Leben und Entstehung
Johann Sebastian Bachs Johannespassion (BWV 245) wurde erstmals am Karfreitag, dem 7. April 1724, in der Nikolaikirche zu Leipzig aufgeführt. Bereits ein Jahr später, am 30. März 1725, präsentierte Bach eine zweite, erheblich revidierte Fassung in der Thomaskirche. Diese Revision erfolgte in einem Kontext, in dem Bach offenbar Zugang zu neuen Dichtungstexten hatte, möglicherweise von Christian Friedrich Henrici (Picander), der später sein Librettist für die Matthäuspassion werden sollte, sowie Elementen der Brockes-Passion. Die Gründe für die Überarbeitung waren vielschichtig: Neben liturgischen Anforderungen und der Verfügbarkeit neuer Textvorlagen spielten wohl auch ästhetische und theologische Erwägungen eine Rolle. Die zweite Fassung stellt einen bedeutenden, wenn auch nur vorübergehenden, Eingriff in die musikalische und dramatische Struktur des Werkes dar, wobei insbesondere die Arien und Chorsätze von den Änderungen betroffen waren. Bach ersetzte den monumentalen Eröffnungschor („Herr, unser Herrscher“) durch eine kürzere, aber nicht weniger eindringliche Arie für Bass („Himmel reiße, Welt erbebe“) und den Schlusschor durch einen anderen. Auch mehrere bestehende Arien wurden durch neue Kompositionen ersetzt oder musikalisch überarbeitet, was die 1725er Fassung zu einem eigenständigen Werk mit spezifischem Charakter macht.
Werk und Eigenschaften der Arien in dieser Fassung
Die Arien der Johannespassion dienen nicht nur als emotionale Kommentare zur Passionserzählung, sondern vertiefen auch die theologische Reflexion und ermöglichen den Gläubigen, sich persönlich mit dem Leiden Christi zu identifizieren. In der zweiten Fassung von 1725 zeigen die Arien besondere Merkmale, die sie von der bekannten ersten und späteren Versionen unterscheiden:
Radikale Eröffnungsarie: Anstelle des majestätischen Eröffnungschores tritt eine dramatische Bass-Arie, „Himmel reiße, Welt erbebe“, gefolgt von einem Sopran-Choral „O hilf, Christe, Gottes Sohn“. Diese Neuanlage verschiebt den Fokus des Beginns von der kollektiven Anbetung zu einer individuellen, expressiven Schilderung kosmischer Erschütterung, die direkt in das Passionsgeschehen einführt.
Einfügung neuer Arien: Einige der auffälligsten Änderungen betreffen die Neueinfügung von Arien an Stellen, wo zuvor andere musikalische Nummern standen. Beispiele hierfür sind:
* Die Tenor-Arie „Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel“ (nach Petri Verleugnung), die in ihrer Dramatik und expressiven Textvertonung das Seelendrama des reuigen Petrus intensiviert. Musikalisch zeichnet sie sich durch eine außerordentlich bildhafte und teilweise dissonante Klangsprache aus, die das Gefühl der Zerrissenheit und des Schmerzes eindrucksvoll widerspiegelt.
* Eine neue Sopran-Arie „Ach windet euch nicht so“ (oft als „Mein Jesu, ach! dein Schmerz“ bezeichnet) ersetzte die ursprüngliche Arie „Ich folge dir gleichfalls“. Diese Arie, die die Betrachtung von Jesu Leiden intensiviert, zeugt von Bachs Flexibilität in der musikalischen Ausdeutung.
Textliche Einflüsse: Die Texte der neuen Arien zeigen oft einen direkten Bezug zu den damals populären Passionsdichtungen, insbesondere der Brockes-Passion und Picanders frühen Werken. Dies führte zu einer direkteren, emotionaleren und teilweise bildhafteren Sprache, die Bach musikalisch genial aufgriff und vertiefte.
Instrumentation und Affekt: Bachs meisterhafte Instrumentation unterstreicht die Affekte der Arien. Die Verwendung spezifischer Instrumente (z.B. Oboe da caccia für elegische Töne, Flöten für pastorale oder klagende Momente) intensiviert die emotionale Wirkung und die theologische Aussagekraft der einzelnen Arien.
Formale Gestaltung: Viele Arien sind in der traditionellen Da-capo-Form gehalten, die Raum für virtuose Ausgestaltung und die Entwicklung komplexer musikalischer Gedanken bietet, jedoch durch rezitativische Einleitungen oder Zwischenspiele aufgelockert wird, um den dramatischen Fluss zu wahren.
Bedeutung
Die zweite Fassung der Johannespassion und ihre spezifischen Arien sind von immenser Bedeutung für das Verständnis von Bachs kompositorischem Denken und seiner Arbeitsweise. Sie belegen:
Bach als Revisionist: Die Fassung von 1725 zeigt, dass Bach nicht statisch komponierte, sondern seine Werke als lebendige Organismen betrachtete, die er den jeweiligen Aufführungsbedingungen, theologischen Strömungen und ästhetischen Vorstellungen anpasste. Die Johannespassion existiert in mehreren Fassungen, wobei die von 1725 die weitreichendsten und teils kühnsten Umgestaltungen der Arien aufweist.
Dramaturgische und theologische Experimentierfreude: Die Einführung neuer Arien, die teils sehr expressiv und bildhaft sind, deutet auf Bachs Bestreben hin, die Passionsthematik aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und eine spezifische emotionale Wirkung auf das Publikum zu erzielen. Die drastische Eröffnungsarie „Himmel reiße, Welt erbebe“ verändert beispielsweise die theologische Eingangsbetrachtung erheblich.
Quelle für musikwissenschaftliche Forschung: Da diese Fassung später von Bach selbst zugunsten der ursprünglichen oder einer Mischfassung (wie der von 1749) wieder verworfen wurde, bietet sie einzigartige Einblicke in Bachs kreative Prozesse, seine ästhetischen Entscheidungen und die Rezeptionsgeschichte seiner Werke. Sie ist ein Beweis für die ständige Evolution seiner musikalischen Sprache und theologischen Ausdeutung.
Klangliches Zeugnis einer Übergangsphase: Die Arien dieser Fassung repräsentieren eine besondere klangliche Momentaufnahme in Bachs Schaffen, die Elemente des Barock mit aufkommenden expressiveren Tendenzen verbindet. Ihre Wiederentdeckung und Aufführung in neuerer Zeit bereichern das Verständnis der Johannespassion als komplexes, vielschichtiges Werk, das weit über die populärste Fassung hinausgeht.