Leben und Entstehung
Als Thomaskantor in Leipzig von 1723 bis 1750 oblag Johann Sebastian Bach die verantwortungsvolle Aufgabe der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste in den Hauptkirchen der Stadt. Der Choral bildete dabei das unbestrittene Rückgrat des lutherischen Gottesdienstes – als Gemeindegesang, als Grundlage für größere Vokalwerke oder als schlichte, doch tiefgründige Conclusion einer Kantate. In diesem Kontext entstanden Hunderte von Bachs Choralharmonisationen, die er teils für konkrete Aufführungen komponierte, teils als Teil eines umfassenderen Kanons für den liturgischen Gebrauch zusammenstellte, der später oft als 'Choralbuch' bezeichnet wurde.
Die Choralsätze BWV 270 und BWV 271 basieren auf dem Lied „Als vierzig Tag nach Ostern waren“, dessen Text direkt auf die biblische Erzählung von Christi Himmelfahrt Bezug nimmt, die vierzig Tage nach dem Osterfest gefeiert wird. Die genaue Entstehungszeit dieser spezifischen Harmonisationen ist, wie bei vielen von Bachs Choralsätzen, nicht exakt datierbar. Sie fallen jedoch zweifellos in seine produktive Leipziger Periode, in der er unermüdlich musikalisches Material für die wöchentlichen Gottesdienste bereitstellte, sei es durch Neukompositionen oder die kunstvolle Bearbeitung bestehender Melodien und Texte.
Werk und Eigenschaften
Das Lied „Als vierzig Tag nach Ostern waren“ (EG 123) greift auf eine alte, ehrwürdige Choralmelodie zurück, die traditionell Johann Walter (1524) zugeschrieben wird. Bachs Behandlung dieser Melodie zeichnet sich durch seinen respektvollen Umgang mit der überlieferten Form bei gleichzeitiger Veredelung durch seine unvergleichliche Satzkunst aus. Die beiden Sätze, BWV 270 und BWV 271, sind klassische vierstimmige Harmonisationen für Sopran, Alt, Tenor und Bass (SATB).
Charakteristisch für Bachs Choralsätze ist die meisterhafte Stimmführung, bei der jede der vier Stimmen nicht nur eine harmonische Funktion erfüllt, sondern auch eine melodisch sinnvolle und organische Linie aufweist. Die Harmonisierungen sind reich, ohne jemals die Klarheit oder die der Melodie und dem Text dienende Funktion zu opfern. Bach gelingt es, durch subtile chromatische Wendungen, ausdrucksvolle Dissonanzen und kunstvolle Kadenzierungen eine tiefe theologische Reflexion und emotionale Resonanz zu erzielen, ohne die Singbarkeit und Verständlichkeit für die Gemeinde zu beeinträchtigen.
Obwohl es sich formal um verhältnismäßig kleine Werke handelt, demonstrieren BWV 270 und BWV 271 Bachs Fähigkeit, selbst in der knappsten Form höchste musikalische Kunstfertigkeit zu entfalten. Die Unterschiede zwischen den beiden Sätzen liegen in feinen Details der Stimmführung und Harmonisierung, die jeweils unterschiedliche Nuancen des zugrunde liegenden Textes hervorheben können und Bachs unerschöpflichen Einfallsreichtum belegen, selbst bei der wiederholten Bearbeitung derselben Melodie.
Bedeutung
Die Choralsätze „Als vierzig Tag nach Ostern waren“ sind von grundlegender Bedeutung für das Verständnis von Johann Sebastian Bachs Umgang mit dem Kernrepertoire des evangelischen Kirchengesangs. Sie sind exemplarisch für seine Rolle als Bewahrer und zugleich höchster Vollender der lutherischen Kirchenmusiktradition.
Über ihre primäre Funktion als praktische Beiträge zum Gottesdienst hinaus sind diese Sätze musikhistorisch bedeutsame Dokumente. Sie verdeutlichen Bachs kontrapunktische und harmonische Genialität und dienen bis heute als unerreichte Studienobjekte für Komponisten, Arrangeure und Musiktheoretiker. Sie offenbaren, wie Bach selbst einfache, bekannte Melodien durch seine Harmoniekunst zu Werken von tiefgründiger Schönheit und theologischer Aussagekraft erheben konnte.
Ihre schlichte Eleganz, gepaart mit einer tiefen spirituellen Ausdruckskraft, macht BWV 270 und BWV 271 zu berührenden Zeugnissen von Bachs Frömmigkeit und seiner unübertroffenen musikalischen Meisterschaft. Sie sind ein integraler Bestandteil des Bachschen Kanons und untermauern seinen unsterblichen Ruf als einer der größten Komponisten der Musikgeschichte.