Leben
Nicolas-Étienne Framery wurde am 25. März 1745 in Rouen geboren und verstarb am 26. November 1810 in Paris. Ursprünglich für eine juristische Laufbahn vorgesehen, wandte sich Framery früh der Literatur und Musik zu, wobei er sich ein umfassendes Wissen in diesen Bereichen aneignete. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit bekleidete er verschiedene administrative Ämter, unter anderem in der königlichen Verwaltung der „Ponts et Chaussées“, und wirkte auch als königlicher Zensor. Diese Positionen ermöglichten ihm einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen seiner Zeit und verschafften ihm zugleich die intellektuelle Unabhängigkeit, die für seine kritischen Arbeiten so entscheidend war. Framery war ein typischer Universalgelehrter der Aufklärung, der eine Brücke zwischen Kunst, Wissenschaft und Verwaltung schlug.Werk
Framerys künstlerisches Schaffen erstreckte sich über mehrere Bereiche. Als Librettist war er äußerst erfolgreich und arbeitete mit einigen der führenden Komponisten seiner Zeit zusammen, darunter André-Ernest-Modeste Grétry (*La Muette de Portici*, 1768; *L'Indienne*, 1769), François-André Danican Philidor (*Le Peintre amoureux de son modèle*, 1768) und François-Joseph Gossec (*Les Deux Comtesses*, 1769). Sein Libretto zu Antonio Sacchinis *La Colonie* (1775) zählte zu den populärsten Opernwerken seiner Zeit. Obwohl er selbst auch komponierte – etwa für *Le Diable à quatre, ou la Femme acariâtre* (1769), basierend auf einem Libretto von Charles-Simon Favart –, ist seine musikalische Hinterlassenschaft weniger bekannt als seine literarischen Beiträge.Seine nachhaltigste Wirkung entfaltete Framery jedoch als Musikkritiker und Musiktheoretiker. Er war der Hauptredakteur der musikalischen Sektion der monumentalen *Encyclopédie méthodique. Musique*, einem Nachfolgewerk der berühmten *Encyclopédie* von Diderot und d'Alembert. Für dieses Werk übersetzte er grundlegende Schriften zur Musiktheorie, darunter Teile von Padre Martinis *Saggio fondamentale pratico d'armonia*, und verfasste zahlreiche eigene Artikel und das wegweisende „Discours préliminaire“. In seinen Schriften setzte er sich intensiv mit Fragen der Ästhetik, Harmonie und Opernreform auseinander.
Bedeutung
Nicolas-Étienne Framery ist eine Schlüsselfigur für das Verständnis des französischen Musiklebens im späten 18. Jahrhundert. Als glühender Verfechter von Christoph Willibald Glucks Opernreformen spielte er eine zentrale Rolle in der berühmten „Querelle des Gluckistes et Piccinnistes“, wo er sich entschieden für die dramatische Wahrheit, Einfachheit und die Einheit von Text und Musik einsetzte, wie sie Gluck verkörperte. Sein „Discours préliminaire“ zur *Encyclopédie méthodique. Musique* gilt als ein Manifest der Gluckschen Ästhetik und ist ein unverzichtbares Dokument zur Musikästhetik der Aufklärung.Framerys Beiträge zur Musiktheorie und -kritik, seine Übersetzungen und seine Enzyklopädie-Arbeit trugen maßgeblich zur Systematisierung und Verbreitung musikalischen Wissens in Frankreich bei. Er war ein Brückenbauer zwischen Theorie und Praxis, zwischen Komposition und kritischer Reflexion. Wenngleich seine eigenen musikalischen Werke heute seltener aufgeführt werden, bleibt sein intellektueller Einfluss auf die Entwicklung der Oper, der Musikkritik und der Musikwissenschaft in Frankreich unbestreitbar und macht ihn zu einem der wichtigsten musikalischen Denker seiner Epoche.