der
Goldgrund auftauchte und die dekorative Pracht der Farben alles ausmachte, als
man nur mehrfarbige Flächen in ihren Kontrasten oder Akkorden gegeneinander
ausspielte. Rom abzufertigen, das im 6. Jahrhundert sichtlich unter den Einfluß
Ravennas tritt, zeigt das Apsidalmosaik von Cosma e Damiano (526-530) ein
glänzendes Farbspiel (Abb. 14)
, wobei die Gestalt des stehenden Christus in
seiner würdevollen Haltung und der Größe der Erscheinung noch etwas von
klassischer Monumentalität hat. Auch sie leuchtet hell vor Goldgrund und die Nebenfiguren haben deutliche Anzeichen der Verkümmerung. Der Goldgrund, schon
früher, etwa in S. Sabina, in Anwendung gebracht, wird im 7. Jahrhundert die
Regel. Das Eindringen byzantinischer Typen zeigt sich auf einem Mosaik in S. Agnese, wo die hl. Agnes in dem farbig schillernden Gewand einer griechischen
Prinzessin gleich erscheint.
Besser ist es in Ravenna wo die. zweite Epoche des Mosaikstiles
zu
glänzender Entfaltung kommt. Rom steht unter dem Bann der Erschlaffung antiker
Kunstenergien, Ravenna entfaltet sich im 5. und 6. Jahrhundert unter den 402
dorthin geflüchteten, römischen Kaisern, dann unter Theodorich dem Ostgoten, und
dem oströmischen Kaiser Justinian als Kaiserstadt. Ein lebhaftes Kunstgetriebe
ersteht, zunächst noch in Beziehung zu Rom. Später gewinnt der Einfluß von
Byzanz die Oberhand. Auch da spüren wir das allmähliche Nachlassen der
Vorstellungsenergien. Die Taufe in S. Giovanni in Fonte von 440 (Abb. 24)
gehört nicht nur wegen der kräftig gebildeten Akte, die freilich schon vor
farbigem Grunde stehen, sondern auch wegen der Realistik, mit der die
landschaftliche Umgebung, der Fels mit dem Gestrüpp und das fließende Wasser
des Flusses gegeben sind, zu den klassischen Darstellungen altchristlicher
Kunst. Interessant ist die allegorische Verkörperung des Flußgottes rechts.
Christus ist bärtig gebildet, währender auf der offensichtlichen Kopie in S.
Maria in Cosmedin (Abb. 15), etwa 60 Jahre später gearbeitet, unter
orientalischem Einfluß bartlos gegeben ist, ähnlich dem Typus, dem wir schon 450
in dem berühmten Mausoleum der Galla Placidia mit Christus dem guten Hirten
(Abb. 9)
begegnen.
Offenbar einem antiken Gemälde, Orpheus unter den Tieren oder Apollo Musagetes
nachgebildet, läßt es schon starke Stiländerungen im Sinne einer
koloristisch-dekorativen Berechnung erkennen. Wie weit es sich vom antiken Geist
entfernt, dafür müßten Vergleiche mit ähnlichen Darstellungen aus der Antike
herangezogen werden. Wir würden die leichte Auflösung zu farbiger Flächenwirkung
feststellen. Rechnet man zu allem das schöne, dekorative Beiwerk, das Wand und
Decke schmückt, und den zarten Glanz, der den Raum und die lichten Farben der
Gestalten vor tiefblauem Grunde in gedämpftem Licht aufleuchten läßt, so gewinnt
man den Eindruck, daß hier ein auserlesener, fast nervös überreizter
Kunstgeschmack tätig ist. In der vollendeten Geschlossenheit und Intimität der
künstlerischen Wirkung gehört dieser kleine Raum zu den vorzüglichsten,
schönheitlichen Schöpfungen der Zeit.
Weiterhin geben die Mosaiken in S.
