# Der Abendmahlsbericht 'Als Jesus Christus in der Nacht...' in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion (BWV 244)

Leben J.S. Bachs und der Kontext der Passionen

Johann Sebastian Bach (1685–1750) wirkte ab 1723 als Thomaskantor in Leipzig, eine Position, die ihn mit umfassenden musikalischen und pädagogischen Aufgaben betraute. Zu seinen Hauptpflichten gehörte die wöchentliche Aufführung von Kantaten und die Gestaltung der Musik für die großen Kirchenfeste. In der Karwoche war die Aufführung einer Passion, einer musikalischen Darstellung der Leidensgeschichte Jesu Christi, ein zentraler Bestandteil des lutherischen Gottesdienstes. Bach komponierte mehrere Passionen, von denen die *Johannes-Passion* (BWV 245) und die *Matthäus-Passion* (BWV 244) vollständig erhalten sind. Diese Werke sind nicht nur musikalische Meisterleistungen, sondern auch tiefgehende theologische Reflexionen, die das Leid Christi als zentrales Heilsgeschehen interpretieren und für die Gemeinde erfahrbar machen sollten.

Die Matthäus-Passion (BWV 244) und der Abendmahlsbericht

Die *Matthäus-Passion*, uraufgeführt wahrscheinlich 1727 oder 1729, ist Bachs umfangreichstes und vielleicht bedeutendstes geistliches Werk. Sie ist für zwei Chöre, zwei Orchester, Solisten und Orgel konzipiert und gliedert sich in zwei Teile, die vor und nach der Predigt im Gottesdienst erklangen. Das Libretto, wahrscheinlich von Christian Friedrich Henrici alias Picander, kombiniert den biblischen Text des Matthäusevangeliums (Kapitel 26 und 27) mit kommentierenden Arien und Chorälen, die die Reflexion und Andacht der Gemeinde fördern.

Die Passage, die mit „Als Jesus Christus in der Nacht“ assoziiert wird, ist keine eigenständige Komposition Bachs, sondern ein integraler Bestandteil des zweiten Teils der *Matthäus-Passion*. Sie bezieht sich auf den biblischen Bericht über die Einsetzung des Abendmahls, primär zitiert aus 1. Korinther 11,23: „Der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis.“

Diese bedeutsame Stelle erscheint in der *Matthäus-Passion* als Rezitativ des Evangelisten (Teil II, Nr. 64a, nach der Einzählungsweise der Neuen Bach-Ausgabe). Sie folgt unmittelbar auf die Verratsgeschichte des Judas und die Gefangennahme Jesu. Gerade im Kontrast zum drohenden Unheil und dem bevorstehenden Leiden wird hier das zentrale Versprechen des christlichen Glaubens – die Stiftung des Abendmahls als Zeichen der Gegenwart Jesu und der Vergebung der Sünden – musikalisch dargestellt. Bach vertont diesen Bericht mit schlichter, aber eindringlicher Rezitativmelodie, die die Ernsthaftigkeit und theologische Tiefe des Geschehens unterstreicht. Die Worte des Evangelisten sind klar und unmissverständlich, untermauert von einer sparsamen, aber wirkungsvollen Generalbassbegleitung, die die narrative Funktion des Rezitativs betont.

Musikalische und Theologische Bedeutung

Musikalisch zeichnet sich Bachs Behandlung des Abendmahlsberichts durch eine bewusste Zurückhaltung aus. Im Gegensatz zu den oft dramatischen und affektgeladenen Arien und Chören, die das Werk durchziehen, ist das Rezitativ des Evangelisten ein Moment der erzählerischen Nüchternheit und gleichzeitig tiefster theologischer Wahrheit. Die melodische Linie ist so gestaltet, dass sie den Text optimal verständlich macht, während die begleitenden Instrumente (hier nur der Generalbass) eine ruhige, kontemplative Atmosphäre schaffen. Diese Klarheit in der musikalischen Darstellung hebt die Bedeutung der Worte hervor: Es ist die Stiftung eines Sakraments, das über alle dramatischen Ereignisse hinaus Bestand hat.

Theologisch ist diese Passage von immenser Bedeutung. Sie steht im Zentrum der Passionsgeschichte, da sie die Liebe Christi und sein Opfer in einem direkten, personalen Akt des Gebens verankert. Die Einsetzung des Abendmahls im Angesicht des drohenden Verrats und der bevorstehenden Kreuzigung schafft eine tiefgreifende Antithese: Dem menschlichen Verrat und der Gewalt steht die göttliche Hingabe und die Verheißung des Heils entgegen. Das Abendmahl wird hier als ein Bund des Lebens etabliert, der die Gläubigen über den Tod hinaus mit Christus verbindet. Bachs musikalische Einfühlung verleiht diesem Moment eine erhabene Würde und macht ihn zu einem Ruhepunkt der Hoffnung inmitten der aufwühlenden Erzählung von Leiden und Sterben. Für die damalige lutherische Gemeinde war diese Stelle eine direkte Brücke zum eigenen Glauben und zur Teilnahme am Sakrament, das in der Liturgie eine zentrale Rolle spielte.