Contretanz

Der Contretanz, oft auch Kontertanz oder aus dem Englischen als Country Dance adaptiert, stellt eine der prägendsten und wandlungsfähigsten Gesellschaftstanzformen des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts dar. Seine Entwicklung spiegelt nicht nur soziokulturelle Verschiebungen wider, sondern beeinflusste auch nachhaltig die musikalische Struktur und Ästhetik der Instrumentalmusik vom Spätbarock bis in die Frühromantik.

Entstehung und Verbreitung

Die Wurzeln des Contretanzes liegen in den ländlichen Volkstänzen Englands, den „Country Dances“, deren erste systematische Sammlung John Playford 1651 in "The English Dancing Master" veröffentlichte. Diese Tänze, ursprünglich für eine offene Anzahl von Paaren in verschiedenen Formationen (Reihen, Kreise, Quadrate) konzipiert, zeichneten sich durch ihre einfache, repetitive Struktur und einen spielerischen, oft interaktiven Charakter aus.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts fand der Country Dance seinen Weg nach Frankreich, wo er unter dem Namen „Contredanse“ (von "country dance" phonetisch adaptiert, fälschlicherweise oft als „gegenüber tanzend“ interpretiert) eine immense Popularität erlangte. Von dort aus verbreitete er sich rasch über ganz Europa, insbesondere in Deutschland und Österreich, und wurde zu einem festen Bestandteil höfischer Bälle und bürgerlicher Tanzveranstaltungen. In Frankreich entwickelte sich neben der ursprünglichen englischen Form der sogenannte „Contredanse française“ (oder „cotillon“), der oft in Quadrille-Form getanzt wurde und komplexere Figuren aufwies.

Musikalische und Choreographische Merkmale

Musikalisch ist der Contretanz typischerweise in einem schnellen bis moderaten Tempo gehalten, meist im geraden Takt (2/4, 4/4 oder alla breve) oder auch im 6/8-Takt. Die Form ist oft periodisch, basierend auf kurzen, eingängigen Phrasen, die wiederholt und variiert werden. Charakteristisch ist eine klare, harmonische Struktur und eine tendenziell homophone Satzweise, die der Tanzbarkeit und der leichten Erfassbarkeit der Melodie dient. Die Begleitung erfolgte meist durch kleinere Ensembles, oft mit Violine(n) als führendem Instrument, unterstützt durch Bassinstrumente und Tasteninstrumente.

Choreographisch zeichnet sich der Contretanz durch seine kollektive Natur aus. Statt einzelner Paare, die unabhängig voneinander tanzen, agieren die Tänzer in vorgegebenen Formationen, typischerweise zwei gegenüberliegenden Reihen („longways sets“) oder einem Quadrat („square sets“, wie in der Quadrille). Die Figuren umfassten Hände reichen, Drehungen, Vor- und Zurückgehen, Durchqueren und Platzwechsel, oft synchron von mehreren Paaren ausgeführt. Die Anweisung zu den Figuren erfolgte entweder durch einen Tanzmeister oder war den Tänzern im Vorfeld bekannt.

Bedeutung und Einfluss

Der Contretanz spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Instrumentalmusik. Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven integrierten Contretänze in ihre Suiten, Divertimenti und Tänze. Sie dienten oft als lebhafte Final-Sätze oder als eigenständige Sammlungen für gesellschaftliche Anlässe.

Besonders in der Klassik wurde der Contretanz zu einem Experimentierfeld für rhythmische Prägnanz und melodische Eingängigkeit. Mozart komponierte zahlreiche Contretänze (KV 101, 267, 462, 535, 603, etc.), die oft für größere Orchesterbesetzung ausgelegt waren und eine raffiniertere Instrumentation aufwiesen. Haydn und Beethoven nutzten ebenfalls die Form, teilweise als Vorbereitung für die spätere Entwicklung des deutschen Tanzes und des Ländlers, die wiederum dem Walzer den Weg ebneten.

Die Struktur des Contretanzes mit seinen wiederholten, variierten Abschnitten beeinflusste auch größere musikalische Formen. Die Idee von thematischer Entwicklung und Wiederholung in Rondo-Formen oder Sonaten-Sätzen lässt sich teilweise auf die repetitiven und doch variablen Choreographien der Tänze zurückführen.

Obwohl der Contretanz im 19. Jahrhundert durch den Walzer, die Polka und andere neue Modetänze an Popularität verlor, lebt sein Erbe in folkloristischen Tänzen, in der Quadrille und in den musikalischen Referenzen großer Komponisten weiter. Er bleibt ein faszinierendes Beispiel für die Wechselwirkung zwischen sozialer Praxis und musikalischer Innovation.