Kontext und Entstehung

Edvard Griegs (1843–1907) Schauspielmusik zu Henrik Ibsens (1828–1906) dramatischem Gedicht „Peer Gynt“ stellt einen Höhepunkt der norwegischen Kunst des 19. Jahrhunderts dar. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Giganten der norwegischen Kultur begann 1874, als Ibsen Grieg mit der Komposition der Bühnenmusik für die erste Inszenierung seines 1867 veröffentlichten Stücks beauftragte. Grieg, der sich zunächst von der Aufgabe überfordert fühlte – er bezeichnete das Projekt als „undankbar“ und Ibsens Dichtung als „äußerst unsymphatisch für Musik“ –, nahm die Herausforderung schließlich an. Die Komposition, die er in den Jahren 1874 und 1875 schuf, umfasste ursprünglich 26 Nummern, darunter Chöre, Tänze, Rezitative und rein orchestrale Sätze.

Das Werk in seiner ursprünglichen Form

Die Uraufführung des Dramas mit Griegs Musik fand am 24. Februar 1876 in Christiania (heute Oslo) statt und war ein triumphaler Erfolg. Die Musik war integraler Bestandteil der Inszenierung, diente der atmosphärischen Untermalung, der Charakterisierung und der dramatischen Zuspitzung. Von zarten lyrischen Momenten bis hin zu grotesken und dramatischen Szenen reichte das Spektrum. Obwohl Griegs Bedenken hinsichtlich der Vertonbarkeit einzelner Szenen begründet waren, gelang es ihm, eine Klangwelt zu schaffen, die Ibsens komplexes Werk kongenial ergänzte und ihm eine neue Dimension verlieh. Die musikalische Sprache oszillierte zwischen norwegischen Volksweisen, romantischer Lyrik und suggestiver Programmmusik.

Die Orchestersuiten: Eine neue Rezeption

Da die vollständige Schauspielmusik in ihrer ursprünglichen Form nur selten außerhalb des Theaterkontexts aufgeführt werden konnte, traf Grieg die wegweisende Entscheidung, Auszüge zu zwei Orchestersuiten zusammenzustellen, die schnell weltweite Berühmtheit erlangten und die Rezeption des Werkes maßgeblich prägten:

  • Peer Gynt Suite Nr. 1, op. 46 (1888):
  • * Morgenstimmung: Eine pastorale Einleitung, die mit ihren sanften Holzbläserklängen und der aufsteigenden Melodie die Idylle eines Sonnenaufgangs im Gebirge evoziert. Sie ist ein Paradebeispiel für Griegs Fähigkeit, Naturimpressionen musikalisch umzusetzen. * Åses Tod: Eine tief ergreifende Elegie, die den Tod von Peers Mutter Åse schildert. Durch ihre reduzierte Instrumentation (gedämpfte Streicher) und die schlichte, doch unendlich traurige Melodie erreicht sie eine berührende Intensität und universelle Ausdruckskraft. * Anitras Tanz: Ein exotischer und graziler Tanz, der Anitras Verführung Peers musikalisch nachzeichnet. Orientalisch anmutende Melodien und rhythmische Eleganz prägen diesen Satz. * In der Halle des Bergkönigs: Ein crescendoartiger, grotesker Marsch, der Peer Gynts Begegnung mit den Trollen im Reich des Bergkönigs darstellt. Beginnend mit einem einfachen Motiv und leiser Dynamik, steigert sich das Stück rasant in Tempo, Lautstärke und Instrumentierung zu einem wilden, bedrohlichen Finale. Es ist ein Meisterwerk der musikalischen Dramaturgie und des kompositorischen Aufbaus.
  • Peer Gynt Suite Nr. 2, op. 55 (1893):
  • * Der Brautraub / Ingrids Klage: Dramatische Musik, die den Brautraub durch Peer Gynt und Ingrids anschließende Klage musikalisch schildert. * Arabischer Tanz: Eine lebhafte, farbenreiche Szene, die Peers Abenteuer in der Wüste illustriert. * Peer Gynts Heimkehr / Sturm auf hoher See: Eine musikalische Darstellung der stürmischen Heimreise Peers, geprägt von dramatischer Chromatik und dynamischen Kontrasten. * Solveigs Lied: Ein zutiefst lyrisches und melancholisches Lied, das Solveigs unerschütterliche Treue und ihre Sehnsucht nach Peer ausdrückt. Die einfache, aber tief empfundene Melodie ist zu einem Symbol für bedingungslose Liebe geworden.

    Bedeutung und Rezeption

    Edvard Griegs Schauspielmusik zu „Peer Gynt“ hat die Musikgeschichte nachhaltig geprägt. Sie etablierte Grieg als einen der führenden Komponisten der europäischen Romantik und festigte seinen Ruf als Protagonist der norwegischen Nationalromantik. Die Verschmelzung von volksmusikalischen Elementen mit klassisch-romantischen Formen, die suggestive Orchestrierung und die Fähigkeit, tiefe Emotionen und dramatische Handlungen in Musik zu übersetzen, machten das Werk zu einem zeitlosen Meisterwerk.

    Die Suiten haben ihren Ursprung im Bühnenwerk weit hinter sich gelassen und führen ein eigenständiges Leben in den Konzertsälen der Welt. Ihre Popularität ist ungebrochen; Stücke wie „Morgenstimmung“ und „In der Halle des Bergkönigs“ sind zu Ikonen der klassischen Musik geworden, die auch in Film, Fernsehen und Werbung weitreichende Verwendung finden. Sie zeugen von Griegs genialer Fähigkeit, universelle menschliche Erfahrungen und die Schönheit der nordischen Natur in einer unverwechselbaren musikalischen Sprache festzuhalten, die Menschen über Generationen und Kulturen hinweg berührt.