Leben und Entstehung
Georg Friedrich Händels Oper *Alcina* (HWV 34) entstand im Jahre 1735, einer Zeit intensiven Wettbewerbs und künstlerischer Herausforderungen für den Komponisten in London. Händel war am King's Theatre und später am Royal Opera House, Covent Garden, tätig und stand in direkter Konkurrenz zur „Opera of the Nobility“, was die Londoner Opernszene in den 1730er Jahren prägte. *Alcina* ist die dritte von drei Opern, die Händel in dieser Saison für Covent Garden komponierte, zusammen mit *Ariodante* und *Orlando*, die ebenfalls auf Episoden aus Ludovico Ariostos Epos *Orlando furioso* basieren.
Das Libretto zu *Alcina* ist die Bearbeitung eines älteren italienischen Textes von Riccardo Broschi und konzentriert sich auf die Geschichte der Zauberin Alcina. Es wurde für Händel vermutlich von einem anonymen Bearbeiter angepasst. Die Uraufführung fand am 16. April 1735 im Royal Opera House, Covent Garden, statt. Trotz anfänglichen Erfolges mit insgesamt 18 Aufführungen in dieser Saison, verschwand die Oper – wie viele andere von Händel – nach seinem Tod für lange Zeit von den Spielplänen, was auch auf die sich wandelnden musikalischen Geschmäcker des Londoner Publikums und Händels Hinwendung zum Oratorium zurückzuführen war.
Werk und Eigenschaften
*Alcina* ist ein herausragendes Beispiel für das barocke *Dramma per musica* und verbindet dramatische Tiefe mit virtuoser musikalischer Ausgestaltung. Die Handlung dreht sich um die Zauberin Alcina, die auf ihrer Insel verirrte Ritter verführt und sie in Tiere, Steine oder Pflanzen verwandelt, sobald sie ihrer Liebe überdrüssig wird. Der Ritter Ruggiero ist ihr jüngstes Opfer, doch seine Verlobte Bradamante, als Mann verkleidet, macht sich auf die Suche nach ihm. Zusammen mit Melisso, Ruggieros ehemaligem Mentor, und dem jungen Oberto, dessen Vater ebenfalls von Alcina verzaubert wurde, versucht sie Ruggiero zu befreien und Alcinas Zauber zu brechen.
Händel zeichnet in *Alcina* ein nuanciertes psychologisches Porträt der Charaktere. Alcina ist nicht die rein böse Figur; ihre Arien wie „Ah! mio cor!“ offenbaren eine verletzliche Frau, die am Verlust ihrer Liebe zerbricht. Ruggieros Arien spiegeln seine Entwicklung von Verzauberung („Mi lusinga il dolce affetto“) über die allmähliche Wiedererlangung seiner Erinnerung bis hin zur entschlossenen Rückkehr zu Bradamante („Sta nell'ircana“). Die Rolle der Morgana, Alcinas Schwester, sorgt für komische und tragische Momente gleichermaßen mit ihrer verspielten Arie „Tornami a vagheggiar“, die zu den bekanntesten Stücken der Oper zählt.
Musikalisch ist *Alcina* reich an Abwechslung: Neben den obligatorischen Secco-Rezitativen finden sich dramatische Accompagnato-Rezitative, die die emotionalen Höhepunkte unterstreichen. Die Da-capo-Arien sind virtuos und fordern den Sängern höchste technische und expressive Fähigkeiten ab. Händel integriert zudem Balletteinlagen und Chöre, was die theatrale Wirkung verstärkt und der Oper eine besondere Lebendigkeit verleiht. Die Instrumentierung ist farbenreich und innovativ, mit eindringlichen Effekten, die die magische Atmosphäre der Insel und die Gefühlswelt der Charaktere untermalen.
Bedeutung
*Alcina* wird heute als eine der größten italienischen Opern Händels und als ein Meisterwerk der Barockoper gefeiert. Sie demonstriert Händels unübertroffene Fähigkeit, komplexe menschliche Emotionen durch Musik darzustellen und dramatische Tiefe mit vokaler Brillanz zu verbinden. Die Oper war, wie viele von Händels italienischen Opern, nach seinem Tod lange Zeit vergessen und wurde erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Seit ihrer Wiederbelebung, insbesondere in den 1960er Jahren, hat sie sich einen festen Platz im Repertoire erobert und gehört heute zu den am häufigsten aufgeführten Händel-Opern.
Ihre musikalische Komplexität, die psychologische Glaubwürdigkeit der Charaktere und die virtuosen Anforderungen an die Sänger machen *Alcina* zu einem anspruchsvollen, aber lohnenden Werk für Interpret und Publikum gleichermaßen. Sie bleibt ein leuchtendes Beispiel für die Ausdruckskraft der Barockoper und für Georg Friedrich Händels anhaltendes Genie, das weit über seine eigene Zeit hinauswirkt.