Apollinare nuovo ein außergewöhnlich geschlossenes Bild der Entwicklung
ravennatischer Mosaikkunst. Von den z. T. noch klassischen, plastischen
Gestaltungen der obersten Zone mit den Darstellungen aus dem Leben und Leiden
Christi, geht es zu den straffen Einzelgestalten zwischen den Fenstern und
endlich zu dem unteren Streifen, mit dem Zug zum Throne der Maria, wo
helleuchtende, mit scharfen Linien umrissene, hagere Figuren vor erst dunklem,
später goldigem Grunde stehen. Das ist der Gang von antiker Körperfülle zu
auflösender, byzantinischer Stilisierung. Schon der oberste Streifen läßt die
Wandlung erkennen. Gestalten Christus und die Samariterin (Abb. 16)
,
Christus und die Ehebrecherin stehen farbig weich, ohne Linie vor dunklem Grund;
dazu ist Christus, der auf „Christus vor Pilatus" einen Bart zeigte, wieder
orientalisch bartlos. Wenn die Einzelfiguren zwischen den Fenstern immerhin
Erinnerungen an antike Haltung und letzte Reste plastischer Bildung zeigen, so
finden wir in der untersten Zone durchaus orientalische, sicher von Justinian
aus Byzanz importierte Typen. Die Gestalten wirken in ihrer unkörperlichen
Bildung, bei gesteigerter Gestrecktheit und Magerkeit der Proportionen wie
glänzende, von harten Linien scharf umrissene Farbenflächen. In diesem
zeichnerisch und koloristisch stilisierten Farbflächensystem, in dem
koloristischen Spiel pikanter, hellschimmernder Töne geht jede
Wirklichkeitswirkung verloren. Höchstens in den Kopfbildungen macht sich eine
gewisse Individualisierung bemerkbar. Das Porträt bewahrt, wie in der Plastik,
am längsten gewisse Naturwahrheit. Die abgehärmten Gestalten des
jugendlichen Kaisers Justinian (Abb. 17)
und seines Gefolges in S. Vitale gehören zu den am meisten realistisch
verarbeiteten Figuren dieser absterbenden Kunst. Diese Mosaiken stehen denen
der untersten Zone in S. Apollinare Nuovo, wo wir den Kaiser schon älter an
Jahren finden, zeitlich voran und sind von einem hervorragenden, wohl von Byzanz
berufenen Künstler ausgeführt.
Die Mosaiken in S. Apollinare in Classe bringen vollkommene Erstarrung in manieristischer Stilisierung, wo die Gestalten zum Ornament in dürrer, linearer Aufmusterung werden. Das ist der Sieg des Byzantinismus, der seit der Mitte des 6. Jahrhunderts mit unerbittlicher Folgerichtigkeit einer nicht mehr aus dem Leben schöpfenden Kunst zur Verknöcherung führte. Dabei muß man die ravennatische Kunst in ihren Doppelbeziehnngen zu Rom und Byzanz als ein Stück für sich nehmen.
Dies Charakteristikum des späten, byzantinischen Stiles, wie er sich bis zum starren Manierismus der höfischen Kunst des 9. Jahrhunderts entwickelt, ist vor allem die zeremonielle Gebundenheit in Haltung wie Geste, wobei nicht Hoheit und Würde, sondern starrer Schematismus herrscht. Die Gestalten zeigen sich in platter Faceansicht flächenhaft, wobei dunkle Linien die Formen umziehen. Die Gesichter im langgeschnittenen Oval sind greisenhaft abgehärmt und runzelig; die Augen weitgeöffnet und mandelförmig, die Nase lang, gerade oder leicht gebogen, der Mund dünn, mit herabhängenden Mundwinkeln, die Körperformen schwächlich, von unnatürlicher Gestrecktheit der Proportionen mit herabhängenden Schultern, wobei weite, schillernde Gewänder eine flache Hülle um sie legen. Nirgends erkennt man die Absicht auf plastische Modellierung oder reale Bildung, weder in den Fleischteilen noch in den Gewändern. Goldlinien, möglichst schematisch in Parallelstrichen stilisiert, bezeichnen die Falten. Der Hintergrund schillert in Gold und aus diesem Geflimmer winden sich dies- Schemen von Menschen nie zu positiver Wirklichkeit heraus. Das Individuelle ist durch das Typische ersetzt. Bezeichnend ist der greisenhaft abgehärmte, bärtige Christus oder Johannes mit wildem Bart und verworrenem, strähnigem Haar. Hieratische Starre, manieristische Entartung herrscht. So steht auch die Malerei dank der Überwertung des Materials und in nichtiger Prunkhaftigkeit im Zeichen des Verfalles, den auch ein raffinierter Geschmack, ein dekadent empfindsamer Farbensinn oder feines, dekoratives Gefühl nicht aufzuhalten vermag.
