# Paul Hindemith
Leben
Paul Hindemith, geboren am 16. November 1895 in Hanau, Hessen, war eine zentrale Figur in der deutschen Musik des 20. Jahrhunderts. Seine musikalische Begabung zeigte sich früh: Bereits mit elf Jahren begann er das Studium am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main, wo er Violine, Bratsche, Klavier und Komposition studierte, unter anderem bei Arnold Mendelssohn und Bernhard Sekles. Schon 1915 wurde er im Alter von nur 20 Jahren Konzertmeister der Frankfurter Oper und etablierte sich als virtuoser Bratschist, der 1921 das renommierte Amar-Quartett mitbegründete, in dem er selbst die Bratsche spielte.
Die 1920er Jahre markierten Hindemiths Aufstieg zu internationaler Bekanntheit. Er wurde zu einer treibenden Kraft bei den Donaueschinger Musiktagen, wo viele seiner frühen, oft provokanten Werke uraufgeführt wurden und er sich als innovativer Komponist, Interpret und Organisator profilierte. Ab 1927 hatte er eine Professur für Komposition an der Berliner Musikhochschule inne, wo er seine pädagogischen und theoretischen Ansichten entwickelte. In dieser Zeit prägte er das Konzept der „Gebrauchsmusik“, das Musik als Teil des gesellschaftlichen Lebens und für unterschiedlichste Zwecke verstand.
Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus geriet Hindemith zunehmend in Konflikt mit dem Regime. Seine Musik wurde als „entartet“ diffamiert, insbesondere nach der Kontroverse um seine Oper *Mathis der Maler*. Trotz der anfänglichen Fürsprache Wilhelm Furtwänglers wurde seine Situation in Deutschland unhaltbar. 1938 emigrierte er in die Schweiz und 1940 endgültig in die USA, wo er eine Professur für Musiktheorie und Komposition an der Yale University annahm. Er wurde 1946 amerikanischer Staatsbürger. In den USA erlebte er eine weitere produktive Schaffensperiode als Komponist, Dirigent und Pädagoge. 1953 kehrte er nach Europa zurück und wurde Professor an der Universität Zürich, blieb aber weiterhin weltweit als Dirigent und Komponist aktiv. Paul Hindemith starb am 28. Dezember 1963 in Frankfurt am Main.
Werk
Hindemiths umfangreiches Œuvre umfasst fast alle Gattungen und spiegelt eine bemerkenswerte stilistische Entwicklung wider. Seine frühen Werke (bis etwa 1922) zeigen noch Einflüsse des Expressionismus und gelegentlich der Atonalität, oft mit einer impulsiven, bisweilen provokanten Energie (z.B. die Opern *Mörder, Hoffnung der Frauen* oder *Das Nusch-Nuschi*).
Ab Mitte der 1920er Jahre vollzog Hindemith eine Wende hin zu einem persönlichen „neoklassizistischen“ Stil, der sich durch eine klare, oft lineare und polyphone Satzweise auszeichnete, welche er selbst als „Neue Sachlichkeit“ bezeichnete. Charakteristisch sind eine erweiterte Tonalität, die jedoch die traditionelle Tonalität nicht vollständig aufgab, sowie eine meisterhafte Beherrschung des Kontrapunkts. Er griff auf barocke Formen wie Fuge, Passacaglia und Konzert zurück, füllte sie aber mit einer neuen, unverkennbaren musikalischen Sprache. Sein Verständnis von Musik gründete auf seinen eigenen, in der „Unterweisung im Tonsatz“ (1937–39) dargelegten harmonischen und melodischen Prinzipien, die er als „freie Tonalität“ beschrieb.
Wichtige Werke und Gattungen:
Das Konzept der Gebrauchsmusik ist untrennbar mit Hindemith verbunden. Es beschreibt Musik, die nicht primär für den Konzertsaal, sondern für spezifische, oft didaktische oder soziale Zwecke komponiert wurde, wie z.B. der *Plöner Musiktag* für Amateure und Laienmusiker. Damit zielte er auf eine Reintegration von Musik in den Alltag und eine Überwindung der Trennung zwischen Komponist und Publikum ab.
Bedeutung
Paul Hindemith zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Bedeutung lässt sich in mehreren Schlüsselbereichen zusammenfassen:
1. Erneuerer der Tonalität und des Kontrapunkts: Hindemith entwickelte eine einzigartige musikalische Sprache, die traditionelle Tonalität erweiterte und in eine „freie Tonalität“ überführte, ohne sich der Atonalität zu verschreiben. Er wird oft als „Bach des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, da seine Werke eine meisterhafte Beherrschung des Kontrapunkts und der linearen Stimmführung zeigen, die er in seinen theoretischen Schriften systematisch darlegte.
2. Pionier des Neoklassizismus: Er war neben Igor Strawinsky eine der führenden Figuren des Neoklassizismus. Er belebte klassische Formen und Gattungen mit einer frischen, modernen Perspektive und schuf eine klare, sachliche Ästhetik, die eine Gegenbewegung zu den emotionalen Exzessen des Spätromantik und Expressionismus darstellte.
3. Pädagoge und Theoretiker von Weltrang: Seine *Unterweisung im Tonsatz* und seine Lehrtätigkeit in Berlin, Yale und Zürich prägten Generationen von Komponisten und Musiktheoretikern. Er betonte die Bedeutung des musikalischen Handwerks und der intellektuellen Durchdringung musikalischer Strukturen, was zu einer neuen Wertschätzung der Komposition als Disziplin führte.
4. Konzept der Gebrauchsmusik: Obwohl manchmal missverstanden, war Hindemiths Engagement für die Gebrauchsmusik ein Versuch, die Kluft zwischen Kunstmusik und Alltag zu überbrücken und Musik wieder als integralen Bestandteil der Gesellschaft zu etablieren. Dies hatte weitreichende Auswirkungen auf die Musikpädagogik und das Laienmusizieren.
5. Künstlerische Integrität im Angesicht der Diktatur: Sein Widerstand gegen das NS-Regime und seine Emigration demonstrierten eine unerschütterliche künstlerische und moralische Integrität, die ihn zu einem Symbol für die Freiheit der Kunst machte.
Die Rezeption Hindemiths war wechselhaft. Nach seiner Zeit als gefeierte Avantgardefigur und seiner politischen Ächtung erfuhr er nach dem Zweiten Weltkrieg eine Phase der kritischen Neubewertung, da sein Stil nicht immer mit den radikalen Tendenzen der seriellen Musik harmonierte. Dennoch bleibt sein umfangreiches und stilistisch kohärentes Œuvre ein unverzichtbarer und bleibender Beitrag zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, dessen technische Brillanz, intellektuelle Tiefe und Ausdruckskraft bis heute faszinieren.