Leben

Étienne Nicolas Méhul (1763–1817) war eine zentrale Figur der französischen Oper zu Beginn des 19. Jahrhunderts, bekannt für seinen ernsten, oft heroischen Stil, der ihn zu einem Vorläufer der Romantik machte. Seine Werke zeichneten sich durch dramatische Kraft, innovative Harmonik und eine tiefe emotionale Ausdruckskraft aus, die ihn zu einem Lieblingskomponisten Napoleons werden ließ. Er war ein Zeitgenosse von Cherubini und Spontini und trug maßgeblich zur Entwicklung der Opéra Comique bei, auch wenn seine ernsteren Dramen wie „Euphrosine et Coradin“ oder „Ariodant“ sein Hauptschaffen dominierten. „L'Irato“ stellt hier eine bemerkenswerte Ausnahme dar, indem es eine gänzlich andere Facette seines künstlerischen Schaffens beleuchtet.

Werk

Die Opéra-comique „L'Irato ou L'Emporté“ (Der Choleriker oder der Heißsporn) wurde am 17. Februar 1801 im Pariser Théâtre Feydeau uraufgeführt. Das Libretto stammte von Benoît-Joseph Marsollier des Vivetières, einem erfahrenen und produktiven Textdichter. Das Werk entstand angeblich in nur vierzehn Tagen und war eine Reaktion auf die Kritik, Méhul sei ausschließlich zu dramatischen und ernsten Stoffen fähig. Der Komponist selbst bezeichnete es als eine „Bagatelle musicale“ oder „petite pièce d'occasion“, um seine Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen.

Die Handlung ist bewusst leicht und komödiantisch: Der alte, jähzornige Phorbas versucht, die Liebe zwischen seinem Mündel Lysandre und der jungen Isabelle zu verhindern. Durch eine Reihe von Intrigen, Verwechslungen und dem Charme der Liebenden, typisch für das Genre der Opéra Comique, wird Phorbas' Starrsinn jedoch überwunden, und die Liebenden finden zusammen. Die Musik von „L'Irato“ unterscheidet sich deutlich von Méhuls üblichem ernsten, oft revolutionär anmutenden Stil. Sie ist von einer anmutigen Leichtigkeit, melodischer Klarheit und einem feinen musikalischen Humor geprägt. Die Arien und Ensembles sind gesanglich eingängig und von einer unbeschwerten Eleganz, die sowohl das Publikum als auch die Kritiker überraschte und begeisterte. Es ist ein Meisterstück des charmanten, unprätentiösen musikalischen Theaters, das beweist, dass Méhul auch im leichteren Fach ein Meister war und fähig, eine tiefgründige psychologische Komödie mit musikalischem Witz zu verbinden.

Bedeutung

„L'Irato ou L'Emporté“ hatte bei seiner Premiere einen durchschlagenden Erfolg und avancierte zu einer der populärsten Opern Méhuls. Ihr Erfolg war nicht nur eine persönliche Bestätigung für den Komponisten, sondern zeigte auch die Breite seines Genies. Das Werk widerlegte eindrucksvoll die Vorurteile gegen Méhuls angeblich ausschließliche Veranlagung zum Heroischen und Tragischen. Es demonstrierte, dass er auch eine subtile Komödie mit musikalischem Esprit und Charme gestalten konnte, die über das bloße Lustspiel hinausgeht und menschliche Schwächen liebevoll karikiert. „L'Irato“ ist nicht nur ein herausragendes Beispiel für die französische Opéra Comique der Zeit um 1800, sondern auch ein wichtiges Dokument für die Vielseitigkeit eines Komponisten, der oft auf seine ernsteren Werke reduziert wird. Es trug maßgeblich dazu bei, sein Ansehen als einer der führenden Opernkomponisten seiner Epoche zu festigen und wurde bis weit ins 19. Jahrhundert hinein regelmäßig aufgeführt. Seine anhaltende Beliebtheit zeugt von der zeitlosen Anziehungskraft seiner musikalischen Invention und des geistreichen Librettos, das sich nicht scheut, auch humorvolle Töne anzuschlagen.