Orlando di Lasso (auch Roland de Lassus oder Orlande de Lassus; * um 1532 in Mons, Grafschaft Hennegau; † 14. Juni 1594 in München) war eine der zentralen und prägendsten Figuren der europäischen Musik der Hochrenaissance.
Leben
Lassos frühes Leben ist von einer Mischung aus Legende und gesicherten Fakten geprägt. Schon als Kind zeigte er außergewöhnliches musikalisches Talent, insbesondere als Sänger, was Berichten zufolge zu mehreren Entführungen führte. Im Alter von etwa zwölf Jahren trat er in den Dienst des Vizekönigs von Sizilien, Ferrante Gonzaga, dem er nach Sizilien und später nach Mailand folgte. Diese frühen Reisen legten den Grundstein für seinen ausgeprägten Kosmopolitismus.
Seine musikalische Ausbildung setzte er in Italien fort, wo er rasch Karriere machte. Nach Stationen in Neapel und Rom, wo er 1553 im Alter von nur 21 Jahren zum Kapellmeister von San Giovanni in Laterano aufstieg, der wichtigsten Kathedrale Roms, begann sich sein Ruf in ganz Europa zu verbreiten. Dieser frühe Höhepunkt seiner Karriere in Rom war jedoch nur von kurzer Dauer; bereits 1554 verließ er die Stadt, um seine kranken Eltern zu besuchen, die er aber bereits tot vorfand.
1556 trat Lasso in den Dienst von Herzog Albrecht V. von Bayern in München, zunächst als Sänger in der Hofkapelle. Sein außergewöhnliches Können und seine musikalische Weitsicht führten dazu, dass er bereits 1563 zum Hofkapellmeister ernannt wurde, eine Position, die er bis zu seinem Tod innehatte. Der Münchner Hof wurde unter seiner Leitung zu einem der bedeutendsten Musikzentren Europas. Lasso unternahm zahlreiche Reisen im Auftrag des Herzogs, um Musiker zu rekrutieren, Noten zu beschaffen und diplomatische Beziehungen zu pflegen, wodurch sein Netzwerk und sein Einfluss weiter wuchsen.
Trotz seines immensen Erfolgs und Ansehens, das ihm auch einen Adelstitel des Kaisers Maximilian II. und eine päpstliche Auszeichnung einbrachte, litt Lasso in seinen späteren Jahren unter Perioden tiefgreifender Melancholie. Er starb 1594 in München und hinterließ ein musikalisches Erbe von unvergleichlicher Größe und Vielfalt.
Werk
Orlando di Lassos Werkkatalog ist mit über 2.000 überlieferten Kompositionen schlichtweg gigantisch und umfasst nahezu jede musikalische Gattung seiner Zeit. Seine Musik zeichnet sich durch eine bemerkenswerte stilistische Breite und Tiefe aus, die die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen und Ausdrucksformen ergründet.
Geistliche Musik
Ein Großteil seines Schaffens widmete sich der geistlichen Musik. Hierzu zählen über 60 Messen, rund 100 Magnificat-Vertonungen, Passionen, Lamentationen und unzählige Hymnen und Motetten. Besonders seine Motetten, die mehr als die Hälfte seiner erhaltenen Werke ausmachen, offenbaren Lassos Meisterschaft in der Textausdeutung. Er verstand es, theologische Inhalte und emotionale Nuancen des Textes durch expressive Harmonik, chromatische Wendungen und eine subtile Polyphonie in Musik zu übersetzen. Meisterwerke wie die Prophetiae Sibyllarum mit ihren avantgardistischen chromatischen Experimenten oder die tiefgründigen Bußpsalmen Davids zeugen von seiner innovativen Kraft.
Weltliche Musik
Lasso war ebenso versiert in der weltlichen Musik, wo er in den drei dominierenden europäischen Sprachen seiner Zeit – Italienisch, Französisch und Deutsch – komponierte:
Lassos Stil ist ein Synthese der musikalischen Traditionen Europas: Er verband die kontrapunktische Meisterschaft der franko-flämischen Schule mit der expressiven Leidenschaft und der Klarheit der italienischen Musik. Seine Musik ist reich an Textausdeutung (Text-Painting), dynamischen Kontrasten und harmonischer Kühnheit, die oft die Grenzen des konventionellen Modalsystems auslotete.
Bedeutung
Orlando di Lasso gilt neben Giovanni Pierluigi da Palestrina und Tomás Luis de Victoria als einer der drei großen „Triumvirn“ der Musik der Hochrenaissance. Seine Bedeutung für die Musikgeschichte ist immens:
Lassos Musik fasziniert bis heute durch ihre Schönheit, ihre intellektuelle Tiefe und ihre zutiefst menschliche Ausdruckskraft. Sie ist ein Eckpfeiler des Repertoires der Renaissance und ein Zeugnis für das höchste künstlerische Schaffen dieser Epoche.