# Wolfgang Amadeus Mozart: Kanon 'O du eselhafter Peierl', KV 560a
Einleitung
Im umfangreichen Schaffen Wolfgang Amadeus Mozarts finden sich nicht nur die erhabenen Opern, Symphonien und Konzerte, die seinen Ruf als einen der größten Komponisten aller Zeiten begründeten, sondern auch zahlreiche kleinere Werke, die oft einen intimeren und unerwarteten Einblick in seine Persönlichkeit gewähren. Der dreistimmige Kanon 'O du eselhafter Peierl', katalogisiert als KV 560a (bzw. ursprünglich KV 559a), gehört zu diesen besonderen Zeugnissen. Er besticht durch seine musikalische Einfachheit und seinen skurrilen, ja geradezu obszönen Text, den Mozart, wie oft in seinen Kanons, selbst verfasst hat. Das Werk ist ein unverkennbares Beispiel für Mozarts unkonventionellen Humor und seine Bereitschaft, auch vor derben Ausdrücken nicht zurückzuschrecken, insbesondere im Kreis seiner engsten Freunde.
Entstehung und Kontext
Mozart komponierte 'O du eselhafter Peierl' wahrscheinlich um 1788 in Wien, einer Periode, in der er trotz finanzieller Schwierigkeiten und persönlicher Sorgen auch zahlreiche Gelegenheitswerke, darunter eine ganze Reihe von Kanons, schuf. Diese Kanons dienten oft der Unterhaltung im Freundeskreis, insbesondere bei Treffen im Hause der Familie Jacquin, mit der Mozart eng verbunden war. Gottfried von Jacquin, Sohn des Naturforschers Nikolaus Joseph von Jacquin, war ein enger Freund und Schüler Mozarts, und oft war es bei solchen Zusammenkünften Brauch, gemeinsam musikalische Späße zu treiben und kurze, eingängige Stücke zu komponieren.
Mozarts Hang zu derbem, oft auch scatologischem Humor ist wohlbekannt und dokumentiert, insbesondere in seinen berühmt-berüchtigten 'Bäsle-Briefen' an seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart. Diese Korrespondenz zeigt einen ungenierten, spielerischen und bisweilen provokanten Mozart, der sich jenseits der gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit bewegte. Die Kanons mit ihren deftigen Texten sind eine musikalische Entsprechung dieser privaten Ausdrucksweise. Sie gewähren einen direkten Einblick in eine Seite des Komponisten, die oft im Schatten seiner sakralen oder heroischen Werke steht.
Das Werk
Musikalische Form und Struktur
'O du eselhafter Peierl' ist ein Kanon für drei Stimmen (typischerweise Sopran, Alt, Tenor, oder beliebige Stimmlagen, die sich eignen). Musikalisch ist das Stück von entwaffnender Einfachheit. Es handelt sich um einen Kanon im Unisono oder in der Oktave, bei dem die nachfolgenden Stimmen die exakt gleiche Melodie wie die führende Stimme mit einem zeitlichen Versatz singen. Die Melodie selbst ist kurz, eingängig und von einer unkomplizierten, aber typisch mozartischen Eleganz. Trotz des provokanten Textes ist die musikalische Struktur makellos und zeugt von Mozarts unfehlbarem Gespür für Melodik und Kontrapunkt, selbst bei scheinbaren Bagatellen. Die Kürze des Stücks und seine repetitiven Elemente unterstreichen den Charakter eines musikalischen Witzes oder einer Momentaufnahme.
Der Text und seine Adressaten
Der berüchtigte Text, der von Mozart selbst stammt, lautet:
„O du eselhafter Peierl! O du dummer Peyerl! Dich verdienet wahrhaftig zu verbläuen! O du rechter Esel Peierl!”
Übersetzt bedeutet dies in etwa: „Oh du eselhafter Peierl! Oh du dummer Peierl! Du verdienst es wahrhaftig, verprügelt zu werden! Oh du wahrer Esel Peierl!“ Die Wiederholung des Namens 'Peierl' und die zunehmende Intensität der Beleidigungen sind charakteristisch für den derben Humor des Stückes.
Die Identität des 'Peierl' ist Gegenstand musikwissenschaftlicher Diskussionen. Die populärste Theorie besagt, dass der Kanon an den Hornisten Joseph Leutgeb (auch Leitgeb) gerichtet war, der ein Freund Mozarts war und häufig Zielscheibe seiner Späße war. Mozart verfasste für Leutgeb mehrere Hornkonzerte und kommentierte die Partituren oft mit humorvollen, teils auch erniedrigenden Bemerkungen. Eine andere Möglichkeit ist, dass 'Peierl' eine Variation des Namens Gottfried von Jacquin selbst war, der ebenfalls in Mozarts Kanons besungen wurde. Die Unklarheit über die genaue Zielperson trägt zum Legendenstatus des Kanons bei, ändert jedoch nichts an seiner Bedeutung als Zeugnis von Mozarts unverblümter Persönlichkeit.
Bedeutung und Rezeption
'O du eselhafter Peierl' ist mehr als nur ein kurzes, humoristisches Stück; es ist ein wichtiges Dokument für das Verständnis von Mozarts vielschichtiger Persönlichkeit. Es zeigt, dass der Schöpfer der 'Zauberflöte' und des 'Requiems' auch ein Mensch von Fleisch und Blut war, der sich nicht scheute, im privaten Kreis über die Stränge zu schlagen und einen derben Sinn für Humor zu pflegen. Dieses Stück stellt einen reizvollen Kontrast zu dem oft idealisierten Bild des göttlichen Genies dar und rückt Mozart als einen zutiefst menschlichen und nahbaren Künstler in den Vordergrund.
In der Rezeption hat der Kanon oft zu Irritationen geführt. In vielen Ausgaben von Mozarts Werken wurden solche Kanons entweder weggelassen, unter einem harmloseren Titel veröffentlicht (z.B. als 'O du lieber Augustin'), oder der Text wurde euphemisiert. Diese 'Reinigung' zeugt von der anhaltenden Schwierigkeit vieler Herausgeber und Interpreten, die ungeschminkte menschliche Seite des Komponisten zu akzeptieren. Heute jedoch wird der Kanon, wie auch andere ähnliche Werke Mozarts (z.B. 'Leck mich im Arsch', KV 231/382c), zunehmend als authentischer und wichtiger Bestandteil seines Gesamtwerks anerkannt. Er erinnert uns daran, dass Kunst und Leben, selbst im Falle eines Genies wie Mozart, untrennbar miteinander verbunden sind und dass die menschliche Natur in all ihren Facetten, einschließlich des Humors, einen Platz im künstlerischen Ausdruck finden kann.
Für Musikwissenschaftler und Liebhaber bietet 'O du eselhafter Peierl' einen tiefen Einblick in die privaten Welten und Freundschaften Mozarts, seine spontane Kreativität und die soziale Dynamik seiner Zeit. Es ist ein kleines, aber bemerkenswertes Werk, das die Grenzen zwischen dem Erhabenen und dem Profanen auf geniale Weise verschwimmen lässt und dadurch eine einzigartige Perspektive auf das Leben und Schaffen eines der größten Komponisten aller Zeiten ermöglicht.