Leben und Kontext
Johann Sebastian Bach (1685–1750), der überragende Komponist des Barock, verbrachte den Großteil seines Lebens im Dienst der Kirche, zunächst als Organist und später als Kantor. Seine tiefe lutherische Frömmigkeit durchdrang sein gesamtes Schaffen und fand in seinen Vokal- und Orgelwerken, insbesondere in den Choralbearbeitungen, ihren reinsten Ausdruck. Das Choralvorspiel `Alle Menschen müssen sterben` (BWV 643) entstand während Bachs Weimarer Zeit (1708–1717), einer Phase intensiver Beschäftigung mit der Orgelmusik. Es ist Teil des sogenannten *Orgelbüchleins*, einer Sammlung von 46 kurzen Choralvorspielen, die Bach als pädagogisches Werk konzipierte, um "einem anfangenden Organisten Anleitung zu geben, allerhand Choral durchzuführen, anbey auch im Pedal studio fertil zu werden". Zugleich sind diese Stücke von unübertroffener künstlerischer und theologischer Tiefe.
Das Werk: BWV 643
Das Choralvorspiel BWV 643 basiert auf dem gleichnamigen Kirchenlied. Der Text stammt von Johann Georg Albinus d. Ä. (1652), die Melodie wird Jakob Hintze (1662) zugeschrieben. Das Lied ist eine ernste, aber hoffnungsvolle Meditation über die menschliche Sterblichkeit und die christliche Verheißung der Auferstehung.
Bach behandelt diese Thematik in BWV 643 mit einer bemerkenswerten musikalischen Subtilität. Die Choralmelodie wird unverziert und schlicht in der Sopranstimme präsentiert. Darunter weben Alt und Tenor kunstvolle Gegenstimmen, die oft als seufzende Figuren oder klagende Motive gedeutet werden können. Diese Stimmen schaffen eine Atmosphäre der stillen Resignation, die jedoch von einer tiefen, inneren Hoffnung durchdrungen ist. Die Bassstimme im Pedal legt ein festes, oft schreitendes Fundament, das die Ernsthaftigkeit des Themas untermauert.
Die Kürze des Stücks (es ist nur 27 Takte lang) steht in umgekehrter Proportion zu seiner emotionalen Dichte. Bachs Fähigkeit, in einem so kompakten Rahmen ein derart tiefgründiges Gefühl auszudrücken, ist beispielhaft. Er nutzt hier die volle expressive Kraft der Dissonanzen und ihrer Auflösungen, um das menschliche Ringen mit der Endlichkeit und den Trost des Glaubens musikalisch nachzuzeichnen. Die Transparenz des Satzes und die präzise Kontrapunktik führen zu einer musikalischen Verkörperung, die sowohl introspektiv als auch erhebend wirkt.
Bedeutung und Nachwirkung
`Alle Menschen müssen sterben` (BWV 643) ist mehr als ein bloßes Orgelstück; es ist eine theologische Aussage in Tönen. Es verkörpert die lutherische Auffassung vom Tod – als unausweichliche Realität, die jedoch im Licht der christlichen Auferstehungshoffnung betrachtet wird. Bachs Musik illustriert den Text nicht nur, sie vertieft ihn und verleiht ihm eine transzendente Dimension.
Das Choralvorspiel gilt als eines der ergreifendsten und meistgespielten Werke aus dem *Orgelbüchlein* und ist ein Musterbeispiel für Bachs Genialität im Genre der Choralbearbeitung. Es demonstriert seine unübertroffene Fähigkeit, eine einfache Gemeindemelodie in eine vielschichtige, musikalische Meditation zu verwandeln. Für Generationen von Musikern und Zuhörern hat BWV 643 die tiefgreifende spirituelle Kraft und künstlerische Perfektion von Bachs Schaffen bezeugt. Es bleibt ein zeitloses Meisterwerk, das bis heute zum Nachdenken anregt und Trost spendet.