Die Wesendonck-Lieder (Originaltitel: *Fünf Gedichte für eine Frauenstimme mit Klavierbegleitung*) sind ein Liederzyklus von Richard Wagner, entstanden in den Jahren 1857 und 1858 in Zürich. Sie zählen zu den wenigen nicht-operativen Werken Wagners und nehmen eine einzigartige Stellung in seinem Schaffen sowie in der gesamten romantischen Liedkunst ein.
Die Entstehung im Zürcher Exil
Richard Wagner lebte seit 1849 im Zürcher Exil, wo er freundschaftliche Beziehungen zu dem Kaufmann Otto Wesendonck und seiner Frau Mathilde pflegte. Die Familie Wesendonck stellte Wagner ein kleines Gartenhaus, das sogenannte „Asyl“, auf ihrem Grundstück am Zürichhorn zur Verfügung. In dieser intimen Umgebung entwickelte sich zwischen Wagner und Mathilde Wesendonck, einer hochgebildeten und kunstsinnigen Frau, eine tiefe geistige und emotionale Verbundenheit. Während Wagner an seinem monumentalen Opernzyklus *Der Ring des Nibelungen* arbeitete, geriet er in eine Schaffenskrise und unterbrach die Arbeit, um sich dem Stoff von *Tristan und Isolde* zuzuwenden. Parallel dazu vertonte er fünf Gedichte Mathilde Wesendoncks. Diese Lieder sind ein unmittelbares Zeugnis dieser persönlichen Ausnahmesituation und spiegeln die emotionalen Verstrickungen und künstlerischen Impulse der Zeit wider.Mathilde Wesendonck: Die Dichterin
Mathilde Wesendonck war selbst eine talentierte Dichterin und schriftstellerisch tätig. Ihre Gedichte sind von einer tiefen, mystisch-romantischen Naturfrömmigkeit und Sehnsucht geprägt, die Wagners eigene Gedankenwelt in dieser Phase seines Lebens kongenial entsprachen. Wagner selbst bezeichnete die Lieder als „Studien“ zu *Tristan und Isolde*, was die Bedeutung der Texte Mathildes für seine musikalische Entwicklung unterstreicht. Die fünf vertonten Gedichte sind: 1. Der Engel 2. Stehe still! 3. Im Treibhaus (Studie zu *Tristan und Isolde*) 4. Schmerzen 5. Träume (Studie zu *Tristan und Isolde*)Das Werk: Fünf Lieder – Eine musikalische Brücke
Ursprünglich für Frauenstimme und Klavier komponiert, offenbaren die Wesendonck-Lieder eine für Wagner ungewöhnlich intime und kammermusikalische Faktur. Die musikalische Sprache ist jedoch zutiefst Wagnerianisch: Die Harmonik ist von einer damals unerhörten Chromatik und kühnen Modulationen geprägt, die weit über die konventionelle Liedbegleitung hinausgeht. Der Klavierpart ist eigenständig und hochkomplex, oft mit der obligaten Orchesterbehandlung in Wagners Opern vergleichbar. Die Gesangslinien entfalten eine „unendliche Melodie“ im Kleinen, reich an Ausdruck und seelischer Tiefe.Besondere Beachtung verdienen die Lieder *Im Treibhaus* und *Träume*, die Wagner explizit als Studien zu *Tristan und Isolde* bezeichnete. *Im Treibhaus* nimmt in seiner düsteren, sehnsüchtigen Stimmung und seinen harmonischen Vorgriffen deutlich das Vorspiel zum dritten Akt von *Tristan* vorweg. *Träume* wiederum ist ein direktes klangliches Zitat und eine Vorwegnahme des Liebesduetts im zweiten Akt des *Tristan*. Wagner selbst instrumentierte *Träume* 1857 für Violine und kleines Orchester zur Aufführung unter dem Fenster Mathildes, was die persönliche Dimension des Werks weiter unterstreicht. Die heute meistgespielte Orchesterfassung des gesamten Zyklus stammt von Felix Mottl (1893) und hat maßgeblich zur Popularität und Rezeptionsgeschichte der Lieder beigetragen.