Neben dem Mosaik kommen die anderen Techniken farbiger Wandverkleidung überhaupt nicht in Betracht. Die Wandmalerei galt schon wegen ihrer Einfachheit und des schlichten Materiales als minderwertig. Das wichtigste an Fresken sind die Dekorationen der Kapellen in den Ansiedlungen byzantinischer Mönche in Süditalien, besonders Calabrien, die aber ganz von orientalischem Geiste durchweht sind. Sie haben keinen nennenswerten Einfluß auf die Entwicklung der Kunst gehabt.
Auch die Tafelmalerei, die sich anfänglich noch auf gewisser Höhe hielt, sinkt seit 600 auf die niedrigste Stufe. Diese kleinen, byzantinischen, in Lack- oder Wachsfarben gemalten Tafelbilder sind Werke geistloser, mit Schemen arbeitender Klosterkunst. Das Karnat ist bleich, ins Grünliche spielend, wenn es nicht, wie häufig bei den Wachsfarben, schwarz geworden ist. Der Hintergrund wie die Faltenlagen sind in Gold aufgetragen. Diese kleinen Madonnenbilder, Lukasbilder genannt, bezeichnen die letzte Stufe vollständiger Entartung. Die „höheren Gesetze" dieser mönchischen Kunst finden wir einmal in einem Buche, dem Malerbuche vom Berge Athos, das freilich erst im 17. Jahrhundert nach alten Berichten zusammengestellt wurde. Alles ist schematisch paragrafisiert. Haltung, Handbewegung, besonders auch Farbgebung der verschiedenen Gewänder sind strengstens vorgeschrieben.
Belanglos für die große Entwicklung, wenn auch für sich besonders bedeutsam, sind die feinen Schmuckarbeiten in Email, Stickerei u. a. Die besten Stücke stammen aus Konstantinopel, wie dies von der Pala d'oro in S. Marco zu Venedig sicher und für die sog. Dalmatica Karls d. Gr, aus dem 13. Jahrhundert wahrscheinlich ist. Es befinden sich Stücke hervorragender Qualität darunter. Es hat selbst die figürliche Darstellung lebhafte Ausbildung gefunden.
Auch die Malerei wird
Handwerk, minutiöse Kleinkunst. Bald lebt sie nur noch in der Miniaturmalerei
fort. Wenn diese nun auch für die Erhaltung der Tradition und besonders für den
ikonographischen Bestand von außerordentlicher Wichtigkeit gewesen ist, hat sie
den künstlerischen Verfall der Malerei nicht aufhalten können. Wir werden uns,
wie bei all' der Kleinkunst, auf die Festlegung einiger Marksteine beschränken.
Auch in der Miniaturmalerei herrscht zunächst die „kontinuierende"
Erzählungsweise, wo sich die Szenen, ähnlich wie in der späten Antike, etwa an
der Trajanssäule friesartig aneinanderreihen. Die Natikanische Josuahrolle (Abb.
18)
ist
ein Beispiel für diese im 3. und 4. Jahrhundert beliebte Erzählungsweise.
Reliefartig entwickeln sich die Szenen, wobei die Plastik der Gestalten, die
klare Zeichnung und Festigkeit der Formen auf das 4. Jahrhundert spätestens
weisen. Aber diese naive, für unser entwickeltes, malerisches
Vorstellungsvermögen unbegreifliche Manier des fortlaufenden Szenenwechsels
erhält sich auch weiterhin, als an Stelle der Schriftrolle der Kodex, das Buch
tritt. Die Wiener Genesis oder andere Werke byzantinischen Ursprunges führen
ins 5. und 6. Jahrhundert hinein. Gewiß zeigt sich auch da die Entartung. Die
frische Lebensschilderung schwindet und exzentrische Steigerung des Ausdruckes
vermag keinen Ersatz zu bieten. Die verschiedenen Bildschichten bleiben
übereinandergerückt, ähnlich wie auf antiken Reliefs oder auf den Reliefs von S.
