Leben

Boris Wladimirowitsch Asafjew wurde am 29. Juli 1884 (nach dem julianischen Kalender: 17. Juli) in Zarskoje Selo, dem heutigen Puschkin bei Sankt Petersburg, geboren. Seine frühe Ausbildung war vielseitig; er absolvierte ein Jurastudium an der Universität Sankt Petersburg (1904–1908), während er parallel dazu am Sankt Petersburger Konservatorium studierte. Dort waren so bedeutende Persönlichkeiten wie Nikolai Rimski-Korsakow, Anatoli Ljadow und Alexander Glasunow seine Lehrer in Komposition, und Schora Kalafati in Musiktheorie. Diese Doppelbegabung, juristische Präzision und musikalische Sensibilität, prägte sein gesamtes Schaffen.

Nach der Revolution von 1917 engagierte sich Asafjew aktiv im Aufbau des sowjetischen Musiklebens. Er war von 1921 bis 1930 als Professor für Musikgeschichte am Leningrader Konservatorium tätig und von 1925 bis 1943 Leiter der Musikabteilung des Leningrader Instituts für Kunstgeschichte. Asafjew wurde 1943 zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR ernannt und erhielt 1943 sowie posthum 1948 den Stalinpreis. Sein Einfluss als Pädagoge, Theoretiker und Organisator war immens und reichte weit über die akademischen Zirkel hinaus. Er starb am 27. Januar 1949 in Moskau.

Werk

Asafjews Œuvre ist zweigeteilt in seine kompositorische und seine musikwissenschaftliche Arbeit, wobei beide Bereiche durch eine tiefe philosophische Durchdringung der Musik verbunden sind.

Kompositorisches Schaffen

Als Komponist ist Asafjew vor allem für seine Ballette bekannt, die zu den Eckpfeilern des sowjetischen Repertoires zählen. Das berühmteste ist „Die Fontäne von Bachtschissarai“ (1934), basierend auf Puschkins Gedicht, das bis heute weltweit aufgeführt wird. Ein weiteres bedeutendes Werk ist „Die Flamme von Paris“ (1932), das die Ereignisse der Pariser Kommune thematisiert und durch seine dynamische Musikalität und revolutionäre Thematik besticht. Er schrieb über 20 Ballette, 11 Opern, 4 Sinfonien, zahlreiche Kammermusikwerke, Chorwerke und Lieder. Seine Musik zeichnet sich durch lyrische Melodien, reiche Orchestrierung und eine tiefe Verwurzelung in der russischen Musiktradition aus, wobei er oft folkloristische Elemente mit spätromantischen und impressionistischen Einflüssen verband.

Musikwissenschaftliches Schaffen (unter dem Pseudonym Igor Glebow)

Unter dem Pseudonym Igor Glebow entwickelte Asafjew eine der einflussreichsten Theorien der sowjetischen Musikwissenschaft: die Intonationslehre. Diese Theorie postulierte, dass Musik nicht nur eine abstrakte Klangfolge ist, sondern eine dynamische Sprache von „Intonationen“, die soziale und emotionale Bedeutungen tragen und sich im historischen Kontext entwickeln und verändern. Er betrachtete Musik als ein Spiegelbild menschlicher Kommunikation und gesellschaftlicher Prozesse, wobei musikalische Motive und Gesten zu „Intonationen“ werden, die spezifische kulturelle und historische Inhalte vermitteln. Diese Lehre fand ihren Niederschlag in seinem Hauptwerk „Musikalische Form als Prozess“ (1930) sowie in zahlreichen Monographien und Artikeln.

Er verfasste umfassende Studien über russische Komponisten wie Mussorgski, Tschaikowski, Rimski-Korsakow und Skrjabin, aber auch über westliche Meister wie Mozart und Beethoven. Seine Analysen waren wegweisend für das Verständnis der musikalischen Entwicklung in Russland und darüber hinaus. Er war auch ein produktiver Musikkritiker, dessen Rezensionen und Essays das Musikleben seiner Zeit maßgeblich prägten.

Bedeutung

Boris Asafjew zählt zu den herausragendsten und vielseitigsten Persönlichkeiten der sowjetischen Musikkultur. Seine Bedeutung liegt zum einen in seinem kompositorischen Schaffen, das insbesondere durch seine Ballette die Bühnen der Welt eroberte und eine spezifisch sowjetische Ballettästhetik mitbegründete. Zum anderen prägte er als Musikwissenschaftler und Theoretiker das Denken über Musik in der Sowjetunion über Jahrzehnte. Seine Intonationslehre wurde zum Fundament der sowjetischen Musiktheorie und bot einen Rahmen, um musikalische Werke in ihrem historischen, sozialen und ideologischen Kontext zu analysieren – ein Ansatz, der auch heute noch von Relevanz ist, wenngleich er in der Post-Sowjetzeit kritisch hinterfragt wurde.

Asafjew war Brückenbauer zwischen verschiedenen Epochen und Stilen, zwischen Komposition und Reflexion, zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne. Sein unermüdliches Engagement für die musikalische Bildung und seine Fähigkeit, komplexe musikalische Phänomene verständlich zu machen, sichern ihm einen festen Platz in der Geschichte der Musikwissenschaft und -praxis.