Leben

Giovanni Maria Artusi wurde um 1540 in Bologna geboren und verstarb am 8. August 1613 in derselben Stadt. Sein Leben war maßgeblich von einer tiefen Hingabe an die Musiktheorie und die etablierten Regeln der musikalischen Komposition geprägt. Artusi absolvierte seine Ausbildung zum Geistlichen und wurde Kanoniker der Kongregation des Heiligen Erlösers in San Salvatore, Bologna. Er war ein Schüler des berühmten Musiktheoretikers Gioseffo Zarlino in Venedig, dessen Lehren er sein Leben lang treu blieb und als Hüter der musikalischen Orthodoxie verteidigte. Zarlinos umfassendes Werk über Kontrapunkt und Harmonie bildete das intellektuelle Fundament, auf dem Artusi seine eigenen theoretischen Abhandlungen aufbaute und von dem aus er die musikalischen Neuerungen seiner Zeit kritisch beleuchtete.

Werk

Artusis kompositorisches Schaffen ist im Vergleich zu seinem theoretischen Werk von geringerer Bedeutung. Er veröffentlichte zwei Bände von Kanzonetten (Venedig 1598) und einen von Madrigalen (Venedig 1603), die stilistisch der Tradition seiner Zeit verhaftet waren. Seine wahre Bedeutung liegt jedoch in seinen musiktheoretischen Schriften, die zu den wichtigsten Dokumenten der musikalischen Debatten um 1600 zählen:

  • _L'arte del contraponto ridotta in tavole_ (Venedig 1598): Dieses Werk ist ein didaktisches Lehrbuch über den Kontrapunkt, das Zarlinos Lehren in einer prägnanten, tabellarischen Form zusammenfasst und verdeutlicht. Es zeigt Artusis tiefe Kenntnis der traditionellen Kompositionsregeln.
  • _L'Artusi, overo Delle imperfettioni della moderna musica_ (Venedig 1600, Teil I; 1603, Teil II): Dies ist Artusis bekanntestes und folgenreichstes Werk. Im ersten Teil von 1600 kritisierte er, ohne den Komponisten namentlich zu nennen, anonyme Madrigalausschnitte, die er als „hart und wenig angenehm für das Ohr“ empfand. Diese Beispiele, die sich später als Werke Claudio Monteverdis (aus dessen damals noch unveröffentlichtem 5. Madrigalbuch) herausstellten, wurden von Artusi als Verstoß gegen die etablierten Regeln der Dissonanzbehandlung und des Kontrapunkts gebrandmarkt. Er sah darin eine „Barbarei“ und eine Abkehr von der Schönheit und Ordnung der Musik. Im zweiten Teil von 1603 setzte Artusi seine Polemik fort, nannte Monteverdi nun beim Namen und reagierte auf die inzwischen erschienenen Verteidigungsschriften, die Monteverdis Ansatz zu rechtfertigen suchten.
  • Bedeutung

    Giovanni Maria Artusi verkörpert die konservative Gegenposition zur aufkommenden musikalischen Moderne an der Schwelle vom 16. zum 17. Jahrhundert. Seine Kritik an Monteverdi entzündete eine der bedeutendsten musiktheoretischen Kontroversen der Musikgeschichte, die als Konflikt zwischen der „prima pratica“ (oder _stile antico_) und der „seconda pratica“ (oder _stile moderno_) bekannt wurde. Während Artusi die „prima pratica“ als die Kunst der polyphonen Meister der Renaissance – gekennzeichnet durch die Vorherrschaft des musikalischen Satzes über den Text und die strikte Einhaltung der Kontrapunktregeln – verteidigte, repräsentierte Monteverdi die „seconda pratica“, in der der Text die „Herrin“ der Harmonie sei und neue Freiheiten in der Dissonanzbehandlung und im Ausdruck erlaubt waren, um die Affekte des Textes eindringlicher darzustellen.

    Ironischerweise trug Artusis scharfe Kritik maßgeblich dazu bei, die Prinzipien der „seconda pratica“ zu artikulieren und zu popularisieren, da sie Monteverdi und seinen Bruder Giulio Cesare Monteverdi dazu zwang, ihre ästhetischen Ansichten und die neue musikalische Praxis detailliert zu begründen. Ohne Artusis Einspruch wären die berühmten Vorworte und Erklärungen Monteverdis, die das Fundament der frühen Barockmusiktheorie bilden, möglicherweise nie verfasst worden. Artusi steht somit nicht nur als Verteidiger einer vergangenen Epoche da, sondern auch als Katalysator für die intellektuelle Auseinandersetzung, die den Übergang zur barocken Klangsprache begleitete und theoretisch untermauerte. Seine Werke sind unschätzbare Quellen für das Verständnis der ästhetischen und technischen Debatten in einer der prägendsten Umbruchphasen der europäischen Musikgeschichte.