Leben
Charles Avison wurde 1709 in Newcastle-upon-Tyne geboren, wo er auch den Großteil seines Lebens verbrachte und wirkte. Seine frühe musikalische Ausbildung erhielt er vermutlich von seinem Vater, einem Stadtmusiker und Geiger. Obwohl es keine definitive Bestätigung gibt, ist es weithin angenommen, dass Avison in den 1730er Jahren in London bei dem berühmten italienischen Geiger und Komponisten Francesco Geminiani, einem Schüler Arcangelo Corellis, studierte. Diese prägende Begegnung manifestierte sich später in Avisons Kompositionsstil und seinen theoretischen Schriften.
Im Jahr 1735 kehrte Avison nach Newcastle zurück und wurde Organist an der Kirche St. John the Baptist. Nur ein Jahr später, 1736, erhielt er die prestigeträchtigere Position des Organisten an St. Nicholas's Church (der heutigen Kathedrale von Newcastle), die er bis zu seinem Tod innehatte. Er etablierte sich als zentrale Figur des musikalischen Lebens in Newcastle, gründete und leitete eine erfolgreiche Konzertreihe, die maßgeblich zur Etablierung einer lebendigen musikalischen Kultur außerhalb Londons beitrug. Avison heiratete Catherine Reynolds im Jahr 1737; aus der Ehe gingen neun Kinder hervor.
Werk
Avisons kompositorisches Schaffen konzentriert sich hauptsächlich auf Instrumentalmusik. Er ist vor allem für seine Concerti grossi bekannt, von denen er sechs Sammlungen mit jeweils zwölf Werken veröffentlichte, die zwischen 1740 und 1769 erschienen (Op. 2, 3, 4, 6, 9, 10). Diese Concerti zeichnen sich durch eine elegante Synthese des italienischen Spätbarockstils (insbesondere Geminianis und Corellis) mit einer deutlichen englischen Sensibilität aus. Charakteristisch sind ihre klaren melodischen Linien, eine ausgefeilte Satztechnik und oft eine lyrische Ausdrucksweise. Viele seiner Concertos adaptieren Themen und Sätze von Domenico Scarlattis Cembalosonaten, was Avisons Fähigkeit zur geschmackvollen Orchestrierung und Umgestaltung beweist. Neben den Concerti komponierte Avison auch Kammermusik, darunter Sonaten für Cembalo und andere Instrumente, sowie einige Lieder und Oden, die jedoch weniger bekannt sind.
Sein bedeutendstes schriftstellerisches Werk ist *An Essay on Musical Expression*, veröffentlicht 1752. Dieses Traktat ist ein Eckpfeiler der englischen Musikästhetik des 18. Jahrhunderts. Darin analysiert Avison die Natur und Funktion musikalischer Ausdruckskraft, kritisiert die seiner Meinung nach mangelnde Subtilität in der Musik Georg Friedrich Händels und lobt stattdessen die expressive Tiefe von Komponisten wie Geminiani und Benedetto Marcello. Das Werk löste eine lebhafte Debatte aus und wurde mehrfach neu aufgelegt und kommentiert.
Bedeutung
Charles Avison ist eine zentrale Figur des englischen Spätbarock und des Übergangs zur frühen Klassik, insbesondere außerhalb der Hauptstadt London. Seine Concerti grossi gehören zu den herausragendsten Beispielen dieser Gattung in England und demonstrieren eine hohe kompositorische Meisterschaft sowie eine Vorahnung klassischer Formen in ihrer Klarheit und Ausgewogenheit. Sie vereinen melodische Anmut mit kontrapunktischer Finesse und bieten einen erfrischenden Blick auf die Weiterentwicklung des Barockkonzerts.
Das *Essay on Musical Expression* positioniert Avison als einen der wichtigsten englischen Musiktheoretiker und -kritiker seiner Zeit. Seine Überlegungen zur emotionalen Wirkung von Musik und seine ästhetischen Urteile, auch wenn sie zeitgenössisch kontrovers waren, bieten wertvolle Einblicke in die musikalischen Geschmäcker und Debatten des 18. Jahrhunderts. Avison verkörperte den gebildeten und anspruchsvollen englischen Musiker, der sowohl als Praktiker als auch als Denker wirkte. Seine Arbeit trug maßgeblich zur Entwicklung einer eigenständigen englischen Musikkultur bei und sicherte ihm einen festen Platz in der Musikgeschichte, auch wenn er erst im 20. Jahrhundert umfassender wiederentdeckt und gewürdigt wurde.