# Martha oder Der Markt zu Richmond
Leben und Kontext des Komponisten
Friedrich Adolf Ferdinand Flotow (1812–1883) war ein deutscher Komponist, der vor allem für seine Opern bekannt ist und eine wichtige Figur in der Entwicklung der deutschen Spieloper des 19. Jahrhunderts darstellt. Er verbrachte bedeutende Teile seiner Ausbildung und Karriere in Paris, was seinen Stil nachhaltig prägte. Flotows Musik ist gekennzeichnet durch eine fließende Melodik, die Elemente der französischen Opéra-comique, des italienischen Belcanto und des deutschen Singspiels geschickt miteinander verbindet. Er schuf eine Reihe von Bühnenwerken, doch keines erreichte die Popularität und den nachhaltigen Erfolg von „Martha oder Der Markt zu Richmond“.Die Entstehung von „Martha“ ist eng mit einer früheren Komposition Flotows verbunden: einer Ballettkantate namens „Lady Harriette“ oder „La servante de Greenwich“, die 1844 in Paris aufgeführt wurde. Das Libretto für die Opernfassung, die in deutscher Sprache verfasst wurde, stammt von W. Friedrich (einem Pseudonym für Friedrich Wilhelm Riese), der die Handlung auf Basis des französischen Ursprungstextes adaptierte und erweiterte.
Das Werk: Eine romantische Komödie
„Martha oder Der Markt zu Richmond“ ist eine romantisch-komische Oper in vier Akten, die am 25. November 1847 im Theater am Kärntnertor in Wien uraufgeführt wurde und sofort großen Erfolg feierte. Die Handlung spielt im England des 18. Jahrhunderts und dreht sich um die junge, gelangweilte Hofdame Lady Harriet Durham und ihre Vertraute Nancy.Aus Überdruss am höfischen Leben beschließen Lady Harriet und Nancy, inkognito als einfache Mägde den Jahrmarkt von Richmond zu besuchen. Dort lassen sie sich aus einer Laune heraus von den Bauern Lyonel und Plumkett für den jährlichen Dienstbotenmarkt anwerben – angeblich für ein Jahr. Als sie jedoch auf dem Bauernhof ankommen, versuchen sie sofort zu fliehen. Dank der Hilfe von Nancys Verehrer Lord Tristan, Lady Harriets Onkel, gelingt ihnen die Flucht in letzter Minute. Lyonel und Plumkett bleiben ratlos zurück, jedoch nicht ohne die gesetzliche Verpflichtung der beiden Frauen, die Mägde zu bleiben, in den Händen zu halten.
Im weiteren Verlauf der Oper begegnen sich die Paare wieder. Lady Harriet, die sich als „Martha“ ausgab, verliebt sich in Lyonel, der wiederum unerwartet als der rechtmäßige Erbe des Earl of Derby identifiziert wird. Doch die Standesunterschiede und die anfängliche Täuschung führen zu Missverständnissen und Herzschmerz. Lyonel, der sich verraten fühlt, verfällt dem Wahnsinn, und nur Lady Harriets tiefe Reue und der Versuch, die Situation rückgängig zu machen, führen zu einem versöhnlichen Ende. Sie kehrt, diesmal absichtlich verkleidet, auf den Markt zurück, um Lyonels Liebe zurückzugewinnen und sein Gedächtnis wiederherzustellen.
Musikalisch zeichnet sich „Martha“ durch eine Fülle eingängiger und oft lyrischer Melodien aus. Zu den bekanntesten Nummern gehören Lyonels Romanze „Ach! so fromm, ach! so traut“ (im Italienischen als „M'appari tutt'amor“ weltberühmt geworden) und die sentimentale Arie „Letzte Rose“ (Original „The Last Rose of Summer“ aus einer irischen Volksweise), die von Martha gesungen wird und zu einem ikonischen Moment der Oper avancierte. Auch Plumketts Jagdlied „Der Lenz ist gekommen“ und das Quartett „Blick’ auf mein Herz“ sind populär. Flotow gelingt es, eine reizvolle Mischung aus humorvollen Szenen, pastoraler Romantik und dramatischer Emotionalität zu schaffen, die das Publikum bis heute anspricht.
Bedeutung und Rezeption
„Martha oder Der Markt zu Richmond“ etablierte sich schnell als eine der populärsten und meistgespielten Opern des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Sie wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und auf den großen Opernbühnen Europas und Amerikas aufgeführt. Ihr Erfolg lag in der Kombination aus einer zugänglichen Handlung, charmanten Charakteren und vor allem Flotows unverkennbarem melodischem Genie, das eine Brücke zwischen der leichtfüßigen französischen Opéra-comique und der deutschen romantischen Oper schlug.Die Oper trug maßgeblich zur Etablierung des Genres der deutschen Spieloper bei, die sich durch gesungene Partien und gesprochene Dialoge auszeichnet. Sie demonstriert Flotows Fähigkeit, einfache, volksliedhafte Melodien mit anspruchsvollerer Opernmusik zu verbinden, was ihr eine breite Anziehungskraft verlieh. Insbesondere die Arien „Ach! so fromm“ und „Letzte Rose“ wurden zu Evergreens und sind bis heute auch außerhalb des Opernkontextes bekannt.
Obwohl die Gesamtpräsenz von „Martha“ im Repertoire des 20. Jahrhunderts etwas nachließ und sie gelegentlich als zu „leicht“ oder sentimental kritisiert wurde, erlebt sie doch immer wieder Neuinszenierungen und bleibt ein beliebter Titel, insbesondere für Opernhäuser, die ein breites Publikum ansprechen möchten. Ihre Bedeutung als ein herausragendes Beispiel der romantischen Spieloper und als Kulturgut des 19. Jahrhunderts ist unbestritten, und sie bleibt ein wichtiges Zeugnis für Flotows kompositorisches Schaffen.