# La Muette de Portici

Ein Meilenstein der Grand Opéra und ein Funke der Revolution

*La Muette de Portici* (Die Stumme von Portici), eine Grand Opéra in fünf Akten von Daniel-François-Esprit Auber, uraufgeführt am 29. Februar 1828 an der Pariser Oper, ist weit mehr als nur ein musikalisches Werk. Sie ist ein Schlüsselwerk der Operngeschichte und ein beispielloses Beispiel für die unmittelbare politische Wirkung von Kunst.

Der Komponist und seine Zeit

Daniel-François-Esprit Auber (1782–1871), eine zentrale Figur der französischen Musikszene des 19. Jahrhunderts, war ein Meister der Opéra-comique und einer der prägendsten Komponisten der aufkommenden Grand Opéra. Als Schüler von Luigi Cherubini und später als langjähriger Direktor des Pariser Konservatoriums verkörperte Auber den Pariser Musikgeschmack seiner Zeit. Seine Zusammenarbeit mit dem ungemein produktiven Librettisten Eugène Scribe (1791–1861) war der Grundstein für den überwältigenden Erfolg vieler seiner Opern, darunter eben auch *La Muette de Portici*. Scribe verstand es meisterhaft, historische Stoffe mit dramatischen Intrigen und starken Charakteren zu verbinden, was der Ästhetik der Grand Opéra entgegenkam.

Das Werk: Eine Revolution auf der Bühne

*La Muette de Portici* schildert die tragische Geschichte der stummen Fischerstochter Fenella vor dem Hintergrund des neapolitanischen Aufstands von 1647 gegen die spanische Vizekönigschaft. Fenella wird vom spanischen Prinzen Alfonso verführt und verlassen, was ihren Bruder, den Fischer Masaniello, dazu treibt, einen verzweifelten Aufstand anzuführen. Das Libretto von Scribe und Germain Delavigne ist ein Meisterwerk der Dramaturgie, das persönliche Tragödie mit nationaler Befreiung verknüpft.

Musikalisch zeichnet sich *La Muette de Portici* durch eine Reihe innovativer Merkmale aus:

  • Grandiose Inszenierung: Als frühes Beispiel der Grand Opéra setzte das Werk auf spektakuläre Chorszenen, Balletteinlagen, aufwendige Bühnenbilder und -maschinerie, die das Publikum in ihren Bann zogen.
  • Musikalische Dramatik: Aubers Partitur ist reich an dramatischen Rezitativen, eingängigen Arien und mitreißenden Ensembles. Besonders hervorzuheben ist der berühmte Chor "Amour sacré de la patrie" ("Heilige Liebe zum Vaterland"), der zur Hymne des neapolitanischen Widerstands in der Oper wird.
  • Fenellas Rolle: Die zentrale Figur der Fenella, die stumm ist und sich ausschließlich durch Pantomime ausdrückt, war eine kühne künstlerische Entscheidung. Sie erfordert von der Darstellerin eine außergewöhnliche mimische und gestische Ausdruckskraft und verleiht dem Werk eine zusätzliche Ebene der Empathie und Dramatik.
  • Orchester: Die reiche und effektvolle Orchestrierung unterstreicht die dramatischen und emotionalen Höhepunkte der Handlung und trägt maßgeblich zur Atmosphäre bei.
  • Die Bedeutung: Ein Opernwerk, das Geschichte schrieb

    Die historische und kulturelle Bedeutung von *La Muette de Portici* kann kaum überschätzt werden:

  • Wegbereiter der Grand Opéra: Das Werk etablierte das Genre der Grand Opéra und beeinflusste nachfolgende Komponisten wie Giacomo Meyerbeer, dessen eigene Grand Opéras später zu den erfolgreichsten gehörten. Es setzte Maßstäbe für die Kombination aus historischem Stoff, politischem Kommentar und visueller Opulenz.
  • Die Belgische Revolution: Die wohl berühmteste und folgenreichste Wirkung der Oper ereignete sich am 25. August 1830 in Brüssel. Eine Aufführung von *La Muette de Portici* im Théâtre Royal de la Monnaie, insbesondere das leidenschaftliche Duett "Amour sacré de la patrie", löste spontane Tumulte aus. Die Zuschauer verließen das Theater, schlossen sich Volksgruppen an, die bereits in der Stadt demonstrierten, und entzündeten den Funken der Belgischen Revolution, die zur Unabhängigkeit Belgiens von den Niederlanden führte. Dieses Ereignis ist ein einzigartiges Zeugnis für die unmittelbare und unvorhersehbare Kraft von Kunst, politische und soziale Veränderungen auszulösen.
  • Symbol für die Macht der Kunst: *La Muette de Portici* wurde zum Symbol für die Fähigkeit von Kunst, die Massen zu mobilisieren und politische Entwicklungen zu beeinflussen. Aufgrund ihres revolutionären Potentials wurde die Oper in einigen europäischen Städten, wie Wien oder Berlin, zeitweise verboten oder nur in zensierten Fassungen aufgeführt, was ihre Brisanz zusätzlich unterstreicht.
  • *La Muette de Portici* ist somit nicht nur ein prägnantes Beispiel für Aubers musikalisches Genie und Scribes dramaturgisches Können, sondern ein lebendiges Denkmal für die Epoche der Revolutionen und für die unvergängliche Resonanz, die Kunst in der Gesellschaft hervorrufen kann.