Leben und Kontext
Arnold Schönberg (1874–1951), eine zentrale Figur der Zweiten Wiener Schule, komponierte sein zweites Streichquartett fis-Moll op. 10 in den Jahren 1907–1908. Diese Periode war für Schönberg eine Zeit intensiver persönlicher Turbulenzen und radikaler künstlerischer Neuorientierung. Die Auflösung seiner Ehe und das allgemeine Klima des Umbruchs in der Wiener Kunst- und Geisteswelt des Fin de Siècle spiegeln sich in der musikalischen Sprache des Werkes wider. Schönberg befand sich auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der Grenzen der funktionalen Tonalität, eine Entwicklung, die in diesem Quartett ihre erste umfassende Manifestation finden sollte. Das Werk entstand in einer Phase, in der Schönberg zunehmend die traditionellen Harmonien sprengte und die „Emanzipation der Dissonanz“ proklamierte – eine Idee, die das musikalische Denken des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte.
Das Werk: Aufbau und musikalische Sprache
Das Streichquartett Nr. 2 fis-Moll op. 10 ist in vier Sätze gegliedert und stellt eine einzigartige Hybridform dar, indem es die Besetzung des klassischen Streichquartetts in den letzten beiden Sätzen durch eine Sopranstimme erweitert. Die thematische Arbeit des Werkes zeigt noch Bezüge zur spätromantischen Formtradition, doch die harmonische Entwicklung führt in einen gänzlich neuen Klangraum:
1. Mäßig: Der Kopfsatz, noch weitgehend in fis-Moll verankert, beginnt mit einer lyrisch-schmerzlichen Atmosphäre. Obwohl die Chromatik stark ausgeprägt ist, sind die tonalen Zentren noch erkennbar, wenn auch oft verschleiert und durch enharmonische Wendungen aufgeweicht. 2. Sehr rasch: Das Scherzo, ein flirrender und rhythmisch unruhiger Satz in d-Moll, spielt mit grotesken und burlesken Elementen. Es enthält eine überraschende, ironische Anspielung auf das Wiener Volkslied „Ach, du lieber Augustin“, dessen Melodie auf die Worte „Alles ist hin“ moduliert wird – eine subtile musikalische Metapher für den beginnenden Zusammenbruch der Tonalität und der alten Ordnung. 3. Litanei (Langsam): In diesem langsamen Satz vollzieht sich der entscheidende Schritt zur Erweiterung der Besetzung. Eine Sopranstimme tritt hinzu und vertont das Gedicht „Litanei“ aus Stefan Georges Zyklus *Der siebente Ring*. Der Text, der von der Sehnsucht nach Erlösung und der Auflösung des Ichs spricht, korrespondiert perfekt mit der musikalischen Entgrenzung. Die harmonische Sprache wird noch freier, die Tonalität beginnt sich aufzulösen, und die Dissonanzen gewinnen an Eigenwert. 4. Entrückung (Sehr langsam): Der Finalsatz ist der radikalste und visionärste des Quartetts. Hier erreicht die Musik einen Zustand der vollständigen Atonalität. Die Sopranstimme singt erneut ein Gedicht aus Georges *Der siebente Ring*, „Entrückung“, dessen berühmte Zeile „Ich fühle Luft von anderem Planeten“ zu einem Mantra des musikalischen Aufbruchs wird. Die Streicher weben einen schwebenden, entrückten Klangteppich, über dem sich die Vokalstimme in einer Weise entfaltet, die alle traditionellen melodischen und harmonischen Bindungen hinter sich lässt. Dieser Satz ist ein klangliches Manifest für die Befreiung von den Konventionen der Tonalität und gilt als einer der frühesten Belege atonaler Musik.
Bedeutung und Nachwirkung
Schönbergs Streichquartett Nr. 2 ist ein Schlüsselwerk der Musikgeschichte und markiert einen unumkehrbaren Wendepunkt. Seine Bedeutung liegt auf mehreren Ebenen:
Die Uraufführung 1908 in Wien war ein Skandal, spaltete das Publikum und die Kritik, doch das Werk wurde schnell als wegweisend erkannt. Es beeinflusste maßgeblich Schönbergs Schüler Alban Berg und Anton Webern sowie die gesamte Entwicklung der Neuen Musik. Heute wird Schönbergs Streichquartett Nr. 2 als eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts gewürdigt, das den Mut und die Weitsicht eines Komponisten demonstrierte, der bereit war, alte Pfade zu verlassen und eine neue musikalische Ära einzuleiten.