Leben und Entstehung
Igor Strawinskys Ballett „Apollon musagète“ entstand in den Jahren 1927 und 1928, einer Periode, die seinen künstlerischen Weg vom russisch-folkloristisch geprägten Expressionismus hin zum Neoklassizismus unumkehrbar festigte. Den Auftrag für das Werk erhielt Strawinsky von Elizabeth Sprague Coolidge, einer prominenten amerikanischen Mäzenin, für ein Musikfestival in der Library of Congress in Washington D.C. Die Uraufführung erfolgte am 27. April 1928 mit einer Choreographie von Adolph Bolm. Bedeutender für die Rezeptionsgeschichte wurde jedoch die überarbeitete Choreographie von George Balanchine, die nur wenige Wochen später in Paris mit den Ballets Russes unter Sergej Diaghilew Premiere feierte und die ikonische Interpretation des Werkes begründete.
Die Wahl des Stoffes – die Geburt des griechischen Gottes Apollon und sein Zusammentreffen mit den Musen Kalliope (Poesie), Polyhymnia (Mimik) und Terpsichore (Tanz) – unterstreicht Strawinskys Abkehr von den exotischen und oft eruptiven Themen seiner früheren Ballette. Er strebte nach einer universellen, zeitlosen Ästhetik, die sich an der klassischen Antike und der französischen Balletttradition des 17. und 18. Jahrhunderts orientierte. Die Instrumentation ausschließlich für Streichorchester war dabei eine bewusste Reduktion, die die Konzentration auf Linie, Form und rhythmische Präzision ermöglichte und eine Abkehr von der opulenten Farbenpracht seiner Frühwerke darstellte.
Werk und Eigenschaften
„Apollon musagète“ (Apollon, Anführer der Musen) ist ein Ballett in zwei Tableaux und zwölf Abschnitten, dessen musikalische Sprache von größter Eleganz und formaler Strenge geprägt ist. Strawinskys Neoklassizismus offenbart sich hier in Reinform:
Klangästhetik: Die ausschließliche Verwendung von Streichern schafft eine transparente, reine Klangwelt. Auf perkussive oder bläserne Schärfe wird verzichtet zugunsten einer subtilen Textur, die sowohl kammermusikalische Intimität als auch orchestrale Fülle entfaltet.
Diatonik und Klarheit: Im Gegensatz zur Chromatik der Spätromantik und den Dissonanzen seiner früheren Werke kehrt Strawinsky zu einer weitgehend diatonischen Sprache zurück. Die Melodien sind klar konturiert, oft kantabel und von einer lyrischen Schönheit, die dennoch frei von romantischer Sentimentalität ist.
Rhythmik: Die rhythmische Gestaltung ist präzise, aber weniger impulsiv als im „Sacre du Printemps“. Subtile Verschiebungen, federnde Akzente und die meisterhafte Behandlung von Synkopen schaffen eine schwebende Leichtigkeit und dynamische Spannung, die den Tänzer inspirieren, ohne ihn zu dominieren.
Formale Struktur: Das Werk ist in Anlehnung an barocke Suiten und Ballette aufgebaut. Individuelle Tänze (Pas de deux, Pas de trois, Variationen) wechseln sich ab, stets eingebettet in eine architektonisch durchdachte Gesamtform, die im „Pas d’action“ ihren Höhepunkt findet und in einer Apotheose mündet.
Thematische Ausrichtung: Die Musik reflektiert die Anmut und Würde der mythologischen Figuren. Sie begleitet die Geburt Apollons, seine Jugend, das gemeinsame Training mit den Musen und ihre spätere Himmelfahrt zum Parnass. Die Themen sind universell: Geburt, Kreativität, Führung und die Harmonie der Künste.
Bedeutung
„Apollon musagète“ ist ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts und ein epochales Manifest des Neoklassizismus, sowohl in der Musik als auch im Ballett. Seine Bedeutung manifestiert sich auf mehreren Ebenen:
Wegweisend für den Neoklassizismus: Das Ballett setzte einen entscheidenden Standard für Strawinskys neoklassizistische Phase und beeinflusste Generationen von Komponisten, die eine Rückbesinnung auf prä-romantische Formen, Klarheit und Objektivität suchten. Es zeigte, wie klassische Ästhetik in eine moderne Formsprache überführt werden kann, ohne nostalgisch zu wirken.
Balanchines „weißes Ballett“: George Balanchines Choreographie für „Apollon“ gilt als Meilenstein der modernen Ballettgeschichte. Sie etablierte das Konzept des „weißen Balletts“ (ballet blanc), das auf reine Bewegung, klare Linien und eine minimalistische Ästhetik setzt. Die Zusammenarbeit zwischen Strawinsky und Balanchine, die später viele weitere Werke hervorbrachte, begann hier und prägte das New York City Ballet nachhaltig.
Einfluss auf die Ballettästhetik: „Apollon musagète“ beeinflusste maßgeblich die Entwicklung des narrativen Balletts hin zu einem abstrakteren, musikalisch geprägten Tanz. Es lenkte den Fokus auf die Reinheit der Bewegung und die strukturelle Verbindung von Musik und Tanz, statt auf pompöse Bühnenbilder und dramatische Erzählstränge.
Stellung im Gesamtwerk: Neben Werken wie der „Symphonie in drei Sätzen“ und dem „Concerto for Piano and Wind Instruments“ bildet „Apollon musagète“ einen Eckpfeiler von Strawinskys neoklassizistischem Schaffen. Es ist ein Werk von zeitloser Schönheit, formaler Perfektion und intellektueller Tiefe, das Strawinskys Meisterschaft in der stilistischen Wandlungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellt und bis heute zu den meistaufgeführten Balletten zählt.