Leben

Miguel de Fuenllana wurde um 1500 oder 1510 in Fuenllana (heute Fuenllana de la Reina, Provinz Guadalajara) geboren und war von Geburt an blind. Trotz seiner Sehbehinderung entwickelte er sich zu einem der herausragendsten Instrumentalisten und Komponisten seiner Zeit. Sein Leben war eng mit dem spanischen Hochadel und dem Königshof verbunden. Er diente zunächst im Haushalt des Marqués de Tarifa, eines Sohnes des Herzogs von Alcalá. Später trat er in den Dienst von Don Carlos, dem unglücklichen Sohn Philipps II. Nach dessen Tod 1568 war Fuenllana am Hof von Philipps dritter Ehefrau, Isabel de Valois, tätig, der er bis zu ihrem Tod im selben Jahr diente. Über seine letzten Lebensjahre ist wenig bekannt; man nimmt an, dass er nach 1578 verstarb, da sein Name in Rechnungsbüchern aus diesem Jahr letztmals erwähnt wird. Sein Leben ist ein bemerkenswertes Beispiel für die Wertschätzung musikalischer Virtuosität und Komposition am spanischen Hof der Renaissance, die selbst körperliche Einschränkungen überwand.

Werk

Fuenllanas gesamtes erhaltenes Schaffen ist in einem einzigen, aber umfassenden Werk überliefert: dem „Libro de música para vihuela, intitulado Orphenica lyra“, das 1554 in Sevilla von Martín de Montesdoca veröffentlicht wurde. Dieses Werk, gewidmet dem zukünftigen König Philipp II., ist eine der wichtigsten Quellen für die spanische Vihuelamusik. Es umfasst 188 Stücke, die in sechs Büchern unterteilt sind:
  • Buch I & II: Fantasien, Pavanas und weitere Originalkompositionen für Vihuela solo.
  • Buch III & IV: Vertonungen von geistlichen Motetten und weltlichen Liedern (Romances, Villancicos, Sonetos), sowohl für Vihuela und Gesang (mit cifrada, d.h. in Tabulatur notierter Gesangsstimme) als auch arrangiert für Vihuela solo.
  • Buch V & VI: Weitere Vertonungen und Differencias (Variationen) über populäre Melodien und Basslinien.
  • Die *Orphenica lyra* zeichnet sich durch ihre stilistische Vielfalt und ihren hohen technischen Anspruch aus. Fuenllana arrangierte Werke führender Komponisten seiner Zeit, darunter Josquin des Prez, Nicolas Gombert, Cristóbal de Morales und Francisco Guerrero, wobei er deren Polyphonie meisterhaft auf die Vihuela übertrug. Daneben zeigte er sich als origineller Komponist, besonders in seinen Fantasien, die von komplexer Polyphonie und imitatorischer Technik geprägt sind, sowie in seinen lebhaften Differencias.

    Eine Besonderheit der *Orphenica lyra* ist die detaillierte Notation der Gesangsstimme in Tabulatur, die wertvolle Einblicke in die historische Aufführungspraxis der Gesangsbegleitung durch die Vihuela bietet. Fuenllanas Gebrauch von cifrada unterscheidet sein Werk von dem anderer Vihuelisten, die die Gesangsstimme oft nur andeuteten oder in Standardnotation notierten.

    Bedeutung

    Miguel de Fuenllana zählt zu den „sieben großen Vihuelisten“ der spanischen Renaissance, neben Luis de Milán, Luis de Narváez, Alonso Mudarra, Enríquez de Valderrábano, Diego Pisador und Esteban Daza. Seine *Orphenica lyra* ist ein Eckpfeiler des Vihuela-Repertoires und demonstriert eindrucksvoll die technischen und expressiven Möglichkeiten dieses Instruments. Das Werk ist von unschätzbarem Wert für die Musikwissenschaft, da es nicht nur eine Fülle an Kompositionen bietet, sondern auch als Zeugnis für die reiche musikalische Kultur und die Virtuosität der Instrumentalisten im Spanien des Siglo de Oro dient.

    Fuenllanas Fähigkeit, komplexe polyphone Strukturen für die Vihuela zu adaptieren und gleichzeitig eigene, originelle Werke von hoher Qualität zu schaffen, unterstreicht seine Meisterschaft. Seine Werke sind bis heute Gegenstand der Forschung und werden von Vihuela- und Gitarristen weltweit geschätzt und aufgeführt, wodurch Fuenllanas musikalisches Erbe lebendig bleibt.