# Johann Sebastian Bach: Choralbearbeitungen über 'Allein Gott in der Höh sei Ehr'

Das Kirchenlied „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ bildet einen fundamentalen Pfeiler im Fundus der evangelisch-lutherischen Kirchenmusik und des musikalischen Schaffens Johann Sebastian Bachs. Es ist die deutsche Paraphrase des *Gloria in excelsis Deo* und somit ein integraler Bestandteil des lutherischen Hauptgottesdienstes. Bachs Auseinandersetzung mit diesem Choralsatz manifestiert sich in einer Reihe von bedeutenden Kompositionen, die seine Meisterschaft in der Choralbearbeitung und seine tiefe theologische Durchdringung des Textes eindrucksvoll belegen.

Leben und Kontext

Johann Sebastian Bach (1685–1750), zeitlebens als Kantor, Organist und Hofkapellmeister tätig, war zutiefst in der lutherischen Tradition verwurzelt. Für ihn war Musik nicht nur Kunst, sondern primär ein Instrument zur Ehre Gottes (*Soli Deo Gloria*) und zur Erbauung des Nächsten. Die lutherischen Choräle, als gesungene Theologie und Fundament der Gemeindelieder, bildeten das Rückgrat seines kompositorischen Denkens. Bachs Leben, insbesondere seine prägenden Jahre in Weimar und seine Leipziger Zeit als Thomaskantor, waren untrennbar mit der Gestaltung und musikalischen Auskleidung des Gottesdienstes verbunden. Die Choräle dienten ihm dabei als Inspirationsquelle, theologische Leitfäden und formale Gerüste für seine weitläufigen Kompositionen.

Das Lied „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ hat seine Wurzeln im 16. Jahrhundert. Es ist eine Übertragung des lateinischen *Gloria* ins Deutsche durch Nikolaus Decius (um 1485–1546), basierend auf einer älteren gregorianischen Melodie, die von Martin Luther (1483–1546) umgestaltet und von Decius und anderen für den Gemeindegesang angepasst wurde. Es gehört zu den Hauptliedern des lutherischen Gottesdienstes und wird als feierliches Loblied auf Gott den Vater, Sohn und Heiligen Geist gesungen.

Bachs Werke: Orgelbearbeitungen

Bachs Beschäftigung mit „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ manifestiert sich hauptsächlich in seinen monumentalen Orgelwerken, die ein breites Spektrum an Stilen und kontrapunktischen Techniken umfassen. Er zeigt dabei eine erstaunliche Fähigkeit, die theologische Aussage des Chorals in verschiedensten musikalischen Formen auszudeuten.

Aus der Clavier-Übung III (BWV 675-677)

Die drei Bearbeitungen in der 1739 veröffentlichten *Clavier-Übung III*, auch bekannt als „Deutsche Orgelmesse“, gehören zu den wichtigsten und didaktisch anspruchsvollsten Werken Bachs. Sie repräsentieren unterschiedliche Aufführungspraktiken und kontextuelle Bedeutungen:

  • BWV 675: Ein Manualiter-Satz im Trio-Stil, der eine schlichte, aber elegant geführte Polyphonie aufweist. Er ist für kleinere Orgeln oder den Unterricht geeignet und betont die textliche Klarheit des Lobgesangs.
  • BWV 676: Hier erscheint der Cantus firmus im Alt. Diese monumentale und komplexere Bearbeitung zeigt Bachs Meisterschaft im Umgang mit der Stimmführung, wobei die Melodie des Chorals kunstvoll in das kontrapunktische Geflecht eingebettet ist und durch reiche Koloraturen ausgeschmückt wird. Es ist ein festlicher und reich verzierter Satz.
  • BWV 677: Eine weitere Manualiter-Bearbeitung, diesmal im Trio-Stil, die durch ihre lebhafte Faktur und die spielerische Behandlung des Themas besticht. Sie bildet einen Kontrast zu den größeren Sätzen und unterstreicht die Vielseitigkeit von Bachs Ansatz.
  • Diese drei Sätze sind strategisch in der *Clavier-Übung III* platziert, um die Trinität und die Bedeutung des Gloria im Kontext des lutherischen Katechismus zu reflektieren.

