# Torgeir Augundsson (1801-1872)

Leben

Torgeir Augundsson wurde 1801 in Arabygdi, Vinje, im norwegischen Telemark geboren und verstarb 1872. Er war der Sohn eines Müllers, was ihm den Beinamen „Myllarguten“ (der Müllerbursche) einbrachte. Schon in jungen Jahren zeigte er eine außergewöhnliche musikalische Begabung und lernte das Spiel auf der Hardangerfiedel (Hardingfele), einem traditionellen norwegischen Streichinstrument mit Resonanzsaiten. Obwohl er nur wenig formale musikalische Ausbildung erhielt, entwickelte er sich durch intensives Selbststudium und den Austausch mit lokalen Fiedlern zu einem wahren Virtuosen. Sein Ruf verbreitete sich schnell, und er wurde bald zu einem der gefragtesten Musiker seiner Zeit. Augundsson reiste weit durch Norwegen, gab Konzerte für Adlige und das Bürgertum, trat sogar in der Hauptstadt Christiania (heute Oslo) auf und faszinierte sein Publikum mit seiner energiegeladenen und ausdrucksvollen Spielweise. Trotz seines Ruhmes und seiner künstlerischen Anerkennung führte Myllarguten oft ein Leben in Armut und litt Berichten zufolge unter Alkoholismus, was jedoch seiner musikalischen Genialität und seinem Einfluss keinen Abbruch tat. Sein Leben war ein Spiegelbild der Romantik des 19. Jahrhunderts, geprägt von künstlerischer Freiheit und persönlichem Kampf.

Werk

Augundssons „Werk“ besteht primär aus seiner mündlich überlieferten Musik und seiner Spielweise, da er selbst kaum Noten hinterließ. Er war kein Komponist im klassischen Sinne, sondern ein Meister der Improvisation und der Weiterentwicklung traditioneller *slåtter* (Fidelstücke). Er nahm existierende Melodien auf, interpretierte sie neu, variierte sie auf komplexe Weise und verlieh ihnen eine bis dahin ungekannte technische Brillanz und emotionale Tiefe. Viele der heute bekannten *slåtter* für die Hardangerfiedel gehen direkt auf ihn zurück oder wurden von ihm maßgeblich geprägt. Seine Kreationen und Interpretationen erweiterten das technische und musikalische Vokabular der Hardingfele erheblich. Er führte neue Spieltechniken ein, nutzte die Resonanzsaiten auf innovative Weise und entwickelte die Form des *slått* zu einer hochkomplexen Kunstform. Myllargutens Repertoire umfasste eine Vielzahl von Tanzstücken (wie Halling und Gangar) sowie lyrische Stücke, die oft Geschichten erzählten oder Naturphänomene musikalisch abbildeten. Sein Einfluss zeigt sich auch in der Benennung vieler Stücke, die seinen Namen tragen, wie beispielsweise der berühmte „Myllargutens Bruremarsj“ (Myllargutens Hochzeitsmarsch).

Bedeutung

Torgeir Augundsson wird bis heute als eine der zentralen Figuren in der Geschichte der norwegischen Volksmusik verehrt. Seine Bedeutung lässt sich auf mehrere Aspekte zurückführen:
  • Bewahrer und Erneuerer der Hardangerfiedel-Tradition: Er bewahrte die reiche Tradition der *slåtter*, belebte sie aber gleichzeitig durch seine Virtuosität und Kreativität. Er erhöhte den Status der Hardingfele von einem regionalen Instrument zu einem nationalen Symbol Norwegens.
  • Musikalische Ikone: Er wurde zu einem Nationalhelden und zu einem Symbol für die einzigartige musikalische Identität Norwegens. Seine Legende beflügelte die nationalromantische Bewegung des 19. Jahrhunderts und diente als Inspiration für viele Künstler und Intellektuelle.
  • Einfluss auf die Klassische Musik: Komponisten wie Edvard Grieg waren von der norwegischen Volksmusik und insbesondere von der Hardangerfiedel-Tradition tief beeindruckt. Grieg sammelte und arrangierte zahlreiche Volksmelodien und integrierte deren Charakteristiken in seine eigenen Werke, wobei er indirekt von Figuren wie Myllarguten profitierte, die diese Musik bewahrt und weiterentwickelt hatten. Die melodische und rhythmische Energie von Augundssons Spiel floss in die musikalische Vorstellungswelt Norwegens ein und beeinflusste die Entwicklung einer nationalen klassischen Musiksprache.
  • Nachhaltiges Erbe: Myllargutens Melodien und sein Stil sind bis heute lebendig und bilden die Grundlage für die Ausbildung und das Repertoire vieler Hardangerfiedler. Sein Leben und seine Musik werden durch Festivals, Biografien und musikalische Interpretationen gefeiert, die seine zentrale Rolle in der norwegischen Kulturgeschichte unterstreichen.