Sabina und S. Ambrogio. Die Gestalten werden schemenhaft, indem sie sich zu
gleicher Zeit zeremoniell mit schauspielerischer Geste in die Front stellen.
Auch in der Behandlung des Hintergrundes herrscht ziellose Willkür.
Wir sind
manchmal überrascht durch die lebendige Dramatik, mit der die Szenen erfaßt
sind, wie etwa im Kodex Rossanensis (Abb. 19)
mit
der aufgeregten Zuhörerschar um Pilatus. Interessanter fast ist, wie der
Künstler in der Gruppierung der unteren Figuren, dem sich Abwenden der
Gestalten sogar eine gewisse Räumlichkeit in das Bild bringt, so unsinnig auch
das Übereinander der beiden Gruppen erscheinen mag. Die Gesetze der Verkürzung
und Überschneidung waren der Zeit noch verschlossen.
Daneben aber sind die Kodizes, die im Anschluß an die antike Tafelmalerei eine
bildmäßige Sonderung der einzelnen Szenen auf abgeschlossenen Bildfeldern
bringen, von großer Bedeutung. Die ältesten Stücke tragen deutlich den Charakter
strengen Reliefstiles an sich, wie etwa die Quedlinburger Italahandschrift
(Abb. 20)
mit klar gezeichneten, dunkel auf hellen Grund gesetzten Figuren. Wenn
auch erst aus dem 10. Jahrhundert stammend ist hier auch der Pariser Psalter
(Kodex Nr. 139) zu nennen, da er wohl auf ein älteres, alexandrinisches Vorbild
zurückgeht. Die Gesetzgebung auf dem Sinai läßt freilich bei aller Frische
jenes eigentümliche Fortlaufen der Erzählung auch auf diesen geschlossenen
Feldern erkennen, indem hier zwei Szenen gegeben sind. Der Wiener Dioskorides
strebt stark nach ziemlich schwerer Formgebung.
Die im Kleinen sehr vielfältige Entwicklung der Miniaturmalerei der folgenden Jahrhunderte schwankt zwischen stark höfischer Strenge, wie sie die von Kaiser Basilius II. (976-1025) geförderte Renaissance besonders vertritt und einer etwas derben, aber lebendigen Volkskunst, die mehr mit andeutender. zeichnerischer Technik arbeitet. Die Rabulashandschrift in Florenz, Laurentiana und besonders der Chludov-Psalter in Moskau seien angeführt. Hier wirft ein innerlich erregter und lebhafter Meister mit flüchtigem Strich die ereignisreichen Szenen auf das Papier. Es ist eine andere, unakademische Auffassung volkstümlicher Art, die später im Utrechter Psalter ihre Fortsetzung findet. Weiterhin liegt eine schlimme Dissonanz über der byzantinischen Miniaturmalerei. Alte Vorbilder werden halb verstanden und zu ekstatischen Ausdrucksformen verzerrt. Mancher dramatischen Szene begegnen wir da, etwa im Menologium oder dein Oktateuch des Vatikan. Aber die Gestalten verdorren mehr und mehr. Diese durch den Bilderstreit in die enge Klosterstube verbannte und an das kleine Miniaturformat gebundene Malerei konnte keine freie Kunst sein. Für ein nur einigermaßen vollständiges Bild dieser verwickelten Kunstentfaltung müßte vieles Material herangezogen werden. Besonders für die Ikonographie, für die Bildung von gewissen Darstellungstypen des Alten wie Neuen Testaments, endlich für die sich immer mehr entwickelnde Heiligenlegende hat sie Bedeutung. Daß auch hier im Kleinen manche Feinarbeit geleistet wurde und das Liniengefühl wie die Ausdruckskraft der Zeichnung eigenartige Entwicklungen durchmachte, muß anerkannt werden. Aber wirklich groß wurde die Malerei erst wieder an der Größe der Aufgabe, die die Freskomalerei Künstlern wie Giotto gestellt hat.