Leben und Entstehung
„Agon“ (griechisch für „Wettkampf“, „Wettstreit“) entstand in einer entscheidenden Phase im Leben Igor Strawinskys, nämlich während seiner späten Hinwendung zur Zwölftontechnik und zum Serialismus. Nach dem Tod Arnold Schönbergs im Jahr 1951 begann Strawinsky, unter dem Einfluss seines Assistenten Robert Craft und inspiriert von den Werken Anton Weberns, diese bis dahin von ihm abgelehnte Kompositionstechnik zu erforschen. Die Komposition von „Agon“ erstreckte sich von 1953 bis 1957, eine Zeit, in der Strawinsky auch andere serielle Werke wie „Canticum Sacrum“ und „Threni“ schuf. Das Ballett ist das dritte und letzte Werk einer trilogischen Zusammenarbeit mit dem Choreographen George Balanchine für das New York City Ballet, nach „Orpheus“ (1948) und „Apollo“ (1928). Die Uraufführung fand am 13. Juni 1957 im Los Angeles Philharmonic Auditorium statt (Konzertfassung), die szenische Uraufführung folgte am 1. Dezember 1957 durch das New York City Ballet. Balanchine hatte sich eine musikalische Struktur gewünscht, die den barocken Suiten ähnelte, jedoch in einer radikal modernen musikalischen Sprache gehalten war – eine Herausforderung, die Strawinsky mit Bravour meisterte.
Werk und Eigenschaften
„Agon“ ist ein Ballett für zwölf Tänzer, das aus zwölf kurzen Sätzen besteht und eine stark symmetrische Form aufweist. Obwohl es keine narrative Handlung im traditionellen Sinne gibt, wird der „Wettkampf“-Aspekt durch die verschiedenen Konstellationen und Wechselbeziehungen der Tänzer musikalisch und choreographisch erforscht. Die musikalische Sprache ist ein faszinierendes Amalgam aus Strawinskys charakteristischer rhythmischer Vitalität, klarer, durchsichtiger Instrumentation und strengen seriellen Techniken. Während die ersten Sätze noch auf Hexachorden basieren, integriert Strawinsky später vollständige Zwölftonreihen, wobei er jedoch seine unverwechselbare Klangästhetik beibehält. Er experimentiert mit der Gegenüberstellung von diatonischen und seriellen Passagen, manchmal innerhalb desselben Satzes, was zu einer einzigartigen Spannung und Expressivität führt. Die Instrumentation ist vergleichsweise klein, oft kammermusikalisch gehalten, und umfasst eine breite Palette an Schlaginstrumenten, Klavier, Harfe und Mandoline, die für spezifische Klangfarben und Texturen eingesetzt werden. Balanchines Choreographie für „Agon“ ist ebenso bahnbrechend: Sie ist abstrakt, athletisch, neoklassisch und spiegelt die musikalische Struktur des Balletts detailgetreu wider, oft mit einer frappierenden Gegenüberstellung von klassischen Ballettformen und modernen, fast akrobatischen Bewegungen.
Bedeutung
„Agon“ nimmt eine zentrale Stellung im Spätwerk Strawinskys ein. Es demonstriert nicht nur seine bemerkenswerte Fähigkeit, sich neuen musikalischen Systemen zu öffnen und diese in seinen eigenen, unverwechselbaren Stil zu integrieren, sondern gilt auch als Gipfelpunkt seiner seriellen Phase. Das Ballett widerlegte die Annahme vieler Kritiker, Strawinsky könne serielle Musik nicht authentisch und persönlich gestalten. Stattdessen schuf er ein Werk, das die Grenzen des musikalisch Möglichen erweiterte und gleichzeitig zutiefst persönlich blieb. In der Geschichte des Balletts markiert „Agon“ einen Wendepunkt. Balanchines radikale Choreographie, die die Musik in ihrer reinsten Form visualisiert, ohne auf traditionelle Erzählstrukturen zurückzugreifen, beeinflusste Generationen von Choreographen. Die kongeniale Verbindung von Strawinskys Musik und Balanchines Tanz macht „Agon“ zu einem der bedeutendsten Ballette des 20. Jahrhunderts und einem Schlüsselwerk der musikalischen Moderne.