Leben und Entstehung
Das berühmte 'Adagio g-Moll' ist eines der größten Rätsel und gleichzeitig eine der erfolgreichsten Schöpfungen der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts. Es wird weithin dem venezianischen Barockkomponisten Tomaso Giovanni Albinoni (1671–1751) zugeschrieben, doch die wahre Entstehungsgeschichte ist eine gänzlich andere.Albinoni war zu seiner Zeit ein hochgeschätzter Komponist von Opern, Konzerten und Sonaten, der sich als Dilettant – also nicht als festangestellter Musiker – einen Namen machte. Seine Werke, insbesondere seine Oboenkonzerte, zeichnen sich durch melodische Erfindungsgabe und formale Eleganz aus.
Die Geschichte des 'Adagios' beginnt jedoch nicht im 18. Jahrhundert, sondern im Jahr 1958, als der italienische Musikwissenschaftler und Albinoni-Biograph Remo Giazotto (1910–1998) das Werk veröffentlichte. Giazotto behauptete, das Adagio basierend auf einem angeblichen musikalischen Fragment von Albinoni komponiert zu haben, das er in der während des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigten Sächsischen Landesbibliothek in Dresden gefunden haben wollte. Dieses Fragment, so Giazotto, sei lediglich eine Basslinie und sechs Takte eines Melodiethemas gewesen. Aus diesen wenigen Noten will er das gesamte Adagio rekonstruiert und vervollständigt haben.
Die Musikwelt nahm die Geschichte zunächst weitgehend an. Jedoch wurde bis heute kein einziges dieser Fragmente in Dresden oder anderswo gefunden. Die Forschung ist sich heute einig, dass es sich bei Giazottos Darstellung um eine Fiktion handelt und das 'Adagio g-Moll' vollständig seiner eigenen Feder entstammt. Es ist somit eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts, die im Stile des venezianischen Barock gehalten ist, aber keine authentische Komposition Albinonis darstellt.
Werk und Eigenschaften
Das 'Adagio g-Moll' ist in seiner Wirkung unbestreitbar fesselnd und emotional tiefgründig. Es ist typischerweise für Streicher und Orgel oder Basso Continuo instrumentiert, wobei die Orgel mit ihren tiefen, schwebenden Akkorden eine wesentliche Rolle in der Erzeugung der melancholischen und feierlichen Atmosphäre spielt.Musikalisch zeichnet es sich durch folgende Eigenschaften aus:
Obwohl das Adagio den Anschein eines Barockwerks erweckt, ist es eher als ein meisterhaftes Pastiche oder ein neo-barockes Werk zu klassifizieren. Giazotto hat den Stil Albinonis und der venezianischen Schule derart überzeugend imitiert und gleichzeitig mit einer dem 20. Jahrhundert eigenen emotionalen Tiefe und orchestralen Dichte versehen, dass es von vielen als authentisch empfunden wird.