Schönberg, Arnold (1874–1951)
Arnold Schönberg, geboren am 13. September 1874 in Wien, zählt zu den radikalsten und einflussreichsten Neuerern der Musikgeschichte. Sein Lebenswerk markiert einen entscheidenden Bruch mit der tonalen Tradition und leitete eine neue Ära der Komposition ein, die bis heute nachwirkt.
Leben
Schönbergs musikalische Ausbildung war weitgehend autodidaktisch, abgesehen von einigen Kontrapunktstunden bei seinem Schwager Alexander Zemlinsky, der auch seine frühen Kompositionen stark beeinflusste. Schon früh zeigte sich sein außerordentliches Talent und sein unbedingter Wille zur künstlerischen Innovation. Nach seinen ersten Anstellungen als Chorleiter und Orchestrierer übersiedelte er 1901 nach Berlin, wo er am Stern’schen Konservatorium lehrte und sich intensiv der Komposition widmete. Die Wiener Jahre nach seiner Rückkehr 1903 waren geprägt von der Entwicklung seiner atonalen Sprache und der Gründung der sogenannten Zweiten Wiener Schule, zu deren wichtigsten Vertretern seine Schüler Alban Berg und Anton Webern zählten. Die Zeit um 1908–1912 markiert den Übergang zur freien Atonalität, eine Phase, die von intensiven Auseinandersetzungen mit dem musikalischen Material und tiefgreifenden persönlichen Krisen begleitet war. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine kreative Arbeit, aber in den frühen 1920er Jahren vollzog er den nächsten entscheidenden Schritt mit der Entwicklung der „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“ – der Zwölftontechnik. 1925 wurde er als Professor an die Preußische Akademie der Künste in Berlin berufen, eine Position, die er bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 innehatte. Als Jude und Verfechter einer „entarteten“ Kunst sah er sich zur Emigration gezwungen. Über Paris gelangte er in die Vereinigten Staaten, wo er seine Lehrtätigkeit an der University of Southern California und später an der University of California, Los Angeles, fortsetzte. Am 13. Juli 1951 verstarb Schönberg in Los Angeles.Werk
Schönbergs Œuvre lässt sich in mehrere stilistische Phasen gliedern, die exemplarisch die musikalische Entwicklung des frühen 20. Jahrhunderts widerspiegeln:1. Spätromantische Periode (bis ca. 1907): Diese Phase ist stark von Richard Wagner, Johannes Brahms und Gustav Mahler beeinflusst. Werke wie das Streichsextett *Verklärte Nacht* op. 4 (1899), die monumentalen *Gurre-Lieder* (begonnen 1900, vollendet 1911) und die symphonische Dichtung *Pelleas und Melisande* op. 5 (1902–03) zeigen eine enorme Chromatik und harmonische Komplexität, die bereits an die Grenzen der Tonalität stoßen. 2. Freie Atonalität (ca. 1908–1921): Hier löst sich Schönberg vollständig von den Dur-Moll-Tonarten. Die musikalische Form wird oft durch textliche Vorlagen (Lieder) oder expressive Gesten bestimmt. Schlüsselwerke dieser Zeit sind die *Drei Klavierstücke* op. 11 (1909), die *Fünf Orchesterstücke* op. 16 (1909), die Monodramen *Erwartung* op. 17 (1909) und *Die glückliche Hand* op. 18 (1910–13), sowie das Melodram *Pierrot Lunaire* op. 21 (1912), ein Meisterwerk des expressionistischen Musiktheaters, das mit seiner Sprechgesang-Technik neue Wege beschritt. 3. Zwölftontechnik (ab ca. 1923): Nach einer Periode der Stille fand Schönberg ein neues Organisationsprinzip für atonale Musik. Die Zwölftontechnik, auch Dodekaphonie genannt, basiert auf der Verwendung einer fixen Reihe von zwölf Tönen, die alle chromatischen Töne einmal enthält und als Grundlage für die gesamte Komposition dient. Wichtige Werke sind die *Suite für Klavier* op. 25 (1921–23), das *Bläserquintett* op. 26 (1923–24), die *Variationen für Orchester* op. 31 (1928), das unvollendete Oratorium *Die Jakobsleiter* (begonnen 1917, überarbeitet 1944) und vor allem die Oper *Moses und Aron* (begonnen 1930, unvollendet), die als sein künstlerisches Testament gilt. 4. Spätwerk in Amerika (1933–1951): Während seiner amerikanischen Jahre kehrte Schönberg teilweise zu tonalen oder tonalen Bezügen in seinen Werken zurück, ohne jedoch die Errungenschaften der Zwölftontechnik aufzugeben. Beispiele sind die *Suite G-Dur für Streichorchester* (1934), das *Violinkonzert* op. 36 (1936), das *Klavierkonzert* op. 42 (1942), die *Kammersymphonie Nr. 2* op. 38 (begonnen 1906, vollendet 1939) und das bewegende *Ein Überlebender aus Warschau* op. 46 (1947) für Sprecher, Männerchor und Orchester, das die Schrecken des Holocaust thematisiert.
Neben der Komposition war Schönberg auch ein bedeutender Musiktheoretiker und Pädagoge. Sein *Harmonielehre* (1911) ist ein Standardwerk, das von einer tiefen Kenntnis der Tradition zeugt und zugleich den Weg in die neue Musik weist. Als Maler schuf er zahlreiche expressive Werke, darunter Selbstporträts und Visionen.