# Invention Nr. 6 in E-Dur, BWV 777
Leben und Entstehungskontext
Johann Sebastian Bach (1685–1750), der unvergleichliche Meister des Barock, schuf die Invention Nr. 6 in E-Dur als Teil seiner berühmten Sammlung der 15 Inventionen und 15 Sinfonien (BWV 772–786 bzw. BWV 787–801). Ursprünglich trugen diese Stücke den Titel *„Aufrichtige Anleitung, Worinne denen Liebhabern des Clavier, besonders aber denen Lehrbegierigen, eine deutliche Art gezeiget wird, nicht alleine mit 2 Stimmen reine spielen zu lernen, sondern auch bey fernerem progress gut und inventiones reich zu werden, auch ein cantables tractiren zu erlernen, insonderheit aber eine starke praeparation zu machen, sowohl zum accompagniren als auch zu Componiren. Anno Christi 1723.“* Diese didaktische Intention, geformt während Bachs Zeit als Kapellmeister in Köthen, offenbarte sich in der Absicht, seinen Schülern – darunter auch seinen eigenen Söhnen – eine fundierte Grundlage für das polyphone Klavierspiel, die Komposition und die Improvisation zu vermitteln. Die Stücke dienen als „Erfindungen“ melodischer und motivischer Art, die der Musiker schöpferisch weiterentwickeln soll.Das Werk – Musikalische Analyse
Die Invention Nr. 6 in E-Dur ist ein Paradebeispiel für Bachs Fähigkeit, komplexe kontrapunktische Strukturen mit äußerster Klarheit und musikalischer Schönheit zu verbinden. Als zweistimmiges Werk legt sie besonderen Wert auf die Gleichberechtigung und den Dialog der beiden Stimmen, die sich gegenseitig imitieren, variieren und ergänzen. Die E-Dur-Tonart verleiht dem Stück einen besonders hellen, strahlenden und oft als pastoral oder lyrisch empfundenen Charakter, der sich von den eher ernsten oder energischen Stücken der Sammlung abhebt.Das Hauptthema ist von einer fließenden Melodik geprägt, die oft aus sequenzierten Figuren besteht und eine tänzerische Anmut besitzt. Es wird fast sofort in der Gegenstimme imitiert, oft in Umkehrung oder mit leichten rhythmischen und intervallischen Abwandlungen. Bach nutzt die Technik der Engführung meisterhaft, bei der die imitierende Stimme noch vor dem Ende des Themas in der führenden Stimme einsetzt, wodurch eine hohe Dichte und Verwebung entsteht.
Die Invention durchläuft typische barocke Modulationen, die von der Grundtonart E-Dur über die Dominante H-Dur und die Subdominante A-Dur bis hin zu verwandten Moll-Tonarten wie cis-Moll oder gis-Moll führen, bevor sie elegant zur Tonika zurückkehrt. Die harmonische Entwicklung ist stets logisch und zielgerichtet, untermauert von klar formulierten Kadenzen.
Rhythmisch zeichnet sich das Stück durch eine durchgehende Sechzehntelbewegung aus, die jedoch nie monoton wirkt. Bach erreicht dies durch geschickte Phrasierung, Akzente und die ständige Interaktion der Stimmen, die rhythmische Muster variieren und sich gegenseitig antreiben.