Nun komm, der Heiden Heiland: Ein Fundament der Kirchenmusik

Leben und Ursprung

Das Kirchenlied „Nun komm, der Heiden Heiland“ ist eine deutsche Adaption des lateinischen Hymnus „Veni redemptor gentium“ (oder „Veni, redemptor gentium“), welcher dem Heiligen Ambrosius von Mailand (um 340–397 n. Chr.) zugeschrieben wird. Dieser ambrosianische Hymnus ist eines der ältesten erhaltenen liturgischen Lieder und gilt als ein Meisterwerk der frühchristlichen Dichtung. Er thematisiert das Geheimnis der Menschwerdung Christi und ist traditionell dem Advent zugeordnet.

Martin Luther übersetzte und adaptierte den lateinischen Text im Jahr 1523, um ihn dem deutschen Gemeindegesang zugänglich zu machen und ihn in den Kontext der Reformation zu stellen. Luthers Fassung, die in Johann Walters "Geistlichem Gesangbüchlein" (1524) erschien, behielt die theologische Substanz des Originals bei, vereinfachte aber die Sprache und passte sie dem volkssprachlichen Verständnis an. Die Melodie ist eine direkte Entlehnung aus einer gregorianischen Weise des ambrosianischen Hymnus, die Luther rhythmisch und metrisch für den vierstimmigen Choralgesang aufbereitete.

Werk und musikalische Adaptionen

Als eines der wichtigsten Lieder für die Adventszeit wurde „Nun komm, der Heiden Heiland“ zum Ausgangspunkt zahlreicher musikalischer Bearbeitungen, insbesondere im Barock. Komponisten wie Samuel Scheidt, Michael Praetorius, Dietrich Buxtehude und Johann Pachelbel schufen bedeutende Orgelwerke und Choralsätze auf Basis dieser Melodie.

Die tiefgründigste und umfangreichste Auseinandersetzung mit dem Choral findet sich jedoch im Werk Johann Sebastian Bachs. Bach vertonte „Nun komm, der Heiden Heiland“ in verschiedenen Gattungen und zu unterschiedlichen Zeiten seines Schaffens, was seine zentrale Bedeutung für ihn unterstreicht:

  • Kantaten: Bach widmete dem Choral zwei seiner bedeutendsten Adventskantaten für den Ersten Advent:
  • * BWV 61: „Nun komm, der Heiden Heiland“ (1714 in Weimar), eine frühe und dramatische Vertonung, die mit einem majestätischen französischen Ouvertüren-Satz beginnt. * BWV 62: „Nun komm, der Heiden Heiland“ (1724 in Leipzig), eine spätere und musikalisch noch elaboriertere Komposition, die den Choral in einem komplexen Eingangschor kunstvoll verarbeitet.
  • Orgelwerke: Die Choralmelodie inspirierte Bach zu mehreren bedeutenden Orgelvorspielen, die sowohl im "Orgelbüchlein" (OB) als auch in den "Achtzehn Leipziger Chorälen" enthalten sind:
  • * BWV 599 im "Orgelbüchlein", eine schlichte, aber innige Bearbeitung. * BWV 659, BWV 660, BWV 661 in den "Achtzehn Leipziger Chorälen", drei unterschiedliche, tiefsinnige und virtuose Bearbeitungen, die die musikalische und theologische Bedeutung des Chorals exemplarisch entfalten.

    Bedeutung und Erbe

    „Nun komm, der Heiden Heiland“ ist weit mehr als ein einfaches Adventslied; es ist ein musiktheologisches Zeugnis von epochaler Bedeutung. Es verkörpert die Hoffnung und Erwartung der christlichen Welt auf die Ankunft des Erlösers. Für die lutherische Kirche wurde es zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Liturgie des Ersten Advents und prägte maßgeblich die theologische Ausrichtung dieser Zeit.

    Durch Luthers Anpassung wurde der Choral zu einem Modell für die Schaffung deutscher Kirchenlieder und trug wesentlich zur Entwicklung des Gemeindegesangs bei. Bachs Vertonungen sind der Höhepunkt dieser Tradition, indem sie die Melodie und den Text in eine polyphone Architektur von unerreichter Tiefe und Ausdruckskraft einbetten. Sie dienen als Studienobjekte für Generationen von Musikern und Theologen gleichermaßen und veranschaulichen die enge Verbindung von Wort und Ton in der protestantischen Kirchenmusik.

    Bis heute bleibt „Nun komm, der Heiden Heiland“ ein lebendiger Teil des evangelischen Gesangbuchs und wird in Gottesdiensten und Konzerten auf der ganzen Welt gesungen und gespielt, wodurch seine Botschaft von der Erlösung und der kommenden Gnade über Jahrhunderte hinweg weitergetragen wird. Es ist ein unvergängliches Monument der europäischen Musik- und Geistesgeschichte.