Leben
Hans Erich Apostel wurde am 27. Januar 1901 in Karlsruhe geboren und zählt zu den wichtigsten Vertretern der zweiten Generation der Wiener Schule. Nach seiner musikalischen Frühbildung in Karlsruhe zog Apostel 1920 nach Wien, wo er ein Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik aufnahm. Ausschlaggebend für seine musikalische Entwicklung war jedoch die intensive Studienzeit bei Arnold Schönberg (1921–1925) und Alban Berg (1925–1937). Als einer der wenigen Schüler, die beide Komponisten unterrichteten, wurde Apostel zum direkten Erben und Vermittler ihrer musikalischen Ästhetik. Er wirkte in Wien als Korrepetitor, Dirigent und Pianist, engagierte sich im Musikleben und lehrte privat. Während der Zeit des Nationalsozialismus, in der seine Musik als „entartet“ galt, zog sich Apostel in die „innere Emigration“ zurück, blieb jedoch Wien treu. Nach 1945 setzte er sich energisch für die Verbreitung und Anerkennung der Neuen Musik ein, war Mitglied in Gremien wie der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Er starb am 30. Juli 1972 in Wien.
Werk
Apostels kompositorisches Schaffen, das zunächst im freitonalen Bereich angesiedelt war, vollzog ab etwa 1930 eine konsequente Hinwendung zur Zwölftontechnik. Dabei entwickelte er einen eigenständigen Stil, der die strukturelle Stringenz der seriellen Komposition mit einer oft spätromantisch anmutenden Expressivität und einem ausgeprägten Lyrismus verband. Sein Œuvre umfasst eine breite Palette an Gattungen:
Charakteristisch für Apostels Musik ist die Vorliebe für klare, traditionelle Formen, die er durch die Anwendung der Zwölftontechnik neu belebte und mit individueller Ausdruckskraft füllte. Er war auch als Bearbeiter tätig, so schuf er den Klavierauszug zu Alban Bergs Oper *Wozzeck*.
Bedeutung
Hans Erich Apostel ist von immenser Bedeutung als einer der engsten Schüler und somit direkter Überlieferer der Tradition der Zweiten Wiener Schule. Er trug maßgeblich dazu bei, das Erbe Schönbergs und Bergs in Österreich zu bewahren und weiterzuentwickeln. Sein unbedingtes Festhalten an der neuen Musik, auch unter widrigsten Umständen, macht ihn zu einer moralischen Autorität. Musikhistorisch gesehen bildet Apostel eine Brücke zwischen den wegweisenden Innovationen seiner Lehrer und den nachfolgenden Generationen von Komponisten, die er als Pädagoge und Förderer beeinflusste. Obwohl seine Werke nicht die gleiche Popularität wie die seiner Lehrer erlangten, werden sie von Kennern für ihre handwerkliche Perfektion, ihre strukturelle Tiefe und ihre expressive Intensität hochgeschätzt. Apostel gilt als ein präziser und gewissenhafter Komponist, dessen Œuvre einen festen Platz in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts einnimmt.