Leben

Wilhelm Friedemann Bach (getauft am 22. November 1710 in Weißenfels, † 1. Juli 1784 in Berlin) war der älteste Sohn Johann Sebastian Bachs und Anna Magdalena Bachs. Er wurde schon früh als musikalisches Wunderkind erkannt und erhielt eine umfassende Ausbildung durch seinen Vater, der für ihn eigens das "Clavier-Büchlein vor Wilhelm Friedemann Bach" anlegte. Neben der musikalischen Erziehung studierte er ab 1729 an der Universität Leipzig Jura und Mathematik, was seine intellektuelle Neugier und die Breite seiner Begabung unterstreicht.

Seine erste Anstellung als Organist der Sophienkirche in Dresden (1733–1746) war noch von Erfolg und Anerkennung geprägt. Hier entwickelte er einen individuellen Stil, der die väterliche Kontrapunktik mit neuen empfindsamen Elementen verband. 1746 wechselte er als Musikdirektor und Organist an die Liebfrauenkirche nach Halle, wo er über Jahrzehnte hinweg tätig war. Doch zunehmend litt seine Karriere unter einer als schwierig empfundenen Persönlichkeit: Eigenwilligkeit, Unregelmäßigkeit und eine wachsende Abneigung gegen die Zwänge bürgerlicher Anstellung führten zu Konflikten. Er kündigte seine Haller Stellung 1764 und verbrachte den Rest seines Lebens in prekären Verhältnissen, oft von Mäzen zu Mäzen ziehend, als Privatlehrer und Gelegenheitskomponist in Braunschweig, Göttingen und schließlich in Berlin. Seine letzten Jahre waren von Armut, Krankheit und der bitteren Erkenntnis seines ungenutzten Potentials überschattet. Er verkaufte und veruntreute bisweilen Manuskripte seines Vaters, um seinen Lebensunterhalt zu sichern.

Werk

Das Werk Wilhelm Friedemann Bachs ist ein einzigartiges Zeugnis des Stilwandels im 18. Jahrhundert. Es vereint die polyphone Meisterschaft der Bachschen Tradition mit der emotionalen Ausdruckskraft des "Empfindsamen Stils" und den dramatischen Kontrasten des "Sturm und Drang". Seine Musik ist oft von einer tiefen Melancholie und inneren Unruhe durchdrungen, gepaart mit kühner Harmonik und komplexer Satztechnik.

Zu seinen wichtigsten Werken zählen:

  • Orgelwerke: Präludien, Fugen, Choralbearbeitungen, die die Virtuosität und den kontrapunktischen Tiefgang seines Vaters weiterführen, aber mit einer eigenständigen, oft dramatischeren Tonalität versehen sind.
  • Klavierwerke: Eine Vielzahl von Sonaten, Fantasien und Polonaisen, die besonders seinen individuellen Stil offenbaren. Die Polonaisen sind oft virtuose Charakterstücke, die einen starken Affekt ausdrücken. Die Fantasien zeichnen sich durch freie Form, harmonische Kühnheit und improvisatorischen Charakter aus.
  • Kammermusik: Triosonaten und Duette, die oft eine intensive dialogische Struktur aufweisen.
  • Orchesterwerke: Eine Reihe von Sinfonien und Cembalokonzerten, die den Übergang zum klassischen Konzertformat markieren.
  • Vokalwerke: Zahlreiche Kantaten und andere geistliche Werke, die er vor allem während seiner Anstellung in Halle komponierte und die von großer kompositorischer Dichte und emotionaler Tiefe zeugen.
  • Sein Stil zeichnet sich durch unkonventionelle Formschemata, chromatische Dissonanzen, überraschende Modulationen und eine Affinität zu rhetorischen Gesten aus. Er gilt als einer der experimentierfreudigsten Komponisten seiner Zeit.

    Bedeutung

    Wilhelm Friedemann Bachs Bedeutung liegt in seiner Rolle als Brückenbauer zwischen zwei Epochen und als einer der originellsten Köpfe seiner Generation. Er war ein Komponist von außergewöhnlicher Begabung, dessen Musik oft als Vorbote romantischer Ausdrucksformen betrachtet werden kann. Trotz seiner persönlichen Schwierigkeiten und der Tatsache, dass ein Großteil seines Werkes zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht blieb, übte er durch seine Lehrtätigkeit und Aufführungen einen gewissen Einfluss aus.

    Sein Schicksal ist exemplarisch für die Schwierigkeiten, denen sich Musiker in der Übergangszeit vom kirchlich oder höfisch angestellten Künstler zum freischaffenden Individuum gegenübersahen. Er verkörperte das Ideal des freien Geistes, scheiterte aber an der Realität der bürgerlichen Existenz. Seine Musik, die eine einzigartige Synthese aus barocker Struktur und vorromantischer Empfindung darstellt, wird heute zunehmend als eigenständiges und tiefgründiges Œuvre gewürdigt, das jenseits der tragischen Lebensgeschichte seines Schöpfers von bleibendem Wert ist. Er bleibt eine der komplexesten und faszinierendsten Persönlichkeiten der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts.