Wolfgang Amadeus Mozart, ein Name, der gemeinhin mit sublimer Schönheit und göttlicher Inspiration assoziiert wird, besaß auch eine zutiefst menschliche, bisweilen derbe Seite. Kaum ein Werk Mozarts illustriert dies prägnanter als der sechsstimmige Kanon „Leck mich im Arsch“, im Köchelverzeichnis als K. 233 geführt. Dieses kurze, doch musikhistorisch bedeutsame Stück ist weit mehr als eine Marginalie; es ist ein Schlüsseldokument für das Verständnis der Persönlichkeit des Komponisten und der musikalischen Kultur seiner Zeit.
Leben und Kontext
Die überlieferte Korrespondenz Mozarts, insbesondere seine berühmt-berüchtigten Briefe an seine „Bäsle“ Maria Anna Thekla Mozart, offenbaren einen Mann, der nicht nur von musikalischem Genie beseelt war, sondern auch eine ausgeprägte Vorliebe für Wortspiele, doppeldeutige Anspielungen und explizit skatologischen Humor pflegte. Diese private Seite des Komponisten, die im krassen Gegensatz zum späteren romantisierenden Bild des „himmlischen“ Mozarts steht, findet in seinen Gesellschaftskanonen einen musikalischen Ausdruck. Im 18. Jahrhundert war derbe Sprache, insbesondere unter Freunden oder in vertrauten Zirkeln, durchaus verbreitet und diente oft als Ventil für Spott, Frustration oder schlichtweg als Form des Amüsements, die von der höfischen Etikette befreit war.
Das Werk „Leck mich im Arsch“, K. 233
Der Kanon K. 233, vermutlich um 1782 entstanden, gehört zu einer Reihe solcher humoristischer oder scherzhafter Kanons, die Mozart für private Aufführungen oder den geselligen Gebrauch komponierte. Das Werk ist für sechs Singstimmen konzipiert und durchläuft eine prägnante, eingängige melodische Linie, die durch das Prinzip der Imitation eine polyphone Struktur erhält. Die musikalische Setzung ist, wie bei Mozart nicht anders zu erwarten, von höchster Präzision und Eleganz. Die harmonische Entwicklung und die Stimmenführung zeigen meisterhaftes kontrapunktisches Können, selbst bei dieser vermeintlich „einfachen“ Form. Die Kürze des Kanons – er besteht aus nur wenigen Takten, die sich wiederholen – unterstreicht seine konzise Ausdruckskraft.
Der zentrale Aspekt, der K. 233 seine besondere Stellung verleiht, ist sein Text: „Leck mich im Arsch“. Dieser Ausspruch, der in verschiedenen europäischen Sprachen als vulgärer Ausdruck der Missachtung oder der Provokation bekannt ist, wurde von Mozart ohne Umschweife verwendet. Die Authentizität des Textes ist durch handschriftliche Überlieferungen belegt, auch wenn spätere Herausgeber und Verlage aus Gründen der gesellschaftlichen Schicklichkeit häufig zensierte Versionen mit harmloseren Texten wie „Lasst froh uns sein“ oder „Nichts labt mich mehr als Wein“ verbreiteten. Diese Zensurversuche unterstreichen posthum die damals wie heute empfundene Schockwirkung des Originals und seine subversive Kraft.
Bedeutung und Rezeption
Die Bedeutung des Kanons K. 233 reicht weit über seinen rein musikalischen Gehalt hinaus. Erstens dekonstruiert er das idealisierte Mozart-Bild und offenbart einen Künstler, der nicht nur die erhabensten menschlichen Gefühle zu vertonen vermochte, sondern auch vor der Darstellung des Derben und Irdischen nicht zurückschreckte. Es ist ein Zeugnis seiner künstlerischen Freiheit und seiner tiefen Verwurzelung im realen Leben, abseits jeglicher Verklärung.
Zweitens bietet das Werk einen wertvollen Einblick in die Alltagskultur und den Humor des 18. Jahrhunderts. Es zeigt, dass auch in einer Zeit, die oft als von strengen Sitten geprägt beschrieben wird, Raum für ungefilterte, unkonventionelle Ausdrucksformen existierte – zumindest in bestimmten sozialen Kontexten und privaten Kreisen.
Drittens wirft K. 233 Fragen nach der Ästhetik und der Trennung zwischen „Hochkultur“ und „Niederkultur“ auf. Dass ein Komponist von Mozarts Rang ein solches Werk schuf, fordert die Vorstellung heraus, dass Kunst stets erhaben oder moralisch rein sein müsse. Es demonstriert, dass auch das Vulgäre oder Provokante in den Händen eines Genies zu einem musikalisch anspruchsvollen und historisch aufschlussreichen Werk werden kann.
Der Kanon „Leck mich im Arsch“ bleibt somit nicht nur ein Kuriosum, sondern ein faszinierendes Dokument, das die Komplexität und Vielschichtigkeit Wolfgang Amadeus Mozarts und seiner Epoche eindrucksvoll beleuchtet. Es erinnert uns daran, dass selbst die größten Genies menschlich waren – mit all ihren Facetten, ihrem Humor und ihren gelegentlichen Abweichungen von der Konvention.