# Johann Sebastian Bach – Ach Herr, mich armen Sünder, BWV 135

Leben

Johann Sebastian Bachs Kantate *Ach Herr, mich armen Sünder*, BWV 135, entstand in Leipzig im Jahr 1726 für den Dritten Sonntag nach Trinitatis. Sie gehört zu Bachs drittem Kantatenjahrgang, der eine Reihe von Choralkantaten umfasst, die systematisch die liturgischen Funktionen des Kirchenjahres bedienten. Diese Periode ist gekennzeichnet durch Bachs intensive Auseinandersetzung mit der protestantischen Choraltradition, wobei er diese in komplexen, mehrsätzigen Werken zu einer Synthese aus kontrapunktischer Meisterschaft und tiefgründiger theologischer Exegese führte. Die Schaffung solcher Choralkantaten war ein zentraler Bestandteil seiner musikalischen Pflichten als Thomaskantor, der wöchentlich neue Musik für die Hauptgottesdienste zu liefern hatte.

Werk

Die Kantate basiert auf dem gleichnamigen Kirchenlied von Cyriakus Schneegaß (1597), einer Paraphrase des 6. Psalms. Der unbekannte Librettist übernahm die erste und sechste Strophe des Chorals für die beiden großen Chorsätze, während die Binnenstrophen zu Rezitativen und Arien umgedichtet wurden. Das Werk ist sechssätzig angelegt und für vierstimmigen Chor (SATB), Solisten (SATB), zwei Oboen, Streicher (Violine I/II, Viola) und Basso continuo instrumentiert.

1. Coro: Der Eingangschor ist eine monumentale Choralfantasie in a-Moll. Die Choralmelodie wird kantus-firmus-artig in den Sopranen in langen Notenwerten präsentiert, während die Unterstimmen und das Orchester, insbesondere die Oboen, ein dichtes, leidenschaftliches polyphones Gewebe darüber weben. Die ausdrucksstarke Linienführung, oft von punktierten Rhythmen durchzogen, vermittelt eindringlich das Flehen des Sünders und die Qual der Selbstanklage. Die dissonanten Harmonien und die schmerzliche Chromatik unterstreichen die emotionale Tiefe des Textes. 2. Recitativo (Tenor): Ein kurzes Secco-Rezitativ, das die Bitte um Gnade fortsetzt und die eigene Unwürdigkeit betont. 3. Aria (Tenor): Die Arie "Tröstet, tröstet meine Sorgen" in C-Dur ist ein Wendepunkt. Begleitet von der Oboe I und dem Continuo, drückt sie trotz des inneren Konflikts eine Hoffnung auf Trost und Vergebung aus. Die musikalische Sprache ist hier lichter, die Melodik kantabler, wenngleich eine gewisse Schwermut noch nachklingt. 4. Recitativo (Alt): Ein weiteres Secco-Rezitativ, das die Verzweiflung über die Sündenlast thematisiert und die göttliche Vergebung erfleht. 5. Aria (Bass): Die Bass-Arie "Verbirg mein Herr und Gott dein Angesicht" in e-Moll, begleitet von Streichern und Continuo, ist ein dramatischer Höhepunkt. Sie ist geprägt von einer energischen, zuweilen fast zornigen musikalischen Sprache, die die existenzielle Angst vor Gottes Zorn und das verzweifelte Ringen um das Heil schildert. Die eindringlichen Streicherfiguren verstärken die Dramatik der Bitte. 6. Coro (Schlusschoral): Der abschließende Satz ist eine schlichte, vierstimmige Satzbearbeitung der letzten Choralstrophe ("Heiliger Geist, du Tröster mein"). In einem einfachen, homophonen Satz bekräftigt er den Glauben und das Vertrauen auf den Heiligen Geist als Beistand in der Not und mündet in eine zuversichtliche Doxologie. Dies steht im direkten Kontrast zur Komplexität des Eingangschores und bietet einen beruhigenden Abschluss nach den vorangegangenen emotionalen Turbulenzen.

Bedeutung

*Ach Herr, mich armen Sünder* ist ein herausragendes Beispiel für Bachs Meisterschaft in der Gattung der Choralkantate. Sie veranschaulicht seine Fähigkeit, ein theologisches Konzept – in diesem Fall die menschliche Sünde, Reue und die Hoffnung auf göttliche Gnade – nicht nur musikalisch zu illustrieren, sondern in eine tief spirituelle Erfahrung zu transformieren. Die Kantate demonstriert Bachs reife Beherrschung des Kontrapunkts und seine psychologische Einfühlung in den Text. Besonders bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Bach die alte Choralmelodie als Fundament nutzt und sie gleichzeitig durch die Fülle seiner musikalischen Mittel – von der polyphonen Dichte des Eingangschors bis zur innigen Arie – neu belebt und interpretiert. Das Werk ist ein Zeugnis von Bachs tiefem Glauben und seiner unvergleichlichen Fähigkeit, menschliche Affekte und theologische Inhalte in musikalische Strukturen zu gießen, die bis heute ihre Relevanz und emotionale Kraft bewahren.