Leben

Franz Schuberts „Beim Auszug in das Feld“ (D 70) entstand im Jahre 1815, einem der produktivsten Jahre im Leben des Komponisten, das auch als sein „Liederjahr“ bekannt ist. In diesem Jahr, im Alter von nur 18 Jahren, komponierte Schubert über 140 Lieder, zahlreiche Messen, Opernfragmente und Kammermusikwerke. Diese unglaubliche Schaffenskraft zeugt von seinem tiefen künstlerischen Impuls und seiner Fähigkeit, die verschiedensten poetischen Vorlagen in Musik zu fassen. Obwohl Schubert zu dieser Zeit noch als Hilfslehrer in der Schule seines Vaters tätig war, markiert 1815 den Beginn seiner systematischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Lied und seine allmähliche Abkehr vom Lehrberuf zugunsten einer freiberuflichen Existenz als Komponist. „Beim Auszug in das Feld“ reiht sich in diese frühe Schaffensphase ein, in der Schubert noch stark von den Konventionen seiner Zeit geprägt war, aber bereits seinen unverkennbaren melodischen Genius erkennen ließ.

Werk

Das Lied „Beim Auszug in das Feld“ ist eine Vertonung eines Textes, der Josef Wähner zugeschrieben wird. Der Titel und der Beginn des Textes – „Dem hohen Kaiser-Worte treu“ – verweisen auf das patriotische und loyale Thema der Dichtung, die den Auszug von Soldaten in den Krieg thematisiert, um dem Kaiser die Treue zu halten. Dies spiegelt den Zeitgeist der Restauration nach den Napoleonischen Kriegen wider, in dem die Loyalität zum Monarchen und der Zusammenhalt des Reiches eine zentrale Rolle spielten.

Schubert komponierte das Lied in G-Dur für Singstimme und Klavier. Es ist ein vergleichsweise einfaches, strophisches Lied, das jedoch durch seine Klarheit und Zielstrebigkeit besticht. Die musikalische Sprache ist schlicht, der Rhythmus oft marschähnlich, was dem Thema der militärischen Entschlossenheit und des Aufbruchs entspricht. Die Klavierbegleitung ist funktional und unterstützt die Singstimme, ohne sich in vordergründige Virtuosität zu verlieren. Harmonisch bewegt sich das Werk im Rahmen der damaligen Konventionen, doch Schuberts unnachahmliches Gespür für Melodie macht auch dieses scheinbar unspektakuläre Lied zu einem charakteristischen Zeugnis seiner frühen Kunst. Trotz der propagandistischen Textvorlage gelingt es Schubert, eine gewisse Ernsthaftigkeit und Würde zu vermitteln, die über die bloße Auftragsarbeit hinausgeht.

Bedeutung

„Beim Auszug in das Feld“ nimmt im Œuvre Schuberts eine interessante, wenn auch nicht zentrale Stellung ein. Es gehört nicht zu seinen oft aufgeführten Meisterwerken wie „Gretchen am Spinnrade“ oder „Erlkönig“, die ebenfalls aus dieser frühen Phase stammen. Dennoch ist es aus mehreren Gründen bedeutsam: Es zeigt die Bandbreite der Texte, mit denen sich der junge Schubert auseinandersetzte, und seine Fähigkeit, auch „Gelegenheitsdichtungen“ eine musikalische Form zu verleihen. Es ist ein wichtiges Dokument für das Verständnis des Liedschaffens im frühen 19. Jahrhundert, das neben den romantischen und lyrischen Texten auch patriotische und bürgerliche Themen umfasste.

Für die Schubert-Forschung ist D 70 ein Beleg für die unglaubliche künstlerische Entwicklung, die der Komponist in seinen jungen Jahren durchlief. Es offenbart, wie Schubert auch in scheinbar konventionellen Rahmen melodische und rhythmische Prägnanz erzielte. Obwohl das Lied heute seltener im Konzertsaal zu hören ist, bietet es einen wertvollen Einblick in die ästhetischen Präferenzen und sozialen Kontexte, die das frühe Schaffen des jungen Genies Franz Schubert mitprägten, bevor er sich den tiefgründigeren und universelleren Themen seiner späteren Werke zuwandte. Es ist ein frühes Echo der Zeit, gefiltert durch das unfehlbare musikalische Empfinden eines der größten Liedkomponisten der Musikgeschichte.