    Aus den „Achtzehn Leipziger Chorälen“ (BWV 662-664)

    Die „Achtzehn Leipziger Choräle“, eine Sammlung von groß angelegten Choralbearbeitungen, die Bach in seinen späten Lebensjahren zusammenstellte und überarbeitete, beinhalten ebenfalls drei Sätze über „Allein Gott in der Höh sei Ehr“. Diese sind von besonderer Tiefe und Dimension:

  • BWV 662: Ein feierlicher und ausgedehnter Satz, in dem der Cantus firmus im Sopran liegt. Er ist geprägt von einer ruhigen, kontemplativen Melodik und einer reichen Harmonik, die die erhabene Natur des Lobpreises unterstreicht.
  • BWV 663: Diese Bearbeitung führt den Cantus firmus im Tenor, eingebettet in ein dichtes Geflecht von Begleitstimmen. Sie ist bekannt für ihre innige Expressivität und ihre komplexe, aber fließende Polyphonie, die den geistlichen Gehalt des Textes intensiviert.
  • BWV 664: Ein brillanter und virtuoser Satz, oft als Trio für zwei Manuale und Pedal konzipiert, in dem der Cantus firmus im Sopran liegt. Dieser Satz ist von besonderer Lebhaftigkeit und technischer Brillanz, fast wie ein konzertantes Stück, das die Freude und den Jubel des Lobgesangs zum Ausdruck bringt.
  • Weitere Einzelbearbeitungen (BWV 711, 715, 716, 717)

    Zusätzlich zu diesen kanonischen Zyklen existieren mehrere Einzelbearbeitungen (BWV 711, 715, 716, 717), die dem sogenannten „Neumeister-Choralbuch“ oder anderen Sammlungen zugeschrieben werden. Diese frühen oder weniger umfangreichen Werke zeigen Bachs durchgängiges Interesse an diesem Choral über seine gesamte Schaffenszeit hinweg. Sie variieren in ihrer Komplexität und Stilistik, von schlichteren Vordersätzen bis zu bereits virtuoseren Anlagen, und geben Einblick in die Entwicklung seiner Choralbearbeitungskunst.

    Bedeutung und Vermächtnis

    Bachs Choralbearbeitungen über „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ sind weit mehr als bloße musikalische Übungen; sie sind tiefgründige theologische Auslegungen und Meisterwerke der Kontrapunktik und Formenlehre. Ihre Bedeutung ist vielschichtig:

  • Theologische Durchdringung: Bach gelingt es, die verschiedenen Strophen und Aspekte des „Gloria“-Textes – vom Lobpreis Gottes in der Höhe bis zur Bitte um Gnade und Frieden – musikalisch abzubilden und zu vertiefen. Jede Bearbeitung ist eine einzigartige Ausdeutung der zugrundeliegenden Botschaft.
  • Musikalische Vielfalt: Die Werke demonstrieren Bachs unvergleichliche Fähigkeit, eine einzige Melodie in einer unendlichen Vielfalt von Formen, Texturen und Ausdrucksgesten zu präsentieren. Sie reichen von intimen, kammermusikalischen Sätzen bis hin zu monumentalen, orchestral anmutenden Gebilden.
  • Pädagogischer Wert: Insbesondere die Sätze der *Clavier-Übung III* sind exemplarisch für Bachs didaktisches Denken. Sie dienen nicht nur der musikalischen Erbauung, sondern auch der Vermittlung verschiedener kontrapunktischer Techniken und des angemessenen Orgelspiels im Gottesdienst.
  • Bleibendes Erbe: Diese Choräle sind feste Bestandteile des Orgelrepertoires und gehören zu den meistgespielten und -studierten Werken Bachs. Sie haben Generationen von Organisten und Komponisten inspiriert und prägen bis heute das Verständnis von evangelischer Kirchenmusik und Bachs Genie.
  • Insgesamt stellen Bachs Choralbearbeitungen über „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ eine klingende Predigt dar, die durch ihre musikalische Schönheit und theologische Tiefe bis heute unerreicht ist. Sie sind ein leuchtendes Beispiel für Bachs lebenslange Verpflichtung, Musik als höchste Form des Gotteslobs zu gestalten.