Vorwort
Noch will das Abendland nicht sein höheres, allen Gemeinsames finden, das , es über kleinliche, egoistische Begierden hinaus wieder in einer abendländischen Kultur vereine, während andererseits im Orient wie in Asien rassenverwandte Völker die engen Bande religiöser und kultureller Gemeinsamkeit als einigende, kraftspendende Bande um sich geschlossen haben. Unsere neuen „Zeitideale" haben sich bisher als unfähig erwiesen, dies allen Gemeinsame zu geben, gewiß deswegen, weil sie eben materialiatischer Art sind und' letzten Endes dem Vorteil einzelner dienen. Alles Geistige aber ist vergessen, das Religiöse glaubt man entbehren zu können und das Künstlerische wird, wenn man es überhaupt beachtet, als Spielerei angesehen. Kurz, dem Innenleben der Menschheit gibt man in blinder Gier nach materialistischem Gewinn keinen Raum.
Auch die Wissenschaft hat in ihrem seelenlosen Objektivismus versagt
So führte ich denn die schwierige, zu Mängeln und darum auch zu Angriffen von seiten der Kritik so leicht Gelegenheit gebende Arbeit weiter. Allen, die vom Quell der Kunst schönheitliche Labsal zur Lebensfreude zu schöpfen hoffen oder im veredelnden Zusammensein mit den Helden der Kunst geniale Schöpferkraft ahnen und höheres Wesen in sich aufnehmen wollen, reiche ich wiederum die Hand zur Wanderung in dies Märchenland. Denn wie in einem Märchenland glaube ich immer zu sein, wenn ich in jene Vergangenheiten schweifen darf, wo sich jenes herrliche Erfülltsein von einem höheren Wesen, einem Glauben, einer Kultur findet, das heute nicht mehr vorhanden ist. Wenn ich jene Zeiten überschaue, so ist es mir unzweideutig, daß in der Kunst jenes ersehnte allen Gemeinsame lebendig ist, daß die künstlerische Kultur berufen ist, die Erlösung aus der materialistischen, politischen Kultur zü bringen. Ohne höheres Künstertum und ohne innere Religiosität, und wäre es der Glaube an die höhere Bestimmung des eignen Ich, ist ein höheres Menschentum nicht denkbar.
Innere Religiosität sage ich, denn nur von solcher kann hier die Rede sein. Auch jeden Dogmatismus betreffend kann hier natürlich nicht von der „ewigen Wahrheit" an sich, die jedes Dogma für sich beansprucht, die Redesein. Ich rede sowohl vom religiösen, wie vom ästhetischen Dogmatismus. Ich will kein Prophet sein, nicht Dogmatiker, sondern Historiker, und wie die verschiedenen Zeiten und Völker jene sogenannten ewigen Wahrheiten erfassen, deuten und in Form umsetzen, das soll vorgeführt werden. Die Seelenzustände der Menschheit sind überreich und diesen individuellen Reichtum soll das Werk widerspiegeln. Nicht für Dogmatiker irgendwelcher Art, sondern für Männer des Lebens ist es geschrieben.
Gerade der Abschnitt der Weltgeschichte der Kunst, den wir jetzt betreten, bringt wundervolle Offenbarungen von der beherrschenden Macht des künstlerischen Gedankens in der Welt. Alle Energien des Geistes und alle Mächte der Seele scheinen sich in der künstlerischen Gestaltungslust auszuschwingen. Es ist doch ein Herrliches um Zeiten, die solche Geisterwelten zu erschaffen vermochten! Die Freude des Lebens, die Aufgabe der Menschen schien einzig und allein aus dem Nichts Ewigkeitswerte erstehen zu lassen. Das nenne ich ein höheres Dasein, und darum möge all das vielfältige, allgewaltige künstlerische Heldentum, das uns jetzt Heroen wie Leonardo und Michelangelo, Dürer und Grünewald, Rubens und Rembrandt vorführen, ein ideales Vorbild zur wahrhaftigen, höheren Lebensbetätigung sein, an der nicht nur Verstand und handwerkliche Geschicklichkeit Anteil haben, sondern vor allem auch der ganze innere Mensch. Möge das Werk ein neues Sich-im-Inneren-Ausleben und Sichselbstgenugsein im höheren Sinne über die Menschheit bringen helfen.
Für die äußere Fassung des Buches wird die wesentlich bessere Ausstattung gerne aufgenommen werden. Hier danke ich dem Verleger für seine Mühen und das Vertrauen, das er meiner. Sache entgegenbringt. Ich danke auch jener Kritik des ersten Bandes, die die höhere Absicht und die Schwierigkeit der Aufgabe anerkennend über Mängel im Einzelnen hinwegsah. Ich danke endlich jedoch meinen Freunden in Holland, die mir durch ihre Gastfreundschaft die Möglichkeit gaben, vor allem auch die Kapitel über holländische Kunst besser auszuarbeiten. Besondere Aufmerksamkeit habe ich dem Barock und Rokoko in Hinblick auf das weitgehende Interesse, das gerade diese Epochen heute genießen, zugewendet.