# d'Astorga, Emanuele (1680-1757)

Leben

Emanuele d'Astorga, Marquis de Roccafiorita, wurde 1680 in Augusta, Sizilien (heute Brucoli bei Syrakus), geboren. Über sein frühes Leben kursierten lange Zeit romantische, aber weitgehend unbestätigte Legenden, die ihn als Adligen darstellten, dessen Vater wegen politischer Umtriebe hingerichtet und dessen Mutter in ein Kloster geschickt wurde, woraufhin Emanuele selbst ein Leben in Trauer und musikalischer Hingabe begann. Diese Anekdoten, verbreitet durch Biographen wie Fétis im 19. Jahrhundert, sind jedoch kaum durch historische Dokumente gedeckt und spiegeln eher das Bild eines melancholischen Künstlergenies wider, als die tatsächlichen Umstände.

Die gesicherten Fakten seines Lebens sind spärlich und skizzieren eine rastlose Existenz. Vermutlich erhielt d'Astorga seine musikalische Ausbildung in Palermo oder womöglich in Rom. Seine Reisen führten ihn nach Malta, Spanien (wo er möglicherweise am Hof Philipps V. diente), Wien (vermutlich am Hof Karls VI. und später Leopolds von Lothringen), London und Böhmen. Er wirkte in verschiedenen Positionen und stand im Dienst namhafter Persönlichkeiten und Höfe, darunter Herzog Leopold von Lothringen (später Kaiser), Fürst Joseph I. von Portugal und möglicherweise auch an spanischen und englischen Höfen. Diese ständigen Ortswechsel trugen zur mysteriösen Aura seiner Person bei und erschweren die lückenlose Rekonstruktion seiner Biografie. Sein Tod wird um 1757 vermutet, möglicherweise in oder in der Nähe von Lissabon, doch auch hier sind die genauen Umstände ungewiss.

Werk

Astorgas kompositorisches Schaffen konzentriert sich fast ausschließlich auf Vokalmusik und zeichnet sich durch eine bemerkenswerte emotionale Tiefe und lyrische Schönheit aus.

Stabat Mater

Sein bekanntestes und bedeutendstes Werk ist das „Stabat Mater“ (ca. 1707). Dieses Werk gilt als Meisterwerk des italienischen Barocks und steht in seiner Expressivität und musikalischen Eindringlichkeit dem späteren Werk Pergolesis nahe, unterscheidet sich aber durch eine ernstere, teilweise archaischere Klangsprache. Das „Stabat Mater“ ist für Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Streicher und Basso continuo gesetzt und besticht durch seine innige Darstellung des Leidens Marias. Es ist ein Paradebeispiel für die Fusion von römischer melodischer Eleganz und neapolitanischer dramatischer Kraft.

Kantaten

Einen Großteil seines Œuvres bilden die über 200 zugeschriebenen Kammerkantaten für Solostimme (meist Sopran) und Basso continuo. Diese kleinen Formen waren im Italien des 17. und frühen 18. Jahrhunderts äußerst populär und dienten d'Astorga als Vehikel für seine lyrische Begabung. Sie zeichnen sich durch fließende Melodien, ausdrucksvolle Rezitative und kunstvolle Arien aus, die oft von einer subtilen Melancholie durchdrungen sind. Titel wie „Vedi le stelle“, „Addio, Trento“ oder „M'hai piagato“ zeugen von ihrer poetischen und emotionalen Vielfalt.

Opern

Astorgas Beitrag zur Opernbühne ist geringer, aber nicht zu vernachlässigen. Seine bekannteste Oper ist „Dafni“, die 1709 in Genua uraufgeführt wurde. Es handelt sich um ein Pastorale, das in seiner musikalischen Sprache noch den konventionellen Mustern der Zeit folgt, aber bereits Astorgas Begabung für melodischen Fluss erkennen lässt. Zudem komponierte er Beiträge zu Pasticcios, wie „La moglie nemica“.

Sakralmusik

Neben dem „Stabat Mater“ existieren einige weitere sakrale Werke, darunter Messen und Motetten, deren Authentizität jedoch in einigen Fällen umstritten ist. Sie zeigen ebenfalls seine Fähigkeit, textbezogen und expressiv zu komponieren.

Bedeutung

Emanuele d'Astorga ist heute hauptsächlich für sein „Stabat Mater“ in Erinnerung geblieben, welches einen festen Platz im Repertoire des Barock einnimmt. Trotz der lückenhaften Dokumentation seines Lebens und der romantischen Mythenbildung um seine Person, sichert die Qualität seiner erhaltenen Werke seinen Platz als bedeutender Komponist der späten italienischen Barockzeit. Er repräsentiert einen Übergangsstil, der die tief empfundenen Ausdrucksformen des Barock mit einer aufkommenden galanten Empfindsamkeit verbindet. Seine Musik, insbesondere die Kantaten, bietet einen tiefen Einblick in die emotionale Welt seiner Zeit und offenbart einen Komponisten, der die Kunst der menschlichen Stimme meisterhaft verstand und zu nutzen wusste. Die wissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte hat dazu beigetragen, die Legenden von den Fakten zu trennen und seine musikalischen Errungenschaften angemessen zu würdigen.