Johann Sebastian Bach: Allabreve D-Dur, BWV 589

Das Allabreve D-Dur für Orgel, in der Bach-Werke-Verzeichnis (BWV) als Nummer 589 geführt, gehört zu jenen faszinierenden Kompositionen, die traditionell Johann Sebastian Bach zugeschrieben werden, deren Autorschaft jedoch bis heute von der Musikwissenschaft kontrovers diskutiert wird. Es repräsentiert eine Gattung von Werken, die stilistisch an die italienische und norddeutsche Tradition anknüpft und durch ihre strenge kontrapunktische Satzweise besticht.

Lebenskontext und Überlieferung

Das Allabreve D-Dur ist primär durch Abschriften überliefert, was oft ein Indiz für die Popularität eines Werkes, aber auch ein Faktor für die Unsicherheit bezüglich der genauen Autorschaft ist. Eine der wichtigsten Quellen ist eine Abschrift von Johann Nikolaus Mempell, einem Schüler Bachs. Obwohl solche Abschriften oft mit dem Namen Bachs versehen wurden, bedeutet dies nicht zwangsläufig seine Urheberschaft, da Bachs Schüler und seine Familie auch Werke anderer Komponisten oder eigene Kompositionen unter seinem Namen kopierten oder weitergaben. Die Entstehung, ob von Bach oder einem Zeitgenossen, fällt in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, eine Zeit, in der die Orgelmusik eine ihrer höchsten Blütezeiten erlebte und in der sich Bachs Stil zu seiner vollendeten Form entwickelte.

Musikalische Analyse und Form

Der Begriff 'Allabreve' (ital. 'alla breve') bezeichnet eine Taktart (2/2) mit nur zwei Halben Noten pro Takt, im Gegensatz zum 'alla semibreve' (4/4). Dies impliziert eine schnellere Zählung und oft einen gravitätischeren, schreitenden Charakter, der sich besonders gut für kontrapunktische und fugierte Sätze eignet. Das Allabreve D-Dur ist durch eine stringente polyphone Struktur gekennzeichnet, die Anklänge an ältere Stile der Vokalpolyphonie und der Instrumentalkontrapunktik aufweist.

Das Werk beginnt mit einem kräftigen, majestätischen Thema in D-Dur, das sich durch seine rhythmische Prägnanz und seine klare melodische Kontur auszeichnet. Der Satz ist durchweg imitatorisch gearbeitet, wobei das Thema durch verschiedene Stimmen geführt und motivisch verarbeitet wird. Die Harmonik ist klar und funktional, mit einem starken Fokus auf die Haupttonarten und deren unmittelbare Verwandtschaft. Auffällig ist die durchgängige Textur, die nur wenige Ruhepunkte bietet und den Hörer in einen Strom musikalischer Gedanken zieht. Die Dichte des Satzes und die konsequente Durchführung der kontrapunktischen Ideen sind kennzeichnend für die Qualität des Werkes, unabhängig von seinem Schöpfer.

Die Authentizitätsdebatte

Die Zweifel an Bachs Autorschaft des BWV 589 wurden im 20. Jahrhundert vehementer. Stilistische Argumente bilden hier den Kern der Diskussion:

  • Harmonische Besonderheiten: Einige Harmoniefolgen und Kadenzbildungen weichen von Bachs typischem idiom ab, insbesondere von seinen späteren, elaborierteren Werken. Es finden sich Wendungen, die für einige Forscher weniger raffiniert oder weniger charakteristisch für Bachs 'Handschrift' wirken.
  • Melodische Führung: Bestimmte melodische Wendungen und die Art der Themenentwicklung erscheinen manchen Musikwissenschaftlern als weniger originell oder typisch 'bachisch' im Vergleich zu seinen unzweifelhaft authentischen Werken.
  • Satztechnik: Obwohl das Werk meisterhaft kontrapunktisch ist, gibt es Argumente, die auf eine im Detail 'leichtere' oder weniger komplexe Satzweise hindeuten als in vielen anderen polyphonen Orgelwerken Bachs. Dies könnte auf einen jüngeren Bach oder einen Schüler hindeuten, der den Stil des Meisters nacheiferte.
  • Als mögliche Alternativautoren wurden verschiedene Namen vorgeschlagen, darunter Johann Christoph Altnickol (ein Schüler und Schwiegersohn Bachs) oder andere Komponisten aus dem Bach-Kreis, die den italienischen Stil pflegten. Es ist durchaus denkbar, dass es sich um eine Komposition handelt, die in der Tradition Bachs steht und von einem begabten Schüler oder einem Bewunderer seines Stils geschaffen wurde.

    Bedeutung und Rezeption

    Unabhängig von der finalen Klärung der Autorschaft – eine Aufgabe, die in vielen Fällen der Bach-Forschung eine Herausforderung bleibt – hat das Allabreve D-Dur, BWV 589, seinen festen Platz im Orgelrepertoire behauptet. Seine Qualität als kontrapunktisches Stück und seine musikalische Ausdruckskraft sind unbestreitbar. Es dient sowohl als Studienobjekt für angehende Organisten und Komponisten, die sich mit den Prinzipien des strengen Satzes auseinandersetzen, als auch als beeindruckendes Konzertstück, das die majestätische Klangfülle der Orgel voll zur Geltung bringt. Die Diskussion um seine Autorschaft lenkt zudem das Licht auf die komplexen Überlieferungsbedingungen der Musik des Barock und die Bedeutung der kritischen Quellenedition für unser Verständnis des musikalischen Kanons.