Roberto De Simone und die Neapolitanische Tradition

Roberto De Simone (geb. 1933) ist eine Schlüsselfigur des italienischen Musiktheaters, bekannt als Komponist, Regisseur, Musikwissenschaftler und Sammler von Liedern der neapolitanischen Volksmusik. Sein umfassendes Verständnis der reichen kulturellen und musikalischen Erbe Neapels prägte sein gesamtes Schaffen. De Simone war nicht nur daran interessiert, alte Traditionen zu bewahren, sondern sie auch neu zu interpretieren und in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen, wodurch er dem Theater eine neue Vitalität verlieh. Sein Wirken zeichnet sich durch eine tiefe Auseinandersetzung mit der Folklore, den Riten und den sozialen Realitäten des süditalienischen Raumes aus.

Das Werk: "La gatta Cenerentola"

"La gatta Cenerentola" (Die Katze Aschenputtel), uraufgeführt beim Spoleto Festival 1976, ist De Simones wohl berühmtestes und einflussreichstes Werk. Es ist eine "favola in musica" (musikalische Fabel) oder auch als "opera popolare" (Volksoper) bezeichnet, die auf einer der ältesten bekannten Aschenputtel-Versionen basiert: Giambattista Basiles gleichnamiges Märchen aus seiner Sammlung "Lo cunto de li cunti" (Das Märchen der Märchen) aus dem 17. Jahrhundert. Im Gegensatz zu den populäreren Versionen der Gebrüder Grimm oder Charles Perrault zeichnet Basiles neapolitanische Erzählung ein viel düstereres, komplexeres und sozialkritischeres Bild.

De Simone adaptierte Basiles Text nicht nur, sondern verwandelte ihn in ein opulentes Spektakel, das Elemente der Commedia dell'arte, des barocken Theaters, des Melodrams und der traditionellen neapolitanischen Canzone miteinander verschmilzt. Die Musik ist eine faszinierende Collage aus authentischen neapolitanischen Volksliedern, Wiegenliedern, Arbeitsliedern, Klageliedern und Tarantellen, die De Simone mit eigenen Kompositionen zu einer organischen Einheit verwob. Die Aufführungspraxis integriert Tanz, Gesang und gesprochenes Wort auf eine Weise, die die Grenzen zwischen den Genres aufhebt. Die Charaktere sind oft archetypisch überzeichnet, agieren aber in einem hochdramatischen Rahmen, der die sozialen Ungerechtigkeiten und die menschlichen Abgründe der Vorlage schonungslos offenbart.

Das Stück ist in neapolitanischem Dialekt gehalten, was seine Authentizität und regionale Verwurzelung unterstreicht, aber auch eine universelle Verständlichkeit durch die musikalische und szenische Sprache erreicht. Die "Gatta Cenerentola" selbst ist keine passive Figur, sondern eine aktive Akteurin ihres Schicksals, die durch Mord und List den Weg aus ihrer Knechtschaft sucht, bevor sie durch die Magie des Märchens erlöst wird.

Bedeutung und Nachhall

"La gatta Cenerentola" markiert einen Wendepunkt im italienischen Musiktheater und darüber hinaus. Es gelang De Simone, die akademische Welt und die Volkskultur miteinander zu versöhnen, eine Brücke zwischen Hoch- und Subkultur zu schlagen. Das Werk hat die Wiederentdeckung und Neubewertung der neapolitanischen Volksmusik und des Dialekttheaters maßgeblich gefördert. Es bewies, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität zu Werken von internationaler Relevanz führen kann.

Die Oper wurde nicht nur in Italien, sondern weltweit mit großem Erfolg aufgeführt und gilt als Meisterwerk des 20. Jahrhunderts, das die Kraft des Mythos und die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur durch eine einzigartige musikalische und theatralische Sprache erforscht. Ihre anhaltende Beliebtheit und regelmäßige Neuinszenierungen zeugen von ihrer zeitlosen Relevanz und ihrer Fähigkeit, Publikum immer wieder aufs Neue zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen über Themen wie soziale Hierarchien, Unterdrückung, Rache und Erlösung. "La gatta Cenerentola" ist somit nicht nur ein musikalisches Ereignis, sondern auch ein bedeutendes kulturelles Dokument, das die Seele Neapels und die universelle Anziehungskraft alter Geschichten einfängt.