Einleitung
Aus tiefer Not schrei ich zu dir, BWV 38 ist eine der herausragenden Choralkantaten Johann Sebastian Bachs, komponiert für den 21. Sonntag nach Trinitatis im Jahr 1724 in Leipzig. Als Teil seines zweiten Leipziger Kantatenjahrgangs, der fast ausschließlich aus Choralkantaten bestand, demonstriert dieses Werk Bachs tiefes Verständnis der lutherischen Liturgie und seine unvergleichliche Fähigkeit, theologischen Inhalt in musikalische Form zu gießen.
Das Chorallied und sein Kontext
Das Werk basiert auf Martin Luthers gleichnamigem Lied von 1524, das eine paraphrasierende deutsche Nachdichtung des Bußpsalms 130 (De profundis clamavi ad te, Domine – Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir) darstellt. Dieser Psalm des Bittens um Vergebung und der Hoffnung auf Gnade passte hervorragend zur Lesung des Sonntags (Epheser 6,10–17 – Die Waffenrüstung Gottes) und des Evangeliums (Johannes 4,46–54 – Die Heilung des Sohnes eines Königlichen). Luther schuf mit diesem Choral ein fundamentales Stück protestantischer Kirchenmusik, das die individuelle und gemeinschaftliche Erfahrung von Sünde, Reue und göttlicher Gnade ausdrückt. Bach wählte für seine Kantate nicht nur Luthers Text, sondern auch die zugrunde liegende Choralmelodie, deren Ursprung möglicherweise auf eine vorreformatorische Tenorweise zurückgeht.
Musikalische Struktur und Analyse
BWV 38 ist eine siebensätzige Choralkantate, deren Struktur eng mit dem ursprünglichen Chorallied verbunden ist:
1. Chor: Aus tiefer Not schrei ich zu dir (Vers 1) Der Eingangschor ist ein komplexes und gewaltiges tonales Gebilde in e-Moll. Bach verwendet eine polyphone Fantasieform, in der die Choralmelodie im Cantus firmus, zunächst im Bass (verstärkt durch Posaunen), später von den Sopranen in langen Notenwerten gesungen wird. Die übrigen Stimmen weben ein dichtes Gewebe aus Imitationen und Gegenmelodien, das die „tiefe Not“ und das verzweifelte Flehen expressiv darstellt. Die Instrumentierung mit Oboen d'amore, Streichern und einem vierstimmigen Posaunenchor (verdoppelt mit den Gesangsstimmen) verleiht dem Satz eine besondere Feierlichkeit und klangliche Dichte.
2. Rezitativ (Alt): In Jesu Wunden schlummert Trost Ein secco-Rezitativ, das die Verzweiflung der ersten Strophe aufgreift und in einen Ausdruck der Hoffnung auf die Gnade Gottes in Jesus Christus überführt.
3. Arie (Tenor): Ich höre mitten im Getümmel Diese Arie in h-Moll, begleitet von Oboe d'amore und Basso continuo, ist ein Ausdruck des vertrauensvollen Hörens auf Gottes Wort inmitten der irdischen Wirren. Die melodische Linie der Oboe spiegelt die innere Bewegung des Glaubens wider.
4. Rezitativ (Bass): Ach! da mein Sinn und Herz verzagt Ein weiteres secco-Rezitativ, das die menschliche Schwachheit und Verzweiflung im Angesicht der Sünde und des Gerichts thematisiert.
5. Arie (Sopran, Bass): Wenn meine Sünden wider mich streiten Ein Duett in G-Dur, das einen Höhepunkt der Kantate darstellt. Sopran und Bass dialogisieren über die inneren Kämpfe und die Bitte um göttliche Gnade. Die fließende Melodielinie und die warme Streicherbegleitung schaffen eine Atmosphäre der tröstlichen Zuversicht.
6. Rezitativ (Tenor): Ich blicke voll Vertrauen an Ein letztes kurzes secco-Rezitativ, das die Erlösung durch Christus bekräftigt und auf den abschließenden Choral vorbereitet.
7. Choral: Darum so hoffen wir darauf (Vers 5) Die Kantate schließt mit einer schlichten, vierstimmigen Harmonisierung der fünften Strophe von Luthers Choral. Sie fasst die Botschaft der Hoffnung und des Vertrauens auf Gottes Gnade zusammen und bietet der Gemeinde die Möglichkeit, sich im Gesang zu vereinen.
Bedeutung und Nachwirkung
Aus tiefer Not schrei ich zu dir, BWV 38 ist ein Meisterwerk des Choralkantaten-Genres und ein glänzendes Beispiel für Bachs Fähigkeit, theologische Konzepte durch Musik auszulegen. Der Eingangschor zählt zu den komplexesten und expressivsten Kompositionen Bachs und zeugt von seiner unübertroffenen kontrapunktischen Kunstfertigkeit und dramatischen Ausdruckskraft. Die Kantate offenbart Bachs tiefes Bekenntnis zum lutherischen Glauben und seine Rolle als "fünfter Evangelist", der die biblische Botschaft durch seine Musik verkündete.
Darüber hinaus setzte Bach den Choral "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" auch in anderen Werken ein, darunter in den Orgelchorälen BWV 686 (für zwei Klaviere und Pedal) und BWV 687 (für eine Klaviatur) aus dem dritten Teil der Clavier-Übung, die jeweils eigenständige und tiefgründige Interpretationen des Liedes darstellen und Bachs lebenslange Auseinandersetzung mit diesem Kernstück protestantischer Spiritualität unterstreichen.