Leben und Entstehung

Paul Hindemiths „Requiem für die, die wir lieben“ (originaler Werktitel: *When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd*) entstand 1946 in den Vereinigten Staaten, wo der Komponist seit 1940 im Exil lebte. Die Entstehung fällt in die unmittelbare Nachkriegszeit und ist eine direkte Reaktion auf die unfassbaren Verluste und das Leid des Zweiten Weltkriegs. Das Werk wurde von Robert Shaw für seinen Chor in Auftrag gegeben, um der Kriegstoten zu gedenken. Hindemith wählte hierfür das elegische Gedicht „When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd“ von Walt Whitman, das ursprünglich dem Gedenken an den ermordeten US-Präsidenten Abraham Lincoln gewidmet war. Hindemith übertrug die persönliche Trauer um Lincoln auf die kollektive Trauer um die unzähligen Opfer des Weltkriegs und schuf somit ein 'Amerikanisches Requiem', das die traditionelle lateinische Liturgie durch eine säkulare, doch zutiefst spirituelle Dichtung ersetzte. Die Uraufführung fand am 14. Mai 1946 in New York statt.

Werk und Eigenschaften

Das Oratorium ist für gemischten Chor, Mezzosopran- und Baritonsolo sowie großes Orchester konzipiert und gliedert sich in elf Sätze, welche der narrativen und emotionalen Struktur von Whitmans Gedicht folgen. Die musikalische Sprache ist charakteristisch für Hindemiths Spätwerk: sie verbindet eine klare, oft lineare Polyphonie und kontrapunktische Meisterschaft mit einem ausdrucksstarken, erweiterten tonalen Vokabular. Trotz seiner Verwurzelung in der deutschen Tradition integriert Hindemith hier amerikanische Einflüsse, insbesondere in der Form der musikalischen Dramaturgie und der unmittelbaren Emotionalität, die sich von der oft als 'Gebrauchsmusik' missverstandenen früheren Phase seines Schaffens abhebt.

Zentrale musikalische Motive sind die Darstellung des „powerful, western fallen star“ (Symbol für die gefallenen Helden), die „lilacs“ (als Zeichen der immer wiederkehrenden Natur und des ewigen Kreislaufs) und der „hermit thrush“ (die Einsiedlerdrossel), deren Gesang als melancholischer Trostspender und Überbringer der Botschaft des Todes fungiert. Hindemiths Behandlung des Textes ist meisterhaft; er unterstreicht Whitmans Metaphern und Bilder mit einer Musik, die sowohl erhabene Trauer als auch Momente der inneren Einkehr und des friedvollen Abschieds zulässt. Die Solostimmen übernehmen oft die intimeren Reflexionen, während der Chor die kollektive Klage und die visionären Ausblicke darstellt. Das Werk kulminiert nicht in dramatischer Verzweiflung, sondern in einer ergreifenden Akzeptanz des Todes als Teil des Lebens, getragen von einer tiefen humanistischen Haltung.

Bedeutung

„Requiem für die, die wir lieben“ zählt zu Hindemiths bedeutendsten Chorwerken und markiert einen Höhepunkt in seinem Schaffen im Exil. Seine Bedeutung liegt primär in der universellen Botschaft der Trauer und des Gedenkens, die über konfessionelle oder nationale Grenzen hinausgeht. Indem Hindemith ein 'Requiem' auf eine säkulare Dichtung komponierte, schuf er ein Werk, das auch für jene zugänglich ist, die keinen religiösen Bezug zu den traditionellen Totenmessen haben, und bot einen musikalischen Raum für die kollektive Verarbeitung des Traumas. Es ist ein Zeugnis der Fähigkeit der Kunst, in Zeiten größter Katastrophen Trost zu spenden und die Erinnerung wachzuhalten. Das Oratorium steht als Brücke zwischen der europäischen Kompositionstradition und der neuen Heimat Hindemiths und ist ein eindringliches Plädoyer für Frieden und Menschlichkeit, dessen Relevanz bis heute ungebrochen ist.