# Bach, Johann Sebastian: Der Choralsatz 'Ärgre dich, o Seele, nicht'
Leben (Kontextualisierung)
Johann Sebastian Bach (1685–1750) schuf im Rahmen seiner umfassenden Tätigkeit als Kantor und Musikdirektor in Leipzig (ab 1723) ein Œuvre von unermesslichem Umfang und tiefer geistlicher Bedeutung. Als Thomaskantor war es seine primäre Aufgabe, für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste zu sorgen, was die Komposition zahlreicher Kantaten für das gesamte Kirchenjahr einschloss. Im Zentrum dieser Kirchenmusik stand oft der lutherische Choral, der als gesungene Glaubenslehre die Gemeinde direkt ansprach und den theologischen Kern der Predigt verstärkte. Bachs Beherrschung der Choralsatzkunst ist legendär und exemplarisch für seine Fähigkeit, geistliche Texte mit tiefgründiger musikalischer Sprache zu durchdringen.Werk (Analyse)
Der Choralsatz 'Ärgre dich, o Seele, nicht' ist ein bemerkenswertes Beispiel für Bachs Umgang mit überlieferten Kirchenliedern. Er verwendet die dritte Strophe des 1675 von Christian Weise verfassten Kirchenliedes 'Was fürchst du doch, o meine Seele'. Dieser Text richtet sich direkt an die Seele und mahnt sie zur Geduld und zum Vertrauen in Gott, auch wenn widrige Umstände sie zu erbittern oder zu entmutigen drohen:*„Ärgre dich, o Seele, nicht,* *Ob sich die Welt an dir vergreifet;* *Gott, der dem Bösen widersteht,* *Hat doch sein Ziel und End gesetzet.“*
Bach setzte diesen Text in mindestens zwei seiner Kantaten ein:
1. BWV 186, 'Ärgre dich, o Seele, nicht': Die Kantate wurde ursprünglich in Weimar (1716) komponiert und 1723 für Leipzig überarbeitet. Der Choralsatz bildet sowohl den 6. als auch den 11. und damit letzten Satz der Kantate. Hier erfüllt er die traditionelle Funktion des Schlusschorales, der die Gemeinde zur Betrachtung des zuvor Gehörten anleitet und eine tröstende, verinnerlichende Botschaft vermittelt. 2. BWV 107, 'Was willst du dich betrüben': In dieser Kantate aus dem Jahr 1723 erscheint der Satz als 7. und letzter Satz.
Musikalisch zeichnet sich der Choralsatz durch Bachs charakteristische Vierstimmigkeit (SATB) aus, die durch eine reiche und ausdrucksstarke Harmonik geprägt ist. Die Melodie der Oberstimme ist meist schlicht und kantabel, während die kunstvolle Führung der Mittel- und Unterstimmen eine harmonische Tiefe schafft, die den Textinhalt nuanciert ausdeutet. Bachs genaue Textbehandlung zeigt sich in der oft sanften, aber eindringlichen Diktion, die Trost und Zuversicht ausstrahlt, ohne die Ernsthaftigkeit der Seelenpein zu negieren. Er nutzt oft subtile chromatische Wendungen und dissonante Vorhalte, um eine emotionale Spannung zu erzeugen, die sich dann in konsonanten Akkorden auflöst und so die Botschaft der Erlösung und des Gottvertrauens musikalisch untermauert.