Leben und Kontext

Johann Sebastian Bachs Kantate *Aus tiefer Not schrei ich zu dir*, BWV 38, entstand im Rahmen seines zweiten Leipziger Kantatenjahrgangs und wurde erstmals am 29. Oktober 1724 zum 21. Sonntag nach Trinitatis aufgeführt. Dieser Zyklus ist bekannt für seine sogenannten Choralkantaten, bei denen Bach die Text- und Melodiegrundlage eines lutherischen Kirchenliedes durchweg in das musikalische Gefüge einarbeitete. BWV 38 ist ein herausragendes Beispiel für diese Gattung und zeugt von Bachs tiefem Verständnis sowohl der theologischen Implikationen als auch der musikalischen Möglichkeiten des Chorals. Der Anlass für diese Kantate war die vorgeschriebene Lesung des Evangeliums vom reichen Mann und armen Lazarus (Lukas 16,19–31), welche die Themen Not, Sünde und die Bitte um göttliche Gnade aufgreift – Themen, die im Chorallied *Aus tiefer Not schrei ich zu dir* (Luthers Paraphrase von Psalm 130, dem *De profundis*) ihren prägnanten Ausdruck finden.

Werk und Musikalische Analyse

Die Kantate BWV 38 besteht aus sechs Sätzen, die alle direkt auf Martin Luthers Choralstrophen basieren:

1. Chor: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ Der Eröffnungschor ist ein monumentales Tongemälde tiefster Verzweiflung und flehentlicher Bitte. Bach gestaltet ihn als komplexe Choralfantasie, in der die Melodie des Chorals (phrygisch) im Sopran in langen Notenwerten als Cantus firmus erklingt, während die Unterstimmen und das reich besetzte Orchester (mit vier Posaunen, zwei Oboen und Streichern) ein dichtes polyphones Gewebe bilden. Die archaische Klangfarbe der Posaunen unterstreicht die Ernsthaftigkeit und den biblischen Charakter des Textes. Bach verwendet hier ausdrucksvolle Dissonanzen und eine chromatische Linienführung, um das Gefühl der "tiefen Not" musikalisch zu fassen.

2. Rezitativ (Tenor): „In Jesu Wunden schlaf ich ein“ Ein kurzes, ausdrucksvolles Rezitativ, das die Verzweiflung des ersten Satzes in die Hoffnung auf Erlösung durch Christus überführt.

3. Arie (Alt): „Ich reiche dir die Hände“ Diese intime Arie, begleitet von Oboe d'amore und Basso continuo, ist ein Bekenntnis des Vertrauens und der Hingabe. Die musikalische Linie ist fließend und melancholisch, spiegelt aber zugleich die innere Zuversicht wider.

4. Rezitativ (Bass): „Des Herr’n Erbarmen“ Ein weiteres Rezitativ, das die biblische Grundlage der göttlichen Gnade betont und die Thematik der Sündenvergebung vertieft.

5. Duett (Sopran, Tenor): „Wenn meine Sünden“ Das Duett ist ein dialogisches Gebet, das die gemeinsame Bitte um Vergebung und das Vertrauen auf Gottes Wort zum Ausdruck bringt. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben und bewegen sich in einer anmutigen, oft imitatorischen Weise. Die Instrumentierung ist leicht gehalten, was dem intimen Charakter des Gebets entgegenkommt.

6. Choral: „Ob bei uns ist der Sünden viel“ Die Kantate schließt mit einem schlichten vierstimmigen Choralsatz, der die vierte Strophe von Luthers Lied in einer feierlichen und beruhigenden Weise darbietet. Dieser Satz dient als Affirmation des Glaubens und als Trost spendender Abschluss.

Bedeutung

*Aus tiefer Not schrei ich zu dir*, BWV 38, nimmt einen wichtigen Platz in Bachs Gesamtwerk und insbesondere in seinem Choralkantatenjahrgang ein. Sie demonstriert Bachs meisterhafte Fähigkeit, einen vorgegebenen Choralsatz nicht nur musikalisch zu verzieren, sondern ihn in all seinen theologischen und emotionalen Facetten durchkomponierend zu durchdringen. Die Kantate ist ein tiefgründiges Beispiel für protestantische Kirchenmusik, die nicht nur Gottesdienstzwecken diente, sondern auch als meditatives Kunstwerk von höchster Qualität Bestand hat. Die Verbindung von Luthers tiefgründigem Text mit Bachs unvergleichlicher musikalischer Architektur schafft ein Werk von zeitloser Gültigkeit, das die menschliche Erfahrung von Not, Reue, Glauben und der Hoffnung auf göttliche Gnade auf universelle Weise darstellt. Ihre klangliche Pracht, insbesondere im Eröffnungschor, und ihre emotionale Tiefe machen sie zu einem der zentralen Werke im Kanon der geistlichen Musik Bachs.